Gut geschützt ist nur halb gewonnen

Entweder das Produkt optimal schützen oder ökologisch sinnvoll verpacken. Geht auch beides? Wie Alnatura Experten einen Zielkonflikt lösen.

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"Darf’s ein bisschen mehr sein?" war die wohl typischste Frage beim Einkauf unserer Großeltern im Tante-Emma-Laden. Denn hier wurde von Zucker über Mehl bis hin zu Hülsenfrüchten alles lose angeboten, individuell abgewogen und in den immer gleichen Papiertüten verpackt. Diese Zeiten sind längst passé. Heute stellen Händler, Hersteller, Lebensmittelaufsicht und nicht zuletzt die Kunden selbst hohe Anforderungen an die Verpackung. Der wichtigste Aspekt: Die Verpackung soll vor Verderb, Schädlingen und dem Kontakt mit unerwünschten Stoffen schützen. Und natürlich soll sie praktikabel sein, das heißt den Transport und das Einräumen im Laden und beim Kunden zu Hause erleichtern. Schließlich sollte eine Verpackung, wer kann es verdenken, auch ansprechend und ästhetisch gestaltet sein.

Über diese Standards hinaus legt Alnatura auf einen weiteren Aspekt ein ganz besonderes Augenmerk: Die Verpackung soll ökologisch sinnvoll sein. Was das bedeutet, erläutert Isabell Kuhl vom Qualitätsmanagement und Autorin des Alnatura Verpackungsleitfadens: "Uns ist es wichtig, so wenig Material wie möglich zu verwenden, es sollte recycelt oder später gut wiederverwertbar sein und aus möglichst wenigen Verpackungskomponenten bestehen. Und natürlich berücksichtigen wir auch die jeweiligen CO2-Effekte eines Verpackungsmaterials."

Warum Kunststoff und nicht Glas? Was sich so selbstverständlich anhört, entpuppt sich im Alltag der Verpackungs- und Nachhaltigkeitsspezialisten schnell als Zielkonflikt. Beispiel Alnatura Hirsebällchen: Wie verpackt man ein relativ leichtes, empfindliches Produkt sicher und gleichzeitig ökologisch? Aus alleiniger Sicht des Produktschutzes wäre Glas die ideale Verpackung, doch ist Glas teuer, schwer, verbraucht viel Material bei einer aufwendigen Herstellung und hat deshalb eine schlechtere Ökobilanz als Kunststoff. Aluminium als Alternative verfügt über ähnlich gute Schutzeigenschaften wie Glas, dazu ist es unschlagbar leicht. Doch die Produktion dieses Metalls erfordert einen hohen Energieaufwand. Aluminium verursacht im Vergleich zu Papier einen über 30-mal höheren CO2-Ausstoß. Warum dann nicht Papier? Grundsätzlich ja, doch Papier allein ermöglicht keine luftdichte Verpackung, und die braucht man bei empfindlichen Produkten wie Hirsebällchen.

Abwägungen wie diese führen die Produkt-, Qualitäts- und Nachhaltigkeitsexperten von Alnatura bei jedem der rund 1.000 Alnatura Produkte durch. Im Fall der Hirsebällchen wurden alle Anforderungen des Alnatura Verpackungsleitfadens berücksichtigt. Das Ergebnis ist Kunststofffolie aus Polypropylen mit einer hauchdünnen Alu-Beschichtung (denn nur diese schützt die Hirsebällchen vor vorzeitigem Ranzigwerden) als der beste und sinnvollste Kompromiss.

Alnatura Amaranth gepufft

Auch wenn eine Entscheidung wie diese das Ergebnis intensiver Überlegungen ist – sie ist nicht in Stein gemeißelt. "Wir prüfen ständig, was wir verbessern können", sagt Isabell Kuhl und liefert gleich den Nachweis: "Inzwischen konnten wir bei jeder Packung Hirsebällchen ein halbes Gramm Folie einsparen. Das hört sich wenig an, doch auf ein Jahr hochgerechnet, bedeutet das eine Ersparnis von 300 Kilogramm Kunststofffolie." Genau solche Weiterentwicklungen strebt Alnatura durch den Verpackungsleitfaden an. So auch beim Produkt Amaranth gepufft. Pro Verpackung konnte die sogenannte Abzugslänge der Folie um einen Zentimeter gekürzt werden. Übers Jahr gerechnet sind das rund 11 Kilometer eingesparte Folie.

Alternative Bio-Kunststoffe? Immer wieder machen sogenannte Bio-Kunststoffe Schlagzeilen. Auf den ersten Blick scheinen sie eine echte Alternative zu den herkömmlichen Kunststoffen zu sein. Denn anders als erdölbasierter (und damit endlicher) Kunststoff wird Bio-Kunststoff aus nachwachsenden Rohstoffen wie Mais oder Weizen gewonnen. Schon vor einiger Zeit haben die Alnatura Experten auch dieses Material auf den Prüfstand gestellt. Nach allem Für und Wider sind sie zu einem eindeutigen Votum gekommen: Bio-Kunststoff ist für Alnatura nur in begründeten Ausnahmen sinnvoll. Die Erklärungen lassen aufhorchen. So stammt die aus dem Mais gewonnene Stärke in den allermeisten Fällen aus gentechnisch manipulierten Pflanzen. Zum zweiten entpuppt sich das Versprechen "kompostierbar" als nicht wirklich haltbar. Bio-Kunststoffe verrotten wesentlich langsamer als das übliche organische Material und auch nicht vollständig. Für die Kompostwerke ist das problematisch, denn sie müssen diese Reste als "Fehlwürfe" aufwendig aussortieren. Und schließlich verführt das vermeintliche Plastik dazu, Bio-Kunststoffe im gelben Sack zu entsorgen, was jedoch zu einer deutlichen Qualitätsminderung beim Recycling der herkömmlichen Kunststoffe führt. Über diese Tatsachen hinaus kommt noch ein ethischer Aspekt hinzu, wie Isabell Kuhl unterstreicht: "Wir sind der Ansicht, dass Nahrungspflanzen wie Mais oder Weizen vor allem der Ernährung der Menschen dienen und nicht zu Verpackungen verarbeitet werden sollten."

Bio-Kunststoffe noch nicht ausgereift

Verpackungen aus Bio-Kunststoff sind nicht besser als jene aus herkömmlichem Kunststoff. Zu diesem Ergebnis kommt eine im Auftrag des Umweltbundesamtes erstellte Studie. So würden z. B. bei der landwirtschaftlichen Erzeugung der Ausgangspflanzen Böden und Gewässer stärker versauern bzw. überdüngt und höhere Feinstaubemissionen entstehen als bei der Herstellung von gewöhnlichem Kunststoff.

Verbrennen ist besser als verrotten. Bio-Kunststoffe zersetzen sich nicht vollständig und auch nicht zu wertvollem Kompost, sondern allein zu CO2 und Wasser. Das Gleiche passiert, wenn man Bio-Kunststoffe verbrennt. Der Vorteil des Verbrennens ist, dass die frei werdende Wärme genutzt werden kann, z. B. als Fernwärme.