Convenience Food

spaltet die Gemüter. Willkommene Zeitersparnis für den Alltag oder Ressourcenverschwendung durch überflüssige Verpackung?

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pro

"Im Alltag bleibt oft keine Zeit zum Waschen, Schnippeln und Brutzeln."

Keine Frage, frisch zubereitete Speisen sind bei mir erste Wahl. Die gewetzte Klinge über knackigem Gemüse zu schwingen, es anzubraten, zu dünsten oder zu garen und es nach meinem Gusto zu würzen, ist mir eine Freude. Für eine Lebensgemeinschaft koche ich immer wieder für 20 oder mehr Personen. Das Gemüse kommt aus der Kiste, die Nudeln werden gekocht oder sogar Spätzle geschabt, und wenn es mal Fleisch gibt, dann frisch und auf den Punkt gebraten. Aber das ist leider zur Freizeitbeschäftigung geworden …

Ich beneide manchmal die Familien, in denen täglich vormittags jemand ein Mittagessen zubereitet oder jeden Abend gemeinsam ein frisch zubereitetes Essen eingenommen wird. Aber zu diesen Familien gehören wir nicht. Im Alltag bleibt oft keine Zeit zum Waschen, Schnippeln und Brutzeln. Da komme ich von der Arbeit nach Hause und manchmal ist die Frage, was man vom Sofa aus noch kochen kann. Dann kommen Pizza, Pommes und Co. ins Spiel.

Sicher, ein paar frische Sachen wären wohl gehaltvoller, aber ich bin froh, wenn ich dann eine Pizza in den Ofen schieben kann, die wenigstens aus Bio-Zutaten besteht. Oder wenn ich aus der Tüte ein schnelles Fertiggericht zaubern kann, das frisch sicher noch besser geschmeckt hätte, aber jetzt genau das Richtige ist. Wahrscheinlich ist es total unvernünftig, Chicken Nuggets überhaupt zu essen – aber manchmal müssen die einfach her. Dann lieber vom Bio-Hähnchen als vom Burger-Brater aus der Antibiotika-Zucht-Hölle. Am Sonntagmorgen bin ich froh, dass die Bio-Aufback-Brötchen noch nicht alle sind. Ab wann wird der Sohnemann wohl die Tüte aufbekommen und die Dinger in den Ofen schieben können?

››› Benedikt Adrian ist im Münsterland aufgewachsen. Er lebt mit seiner Familie in einer Lebensgemeinschaft in Rheinfelden an der Schweizer Grenze. Er arbeitet als Job-Coach in einer Klinik.


contra

"Für mich ist Bio vor allem Umweltschutz – und der lässt sich nicht mit so viel Verarbeitung und Verpackung vereinbaren."

Bio-Bechergerichte, Bio-Energydrinks an den Kassen, Fruchtpüree oder Smoothies im 90-Gramm-Quetschbeutel, extra für Kinder, aufwendig verpackt und – rechnet man den Preis pro Kilogramm aus oder liest ihn ab – extrem teuer: Das gibt es jetzt in jedem Bio-Markt. Diese sogenannten Convenience-Produkte definiert der aid infodienst Ernährung, Landwirtschaft, Verbraucherschutz e. V. als "vorverarbeitete Lebensmittel für einen bequemen Alltag". Sie werden oft energieaufwendig hergestellt und produzieren, dank der aufwendigen Verpackung in kleinen Einheiten, am Ende haufenweise Müll. Und sie zeigen schon Kindern, wie einfach und bequem der Alltag sein kann – mit einem Smoothie to go, der schon bald vom Cappuccino aus dem Kühlregal abgelöst wird. Hauptsache die Zutaten sind Bio, der Rest ist egal. Wirklich? Lifestyle gibt es hier eine ganze Menge, Nachhaltigkeit dafür eher in Maßen. Für mich ist Bio vor allem Umweltschutz – der wiederum lässt sich nicht mit so viel Verarbeitung und Verpackung vereinbaren. Statt jedem Trend auf dem Lebensmittelmarkt zu folgen, sollte die Bio-Branche mutiges Vorbild sein und ihre eigenen Ziele nicht selbst untergraben. Sie sollte also langfristig denken, Energie sparen und Müll vermeiden. Denn Bio muss mehr sein als grüner Lifestyle.

››› Jakob Hömberg ist im Ruhrgebiet aufgewachsen und studierte in Bonn Landwirtschaft. Er war in verschiedenen Projekten in Südamerika aktiv und setzt sich in Deutschland für den Bio-Landbau und die Energiewende ein. Zurzeit studiert er erneuerbare Energien in Köln.