Serie "Über den Tellerrand kochen"

Was haben wir Menschen auf der Erde gemeinsam, egal welcher Religion, Kultur oder Nation wir angehören? Wir müssen essen und trinken. Was uns schmeckt und wie wir es zubereiten, unterscheidet uns, aber es kann uns auch verbinden, wenn wir miteinander teilen. Im Alnatura Magazin zeigen wir jeden Monat ein Rezept von geflüchteten Menschen, das sie gemeinsam mit ihren deutschen Freunden für uns kochen.

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Arbab ist zum ersten Mal dabei. Schüchtern steht er am Eingang, während drinnen schon eifrig gearbeitet wird. Noch schaut er traurig, aber im nächsten Moment bekommt er eine Aufgabe: Die Zwiebeln müssen geschnitten werden. Sahar hat ihre Kochgehilfen wie ihre irakischen Rezepte fest im Griff. Mit liebenswürdiger Strenge ermahnt sie Karin, die Hackfleisch-Tomaten-Kichererbsen-Linsen-Sauce ("Krime" genannt) geduldig weiterzurühren. Nebenbei stellt sie den vegetarischen Bulgurauflauf (Erugelmusel genannt) in den Ofen, prüft die Temperatur und erinnert Khalib und Arbab daran, sich um den Reis zu kümmern. Anschließend wendet sie sich Wallaa und Mohamed zu, die gerade die Masse für das Erugelmusel mit Hackfleisch kneten. "Alles schön vermischen, die Gewürze nicht vergessen", betont Sahar, die vor über 17 Jahren mit ihrer Familie vor Saddam Hussein aus dem Irak floh. Ihre Lieblingsgewürze, die man in ihrer Heimat gern in Kombination verwendet, sind Nelke, Kardamom und Zimt. Sie arbeitet als Kinderbetreuerin in der Grundschule und übersetzt unter anderem für das Gleichstellungsbüro. Seit fast einem Jahr nimmt sie regelmäßig an den Veranstaltungen von "Über den Tellerrand kochen" teil und zählt eindeutig zu den Profiköchen hier.

Über den Tellerrand kochen in Hannover

Gegründet wurde die Initiative in Hannover Ende 2015 von Natascha, die im Sekretariat der Leibniz Universität arbeitet. Über 30 Personen mit 7 verschiedenen Nationalitäten sind in die von der Adventsgemeinde zur Verfügung gestellten Räume gekommen: zum Beispiel Amin aus Algerien, seit drei Jahren in Deutschland und Koch von Beruf, der als Gärtner jobbt. Er wird gleich für den nächsten Algerien-Kochabend verpflichtet. Wallaa aus Syrien, die vor einem Jahr mit ihrem Bruder nach Deutschland kam, würde gern wieder als Apothekerin arbeiten. Konadu aus Ghana hat ihre beiden Kinder Michel und Davina mitgebracht, die sich vorrangig für die Schokoladen- und Keksschälchen interessieren. Nasir aus Afghanistan sieht man seinen Friseur-Beruf an, er hat eindeutig die gestyltesten Haare, möchte aber lieber Schauspieler werden. Zusammen mit seinem Freund Khalid hat er schon mal in einem Film mitgespielt. Khalid studierte in Afghanistan persische Literaturwissenschaft und konzentriert sich hier erstmal aufs Deutsch lernen. Arbab aus dem Sudan traut sich nach seinen Kocheinsätzen auch zu erzählen: Er wünscht sich nichts sehnlicher, als endlich seine Familie nach Deutschland holen zu können, die er seit mehr als fünf Jahren nicht mehr gesehen hat. Sie musste wegen des Darfur-Konflikts über die Grenze in die Zentral­afrikanische Republik Tschad flüchten. Seitdem lebt sie in einem Flüchtlingscamp im Tschad. Arbabs Antrag auf Asyl wurde abgelehnt, er erhielt in Deutschland lediglich subsidiären Schutz, das heißt, eine Aufenthaltsgenehmigung für ein Jahr – ohne Nachzug der Familie. Martina aus Hannover hat ihm juristischen Beistand besorgt. Aber jetzt wird erst mal gegessen. Ein buntes Gemisch aus Reis, Krime, Salat und Erugelmusel ziert die Teller der Gäste. Zufriedene Gesichter, viele schöpfen sich noch etwas nach. Sahar erhält von allen Seiten Lob und strahlt. Die Menschen treffen sich hier zum Kochen und Essen, aber das Wichtigste sind die Gespräche, das Kennenlernen und die Freundschaften, die sich daraus ergeben.

››› Susanne Salzgeber