Über den eigenen Tellerrand hinausblicken

Nahrung ist ein Lebenselixier. Ohne sie ist kein Leben auf der Erde möglich. Das ist, was alle Menschen vereint. Das Verhältnis zur Nahrung und die Essgewohnheiten sind das, was Menschen unterscheidet. Interkulinarische Wanderungen.

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Nahrung ist ein Lebenselixier. Ohne sie ist kein Leben auf der Erde möglich. Das ist, was alle Menschen vereint. Das Verhältnis zur Nahrung und die Essgewohnheiten sind das, was Menschen unterscheidet. Interkulinarische Wanderungen.

Die Eltern-Kind-Cafés in deutschen Städten gleichen oft Knigge-Kursen für die Kleinsten. Schon früh werden sie in die Kunst des Mit-Besteck-Essens eingeführt. Ein Mädchen, kaum drei Jahre alt, hatte sich offenbar fest vorgenommen, die Nudeln selbst auf die Gabel aufzuspießen. Noch ziemlich unbeholfen versuchte es, das neue Esswerkzeug, nach ihren Händen, sich zu eigen zu machen. War sie erfolgreich, wurde sie überschwänglich gelobt: Schau mal, wie gut du das schon kannst! Hatte sie jedoch die Geduld verlassen und sie schob sich die Nudeln mit der Hand in den Mund, hagelte es Tadel: "Ay, das macht man doch nicht. Wofür hast du denn Besteck?"

Die Geschichte vom Besteck: kurz, aber prägend Essen mit den Händen ist offenbar – außer bei Fast Food und Fingerfood-Partys, versteht sich – verpönt. Und so drängen wir den Nachwuchs schon von klein auf zu Löffel, Gabel und Messer, denn: Mit bloßen Händen isst man doch nicht! Spätestens wenn wir nach verzehrtem Brötchen to go dem Drang nachgeben, die Finger abzulecken, merken wir an den Blicken, wir betreten eine Tabuzone. In unserer Gesellschaft herrschen diesbezüglich "unausrottbare Verzehrtabus", erklärt die Autorin Anita Homolka in ihrem literarischen Streifzug durch die Geschichte der Tischsitten. Diese treiben uns an menschenleere Orte und stille Kämmerlein, wo "verwilderte Manieren" niemanden stören und einer "Fressorgie ohne Messer und Gabel, nur mit Fingern" nichts und niemand im Wege steht.

Dabei ist die Geschichte des Bestecks vergleichsweise kurz, zeigen die Autoren Gert von Paczensky und Anna Dünnebier in ihrem Werk "Kulturgeschichte des Essens und Trinkens". Die Gabel fand vor gerade mal 400 Jahren den Weg auf unsere Tische. Älter ist das Essen mit Stäbchen in asiatischen Ländern. Lange Zeit davor gab es nur ein Esswerkzeug: die Hände.

Andere Länder, andere (Tisch-)Sitten Mit Händen essen – in vielen Ländern ist das tägliche Praxis. "Wenn ich genießen will, wenn ich aufwendig gekocht habe und mit Familie oder Freunden esse, dann esse ich mit der Hand", erzählt die ghanaische Schriftstellerin und Dozentin Ama Ata Aidoo. "Aber wenn ich in Eile bin, einen Termin habe, dann schaufle ich mir auch mal schnell das Essen mit der Gabel rein." Für sie ist klar: Zum genussvollen Essen gehören die Hände und nicht die Gabel. "Wir nähern uns dem Essen zunächst einmal mit dem Tastsinn", erklärt auch die Bengalin Chitrita Banerji die kulinarischen Vorteile der Finger beim Essen. "Die verschiedenen Gemüsepürees, die unterschiedlichen Sorten Reis, die zahlreichen Arten Fisch, die wir essen, werden alle von den Fingern genossen, bevor sie in den Mund gelangen."

Mein Teller ist dein Teller: gemeinsam Essen in Marokko Mag die Beziehung zwischen Mensch und Nahrung individuell unterschiedlich sein, als kulturelle Praxis scheint es hier wie anderswo ähnlich zu sein: Gemeinsames Essen verbindet.
Allerdings, einen Unterschied gibt es doch: Denn während hier jeder den eigenen Teller argwöhnisch bewacht, gar den eigenen Lebensgefährten ermahnt, nicht in fremde Teller zu schielen, erfuhr ich als Gast im arabisch-islamischen Land Marokko das komplette Gegenteil.

Dort isst man gemeinsam von einem Teller. "Kuli a binti" – "Iss, meine Tochter", sagte mir meine marokkanische Schwiegermutter beim ersten gemeinsamen Abendessen. Und während ich unbeholfen das Brot in die Soße tunkte, das mir das Besteck ersetzte, schob sie die schönsten Gemüse- und Fleischstücke in meinen Winkel des gemeinsamen Familientellers.

Hinter dem eigenen Tellerrand beginnt die Wir-Gemeinschaft "Mit Händen isst man doch nicht" – dieses Statement zeigt lediglich: Den taktilen Genuss, dieses "von Hand in den Mund", haben wir uns im Laufe unserer europäischen Kulturgeschichte gründlich wegerzogen. Doch ein Blick über den eigenen Tellerrand macht deutlich: Eine solche Aussage greift in anderen Ländern wie Marokko, Ghana oder Bengalen nicht. Offenbar gibt es dieses "man" nicht. Wohl aber eine Vielfalt an Essenskulturen und Tischmanieren. Will der Mensch offen sein und zu einer Wir-Gemeinschaft zusammenwachsen, dann sind Vorurteile gegenüber mit der Hand essenden Menschen eher hinderlich und zu demontieren!

Am besten gelingt es, wenn wir uns gemeinsam zu Tisch begeben und das Essen mit allen Sinnen genießen: durch Sehen, durch Riechen, durch Schmecken – und durch das Berühren.

››› Gastbeitrag Julia Herz-El Hanbli, Oya Magazin.