Mit Bio-Saatgut aus der Sackgasse

Bio-Züchter setzen auf die Pflege und Entwicklung samenfester Sorten und weisen so einen Weg aus der genetischen Sackgasse der Hybridzucht.

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Fußgängerzonen sind ein Hort der Vielfalt. Ob Joggingschuhe, Kaffeemaschinen, Fernseher oder Outdoor-Jacken – das Überangebot an Konsumgütern erschlägt bisweilen den Kaufinteressenten. Doch wie sieht die Vielfalt bei Lebensmitteln, insbesondere bei Gemüse aus? In Supermärkten reihen sich Brokkoli, Tomaten, Bohnen und Zucchini in farbenprächtigen Auslagen. Die große Zahl unterschiedlicher Gemüse- oder Obstarten allein, zum Beispiel der Apfel, ist noch kein Merkmal von Vielfalt, sie zeigt sich erst in der Häufung von Sorten wie Boskoop, Elstar, Gala, Braeburn und so weiter.

Zu den beliebtesten Gemüsen zählen Tomaten. Doch ob August oder Januar, ganzjährig bekommen die Kunden meistens nur die ewig gleich aussehenden, makellosen Tomaten. Dabei kennt die Botanik mehrere Tausend Tomatensorten. Gelbe, grüne, violette und sogar schwarze Tomaten, fleischige und zarte, herzhaft-kräftig oder edelsüß schmeckende Tomaten. Wer sich mit Tomatensorten beschäftigt, dem fallen die zahllosen Formen auf. Kugelrund sind eigentlich nur die genormten Exemplare im Supermarkt.

Verkehrte Welt also? Ja, denn Vielfalt liegt sprichwörtlich in der Natur der Dinge. Über Jahrtausende hat der Mensch die Vielfalt der Pflanzen in der Landwirtschaft kultiviert und mittels Auslese und Züchtung weiterentwickelt. Auch heute säen und ernten Landwirte auf ihren Feldern, allerdings mit einem entscheidenden Unterschied zu früher: Sie kaufen in den meisten Fällen das Saatgut, anstatt es selbst zu gewinnen. Moderne Zuchtmethoden, insbesondere die Hybridzüchtung, erlauben es nicht mehr, dass Bauern die Samen der eigenen Ernte einsetzen. Das Ergebnis wäre oft kümmerlich und der Bauer im wahrsten Sinne ohne Brot.

Hybride steuern in die genetische Sackgasse

Was ist passiert? Hybride haben Einzug in das Züchtungs- und Saatgutgeschäft gehalten. Gleichzeitig fallen viele Feldfrüchte wie Mais, Raps und Weizen unter das Sortenschutz­gesetz, sie dürfen nur gegen Lizenzgebühren "nachgebaut", das heißt ausgesät und geerntet werden. Hybride nennt man in der Pflanzenzüchtung die Nachkommen aus der Kreuzung von Inzuchtlinien. Eine durchaus intelligente Zucht­technik, denn die hieraus gewonnenen Produkte zeichnen sich durch eine hohe Gleichförmigkeit im Wuchs, im Aussehen und in der Qualität aus (denken Sie an Tomaten!) – und sie ermöglichen hohe Erträge. Allerdings um den Preis, dass der Bauer oder Gärtner aus Hybridpflanzen kein Saatgut ­gewinnen kann. Hybride sind nicht samenfest. Samenfeste Sorten dagegen sind, wie von der Natur vorgesehen, nachbaufähig. Sie sind in der Lage, fruchtbare Samen zu bilden.

Hinter dieser Entwicklung stehen Pflanzenzüchter, die ­inzwischen meist zu den ganz großen Agrarunternehmen gehören. Diese haben in den vergangenen Jahrzehnten eine ­beispiellose Konzentration beim Saatgut forciert. Über 70 Prozent des weltweiten kommerziellen Saatgutmarktes werden von nur zehn Agrarkonzernen beherrscht. Allein die vier größten Züchter verfügen über 58 Prozent des globalen Marktes für Saatgut, das mit Lizenzen geschützt ist. Laut Welternährungsorganisation FAO gingen in den letzten 100 Jahren drei Viertel der noch um 1900 verfügbaren Sortenvielfalt verloren. Zuckermais, Blumenkohl, Brokkoli, ­Rettich oder Chinakohl sind praktisch nur noch als Hybride auf dem Markt.

Diese Entwicklung ging auch am ökologischen Landbau nicht vorbei. Bio-Bauern sind zum Teil noch auf konventionell gezüchtetes Saatgut angewiesen, das auf Bio-Betrieben vermehrt wird. Die Anzahl der Bio-Züchter ist noch klein, ihre Fläche gering und zu wenig Saatgut aus ökologischer Züchtung vorhanden. Doch die Bio-Züchter sind aktiv, sie setzen auf die Pflege und Entwicklung samenfester Sorten und weisen so einen Weg aus der genetischen Sackgasse der Hybridzucht. Bis neue Sorten in den erforderlichen Qualitäten und Mengen flächendeckend verfügbar sind, vergehen jedoch lange Entwicklungszeiten. Bis zu 16 Jahre kann es dauern, bis eine neue Sorte gezüchtet ist. Die Kosten liegen schnell bei einigen hunderttausend Euro – Geld, das die Bio-Züchter vorfinanzieren müssen. Und ob diese Investitionen wieder eingefahren werden können, ist bei dem verhältnismäßig kleinen Bio-Markt unsicher.

Ausweg Bio-Fachhandel

Bio-Fachmärkte bieten eine Vielfalt an samenfestem Gemüse an. Hieran haben die ökologischen Anbauverbände wie Demeter, Bioland und Naturland großen Anteil. Die Rodelika-Möhre aus biologisch-dynamischer Zucht ist ein gelungenes Beispiel, wie eine samenfeste Sorte durch guten Geschmack bei den Kunden punkten kann. Alnatura unterstützt seit 14 Jahren die Bio-Saatgutentwicklung, unter anderem den Saatgutfonds, der die ökologische und biologisch-dynamische Pflanzenzüchtung vorantreibt. Und schließlich unterstützen auch die Alnatura Kunden die Verbreitung samenfester Sorten. Seit Beginn unserer Saatgutaktion vor zehn Jahren kaufen sie in jedem Frühling ökologische Saatguttütchen und sorgen so in ihren Gärten und Balkonkästen für Vielfalt.