Vom Wissen zum Wandel

Das Alnatura Magazin im Gespräch mit Prof. Dr. Klaus Töpfer, Direktor des IASS Potsdam (Institute for Advanced Sustainability Studies), über nachhaltiges Handeln und die Knappheit der Ressource Boden

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Herr Töpfer, Ihr Institut arbeitet unter anderem am globalen Gesellschaftsvertrag für Nachhaltigkeit. Können Sie erklären, wofür sich das IASS genau engagiert?
Prof. Dr. Klaus Töpfer:
Wir arbeiten an der Veränderung hin zu einer nachhaltigen Welt. Das Komplexe daran ist: Obwohl wir um die voraussichtlichen Folgen des Klimawandels wissen und Lösungsansätze vorhanden sind, werden diese häufig nicht umgesetzt. Nichtnachhaltiges Handeln dominiert die Welt weiterhin. Wir arbeiten am IASS daran, diese Lücke zwischen wissenschaftlicher Erkenntnis und dem tatsächlichen politischen und ökonomischen Handeln kleiner werden zu lassen und möglichst ganz zu schließen.

Warum, glauben Sie, existiert diese Diskrepanz zwischen Wissen und Handeln?
Zum einen ist unserer Gesellschaft das Vertrauen verloren gegangen, auch das Vertrauen in die Wissenschaft. Und zum anderen findet eine Verdrängung statt. Man redet sich ein, "mich betrifft es nicht". Ortwin Renn hat dazu ein interessantes Buch geschrieben mit dem Titel "Das Risikoparadox". Wir Menschen wissen, dass es nicht gesund ist, zu rauchen, zu viel Alkohol zu trinken oder zu viel zu essen – und tun es trotzdem. Wir wissen darum, dass wir unsere Lebensgrundlagen aufs Spiel setzen, und können es einfach nicht lassen.

Und Sie möchten dem etwas entgegensetzen, wie sieht Ihre Arbeit am IASS konkret aus?
Damit Forschung zu Veränderung im Handeln führt, bildet das IASS eine internationale Plattform für den Austausch zwischen Wissenschaft, Politik, Zivilgesellschaft und Wirtschaft. Wir laden beispielsweise Experten unterschiedlicher Fachrichtungen zu gemeinsamen Workshops ein. So kommen Vertreter aus Politik, Wirtschaft und NGOs aus der ganzen Welt für offene und konstruktive Diskussionen zusammen und sind daran beteiligt, Lösungen zu erarbeiten.

Zu welchen Themen forschen Sie am IASS?
Unsere Forschungsbereiche sind die Transformation von Energiesystemen, vor allem im Hinblick auf die Reduktion von Treibhausgasemissionen, sowie der nachhaltige Umgang mit unseren Erdsystemen und Ressourcen. Hier erforschen wir anhand der Schwerpunkte Atmosphäre, Böden und Ozeane die Zusammenhänge zwischen menschlichem Handeln und den dadurch ausgelösten mittel- bis langfristigen Auswirkungen auf unsere Umwelt.

Bleiben wir bei den Böden. Gerade für die globale Ernährungsfrage sind gesunde, fruchtbare Böden überlebenswichtig.
Ja, die Ressource Boden ist ein wichtiger Faktor der nachhaltigen Entwicklung weltweit und wird leider häufig vergessen bei der Diskussion um die Bekämpfung des Klimawandels. Böden bilden die Grundlage für mehr als 90 Prozent der weltweit produzierten Nahrung. Der Boden ist eine endliche Ressource, die durch Erosion, Wüstenbildung oder Versiegelung immer knapper wird. So schrumpft auch die Fläche an landwirtschaftlich nutzbarem Boden. Und: Böden speichern auch mehr als 4 000 Milliarden Tonnen Kohlenstoff – zehnmal mehr als Bäume – und können so dem Klimawandel entgegenwirken.

Umso wichtiger ist es, dass wir mit den landwirtschaftlich genutzten Flächen pfleglich umgehen und sie nicht mit Pestizideinsatz und Kunstdünger weiter auslaugen.
Vor allem sollten wir den Flächenverbrauch drastisch reduzieren. Wissen Sie, dass in Deutschland pro Tag rund 70 Hektar versiegelt werden? Flächen werden hier vor allem verbaut. Fraglich ist auch, ob in Anbetracht dieser konkurrierenden Flächennutzung landwirtschaftliche Flächen für Biogasanlagen verbraucht werden sollten. Hier tritt Energiegewinnung in Konkurrenz mit der Erzeugung von Nahrungsmitteln. Auch Bio-Landwirte haben Probleme, zusätzlich Land zu pachten oder zu kaufen.

Die Nachfrage nach Bio-Produkten in Deutschland steigt nach wie vor, allerdings ist es schwierig, genug Bio-Rohstoffe aus Deutschland zu bekommen.
Ja, aber immer mehr Menschen denken um und fragen nach. Nicht nur nach ökologisch angebauten Produkten, sondern auch, ob die sozialen Bedingungen bei der Herstellung stimmen. Beim Thema Nachhaltigkeit geht es um mehr als um Bio, es geht auch um Fairness gegenüber den Menschen, die beim Produktionsprozess beteiligt sind. Und wenn es den Kunden nur um den günstigsten Preis geht, dann muss ihnen klar sein, dass hier auf jeden Fall irgendeiner innerhalb der Produktionskette für diesen oftmals zu niedrigen Preis bezahlen muss: mit schlechten Arbeitsbedingungen, niedrigen Löhnen, unzureichender Sicherheit und so weiter.

Alnatura versucht mit der Bio 7 Initiative diese erweiterten Inhalte von "Bio" aufzugreifen und möchte den Kunden einen ganzheitlichen Nachhaltigkeits­ansatz anbieten.
Es gibt zum Glück so etwas wie eine Renaissance der Informierten. Kunden, die genau das einfordern, und Kunden, die das Vertrauen, das sie den Unternehmen, den Politikern und Institutionen schenken, immer wieder sehr kritisch hinter­fragen. Dieses Vertrauen dürfen wir nicht enttäuschen. Initiativen wie der von Alnatura wünsche ich viel Erfolg.

Vielen Dank, Herr Töpfer, für dieses Gespräch.

››› Das Interview führte Susanne Salzgeber

Prof. Dr. Klaus Töpfer

Prof. Dr. Klaus Töpfer (76) ist Gründungs- und Exekutivdirektor des Institute for Advanced Sustainability Studies (IASS) in Potsdam. Er war 2011 Co-Vorsitzender der Ethikkommission für eine sichere Energieversorgung der Bundesregierung. Er war außerdem Bundesumweltminister (1986–1994) sowie Exekutivdirektor des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (1998–2006) und Vorsitzender des Rates für Nachhaltige Entwicklung.