Kohle contra Klimaschutz

Auch neue Kohlekraftwerke belasten das Klima.

Die deutsche Energiepolitik ist in Bewegung wie lange nicht. Es weht ein Hauch von Aufbruchstimmung durch Deutschland. Doch es ist fraglich, ob mit dem Beschluss zum Atomausstieg eine echte Energiewende eingeleitet wird – weg von fossilen Energieträgern, hin zu hundert Prozent Sonne, Wind, Wasser und Co. Denn mit dem Ausstieg aus der gefährlichen Atomkraft wittern nun die Lobbyisten der Kohlekraft ihre Chance.

Deutschland darf das Übel Atomkraft nicht durch das Übel Kohle ersetzen. Die Verbrennung von Kohle setzt Unmengen klimaschädliches Kohlendioxid (CO2) frei. Wir müssen auf den Neubau von Kohlekraftwerken verzichten, in den kommenden Jahren alte, besonders klimaschädliche Kohlekraftwerke abschalten und schnellstmöglich ganz aus der Kohle aussteigen. Spätestens 2040 – wenn Deutschland seine Klimaschutzziele erreichen und dazu beitragen will, dass die weltweite Erderwärmung unter zwei Grad Celsius bleibt. Wird diese Zahl überschritten, könnten die Folgen des Klimawandels katastrophal sein, mit häufiger auftretenden Wetterextremen, Dürren, Überschwemmungen und Artensterben.

Diverse Studien wie auch das Greenpeace-Energieszenario »Der Plan« (veröffentlicht im April 2011) zeigen, dass weit weniger Kohlekraftwerke benötigt werden, als derzeit im Betrieb, im Bau und geplant sind. Eine sichere Energieversorgung funktioniert vielmehr mit Hilfe intelligenter Energieeffizienz, mit dem Ausbau erneuerbarer Energien sowie – übergangsweise – mit Gaskraftwerken. Eine Abkehr von der Kohle wollen die großen Energiekonzerne wie Vattenfall, E.ON und RWE vermeiden. Auch die schwarz-gelbe Bundesregierung forciert bislang keine echte Energiewende. Sie erwägt sogar, den Neubau von Kohlekraftwerken zu fördern – mit Steuergeldern. Die Bürger sollen also noch dafür zahlen, dass der Klimawandel befeuert wird.

Der klimaschädlichste aller Brennstoffe ist die Braunkohle. Ausgerechnet Deutschland ist unrühmlicher "Braunkohle-Weltmeister". In keinem anderen Land wird so viel Braunkohle abgebaut und verbrannt wie bei uns. Obwohl deren Nutzung weitere Nachteile hat: Bei der Verbrennung von Braunkohle wird nur rund ein Drittel der enthaltenen Energie in Strom umgewandelt. Zwei Drittel verpuffen über Kühltürme. Außerdem werden für die oberirdischen Tagebaue Kultur und Natur zerstört, zum Beispiel in der brandenburgischen Lausitz: In den vergangenen hundert Jahren wurden dort für den Braunkohleabbau 135 Ortschaften ganz oder teilweise abgebaggert und 27.000 Menschen umgesiedelt – meist gegen ihren Willen. Ihre Häuser, Höfe, sogar Kirchen riss man ab, Gärten mit alten Bäumen, Friedhöfe, Sport- und Spielplätze wurden plattgemacht. Das gleiche Schicksal droht nun den Lausitzer Dörfern Atterwasch, Grabko, Kerkwitz, Proschim und weiteren Ortschaften. Die Heimat von über 3.000 Menschen soll ausradiert werden, da der schwedische Konzern Vattenfall fünf neue Tagebaue erschließen will. Für neue "blühende Landschaften" auf ehemaligen Abbaugebieten fehlt übrigens die Basis: Für den Tagebau wird das Grundwasser abgesenkt, die Region trocknet aus.

Das Festhalten an der Kohle rechtfertigen Politik und Industrie gern mit der Scheinlösung CCS (Carbon Capture and Storage): Das Klimagas CO2 soll vor den Schornsteinen abgeschieden und dann unterirdisch verpresst und gelagert werden. Doch die CCS-Technik ist unausgereift, ineffizient und leistet auf absehbare Zeit keinen Beitrag zum Klimaschutz. Außerdem birgt CCS unkalkulierbare Risiken. Durch die Verpressung könnte das Grundwasser verseucht werden. Und falls es eines Tages durch Erdrisse wieder an die Oberfläche kommt, sind Menschen, Tiere und Umwelt bedroht. Wir müssen CO2 vermeiden, statt unseren Nachkommen neben dem Atommüll ein weiteres Energieabfallprodukt zu hinterlassen, sollten wir heute alles daran setzen, CO2 zu vermeiden. Im Juli beschloss die schwarz-gelbe Regierung mit dem CCS-Gesetz, die Erkundung von CO2-Endlagern in Deutschland zuzulassen. Vattenfall will Lagerstätten unter anderem im Oderbruch (Brandenburg) erproben. Nun liegt es an den Bundesländern, im Herbst im Bundesrat die Notbremse zu ziehen und gegen riskante CO2-Endlager zu stimmen. Eine echte Energiewende kann es nur ohne Atom, ohne Kohle und deren umweltschädliche Abfälle geben.

››› Gastbeitrag von Greenpeace e.V.