Was erhält Kinder gesund?

Wir alle wünschen uns, dass unsere Kinder gesund aufwachsen. Das ist nicht selbstverständlich, auch und gerade in einem reichen Land wie Deutschland nicht.

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Während akute Infektionskrank­heiten ihren Schrecken verloren haben und meist erfolgreich behandelt werden können, treten heute chronische Störungen und Erkrankungen in den Vordergrund. Allergien und frühkindlicher Diabetes sind sehr viel häufiger geworden. Viele Familien werden durch eine Frühgeburt oder ihr "Schreibaby" auf die Probe gestellt. Alleinerziehende trifft dies noch sehr viel härter. Im Schulalter klagen bereits viele Kinder über wiederkehrende Bauch-, Kopf- und Rückenschmerzen und das Kürzel ADHS ist zum Schlagwort geworden.

Familie im Wandel

Dabei fällt auf, dass die Störungen und Krankheitsbilder in ihren Ursachen komplexer werden. Neben den erblichen Anlagen und Störungen während Schwangerschaft und Geburt treten häufig familiäre und soziale Belastungen auf. Die Lebenssituation von Familien mit Kindern in Deutschland hat sich stark verändert: Eltern stehen oft unter großem Stress, in ihrer Partnerschaft, im Aufbau einer guten Beziehung zu ihren Kindern und gleichzeitig angesichts der ständig steigenden Anforderungen der Arbeitswelt. Dies gilt erst recht für nach Deutschland eingewanderte Familien und für Eltern, die selbst mit einer Trennung, mit Armut oder Krankheit kämpfen.

Für die Gesundheit des Kindes wesentlich ist der Aufbau einer guten Beziehung zwischen Kind und Eltern, möglichst zu Mutter und Vater – wenn das nicht möglich ist, zu stellvertretenden Bezugspersonen. Erlebt das Kind einen stabilen Rückhalt bei seinen Eltern? Erfährt es Zuwendung, Ermutigung, gemeinsames Spielen? Wie erlebt es die Beziehung der Eltern untereinander?

Krisen, die in fast allen Ehen und Partnerschaften vorkommen, führen heute häufiger zur Trennung. Familienzusammenhänge lockern sich – und setzen sich wieder neu zusammen. Nicht allen Kindern und Jugendlichen gelingt es, diese Erfahrungen gut zu verarbeiten. Auch die Beziehung zwischen Eltern und ihren Kindern hat sich verändert. An die Stelle von autoritären Strukturen ist ein eher partnerschaftliches Miteinander getreten. In dieser neuen Situation finden es viele Eltern schwierig, eine gesunde Balance zwischen dem Grenzen-Setzen und dem Freiheit-Lassen zu entwickeln. Dabei ist gerade diese Balance eine wichtige Voraussetzung dafür, dass Kinder ein gutes Selbstwertgefühl entwickeln können. Kinder und Jugendliche, die in dem sicheren Gefühl aufwachsen, etwas wert zu sein, mit all ihren Stärken und Schwächen, haben ein deutlich geringeres Risiko, ein psychosomatisch bedingtes Krankheitsbild zu entwickeln.

Gesellschaftliche Anforderungen

Kinderärzte merken, dass die Anforderungen an Kinder, in der Schule, im Kindergarten und oft bereits in der Kinderkrippe zu "funktionieren", höher geworden sind. Schon die Zeit, nach einem harmlosen Infekt zu Hause gesund zu werden, ist oft knapp geworden, ebenso die Zeit für wirklich freies und kreatives Spiel. Viele Eltern fühlen sich unter Druck und reagieren verunsichert. Deshalb ist es wichtig, nicht nur die Kinder zu stärken, sondern dabei auch Eltern und Familie mit einzubeziehen. Ganz konkret heißt das, dass wir Kinderärzte nun auch im Rahmen eines Fachkongresses Eltern, Therapeuten, Pädagogen, Mitarbeiter des Jugendamtes einbeziehen und gemeinsam auf Augenhöhe über diese immer akuter werdenden Probleme sprechen wollen. Es bringt wenig bis nichts, wenn die verschiedenen Akteure einzeln vor sich hin therapieren.

Im Fokus: die Aufmerksamkeit

Am Beispiel von Aufmerksamkeitsstörungen und ADHS, die deutlich zugenommen haben, lässt sich das gut veranschaulichen. Inzwischen gehen Ärzte, Therapeuten und Pädagogen davon aus, dass diese Störungen vielfältige Ursachen haben, die keineswegs nur organisch bedingt sind. Für viele Mädchen und vor allem Jungen wird die geforderte Anpassung an die Anforderungen unserer Gesellschaft in Schule und Familie immer schwieriger. Es hängt von der guten Zusammenarbeit von Ärzten, Eltern, Pädagogen und Therapeuten ab, dass sich die betroffenen Kinder besser verstanden fühlen und ihr Selbstwertgefühl entwickeln können. Regeln für einen rhythmischen Tagesablauf, für den Umgang mit Medien, Hausaufgaben et cetera müssen immer wieder neu entwickelt und angepasst werden.

Der Kongress "Kindergesundheit heute" will diesen Dialog fördern und selbst praktizieren. Sie sind herzlich eingeladen, sich daran zu beteiligen.

››› Gastbeitrag Georg Soldner, Facharzt für Kinder- und Jugendheilkunde (München)

Georg Soldner

Georg Soldner ist niedergelassener Facharzt für Kinder- und Jugendheilkunde (München). Gemeinsam mit Dr. med. Jan Vagedes schrieb er den Elternratgeber "Das Kinder- Gesundheitsbuch" (GU-Verlag). Georg Soldner leitet seit 2013 die Aka­demie Anthroposophische Medizin der Gesellschaft Anthroposophischer Ärzte in Deutschland.

Unsere Kinder verstehen – begleiten – behandeln.

Kongress am 27. / 28. September 2014 in Stuttgart:
Um gemeinsam zu diskutieren, was Kinder heute brauchen, um gesund aufzuwachsen, wagt der Kongress "Kindergesundheit heute" etwas ganz Neues: Ärzte, Pädagogen und Eltern sprechen miteinander – und nicht, wie sonst üblich, übereinander. Außerdem wird in zahlreichen Workshops und Vorträgen gezeigt, wie sich die konventionelle Medizin sinnvoll durch komplementärmedizinische Verfahren ergänzen lässt.