Ohne Privatauto für mehr Lebensqualität

"Kein Auto zu haben, ist oft ein Zugewinn an Lebensqualität – man muss es nur mal probieren", so Hannes Jaenicke in seinem neuen Buch "Die große Volksverarsche".

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Noch vor einigen Jahren hätte sich dieser Satz beinah revolutionär angehört – zu grün, zu wahnsinnig! Inzwischen hat die Idee ihre Widersprüchlichkeit verloren, denn vielen Umfragen zufolge sinkt die emotionale Anziehungskraft des Automobils. Das Auto im Privatbesitz ist als Statussymbol nicht mehr so beliebt. Die Nutzung wird situativer.

Ein Grund dafür sind die intelligenten Technologien. Diese neuen Erfindungen durchdringen das gesellschaftliche Leben und senden neue Impulse für die persönliche Selbstbestimmung. Insbesondere die jungen Eliten sind mit Smartphone, Tablet, Facebook und Twitter extrem mobil unterwegs und wollen sich von einem Stehobjekt wie dem Auto nicht ausbremsen lassen.

Darüber hinaus hat das Auto auch seinen praktischen Stellenwert verloren. In einer zunehmend urbanen Gesellschaft, in der über 59 Prozent der Weltbevölkerung bis 2030 in Großstädten leben werden, wird, vor allem im Westen, ein Fortbewegungsmix mit weniger Privatautos und mehr öffentlichem Verkehr immer wichtiger, denn Platz soll wieder effektiv genutzt werden.

Wie sich die Vorstellung von Mobilität und Flexibilität ändert, zeigen das Konzept des Carsharings und die Nutzung des E-Bikes. Beide Ideen berücksichtigen die individuellen Fahrbedürfnisse und verbessern den gemeinschaftlichen Gebrauch der öffentlichen Räume.

Carsharing – anstatt besitzen gemeinsam ­nutzen.

Kleine City-Flitzer, sportliche Mini Cooper oder bequeme BMW Coupés. Besonders für jüngere Menschen stellt die Carsharing-Philosophie eine starke Anziehung dar. Für Studenten, Selbstständige, Jungunternehmer ist das geteilte Auto zum Lifestyle geworden – ganz ohne Individualitätseinbußen oder Verpflichtungen.

In den größten deutschen Städten operieren insgesamt acht Carsharing-Unternehmen. Deutschlandweit sind es über 150. Carsharing lohnt sich für jeden, der das Auto nicht täglich, aber hin und wieder für Transporte braucht. Hinzu kommt: Ein privater Pkw steht im Durchschnitt über 23 Stunden am Tag. Dafür kostet der Unterhalt eine Menge. Für einen einfachen Golf fallen rund 4.000 Euro jährlich an. Im Gegensatz dazu sind die Kosten für Anschaffung, Versicherung und Fixkosten beim Autoteilen sehr gering.

Das Carsharing hat auch ökologische Vorteile, die der ganzen Gesellschaft zugutekommen. Der ökologische Verkehrs­club VCD hat es ausgerechnet: Ein geteiltes Auto ersetzt vier bis zehn Privatwagen. Weniger zugeparkte Gehwege, Lärm und schädliche Abgase können das Lebensgefühl in Städten und Gemeinden deutlich verbessern.

Drei Konzepte des Carsharings konnten sich bis jetzt wirtschaftlich etablieren. Das private Autoteilen (zum Beispiel Nachbarschaftsauto.de) ist auf dem Land angesagt, wo die Dichte der klassischen Anbieter gering und das Miteinander stark ist. Beim klassischen Carsharing (zum Beispiel Stattauto oder teilAuto) muss das Auto an einer Station abgeholt und abgegeben werden. In stark urbanisierten Gebieten dominiert aber das Free-Floating-Carsharing (wie zum Beispiel Drive­Now, Car2Go), mit dem auch Einwegfahrten realisiert werden können. Dies funktioniert fast mühelos. Mittels einer Smartphone-App und des Internets wird das passende Auto innerhalb weniger Sekunden gebucht.

Bike Deluxe: Pedelecs

Nach Angaben des VCD ist ungefähr die Hälfte aller Stadtfahrten kürzer als fünf Kilometer. Insbesondere bei Strecken zwischen 10 und 20 Kilometern, wo das Auto zu ineffizient ist und das Fahrrad zu leistungsschwach, können Pedelecs die Lücke schließen.

 Das E-Bike hat längst das Image des "Schummelfahrrads mit Reha-Touch" verloren. Es ist für die großen Ballungszentren besonders gut geeignet, wo Schleichverkehr ein untrennbarer Teil der urbanen Szenerie ist. Dort können die kurzen Distanzen mit dem Pedelec viel schneller als mit dem Pkw bewältigt werden.

Die E-Bikes sind eine flinke Lösung umweltfreundlicher Mobilität, für die in der Regel keine speziellen Fahrkenntnisse, Zulassung oder Helm nötig sind. Der niedrigere Anschaffungspreis im Vergleich zum Auto, die ökologischen Vorteile und die Bedienungsfreundlichkeit machen die Elektroräder sehr attraktiv. Dazu kommt, dass sie energiesparender sind. Der Energieverbrauch kostet 0,18 Cent pro Kilometer, während mit dem Auto rund zwölf Cent pro Kilometer gezahlt werden. Das ist 67-mal mehr als mit dem E-Rad! Das i-Tüpfelchen: Der Parkplatz ist nie ein Problem.

Schon eine Million E-Bikes fahren bundesweit auf unseren Straßen. Wem Bergauf- oder Gegen-den-Wind-Radeln zu anstrengend ist, sollte das Pedelec unbedingt ausprobieren. Die ersten Marktkonzepte, die Pedelecs als Bikesharing anbieten, befinden sich in der Testphase.

Es sieht so aus, als ob die Befreiung von den alten Gewohn­heiten langsam, aber sicher Anlauf nimmt und eine neue Art des Fortkommens zunehmend an Popularität gewinnt. Sie ist freiwillig, kostengünstig, überall verfügbar und vernetzt – genau wie die neu gewonnene Mobilität des digitalen Zeitalters.

››› Gastbeitrag Verkehrsclub Deutschland VCD e.V.

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Carsharing

  • Nützliche Tipps gibt es auf der Website des Bundes­verbands CarSharing, z. B. eine aktuelle Liste seriöser ­Anbieter und Standorte in Ihrer Nähe: carsharing.de
  • Privates Carsharing
    Drivy (Zusammenschluß von Nachbarschaftsauto und Autonetzer): drivy.de

Pedelecs