Für alle Kinder das Beste

Dumpingpreise für Textilien und die hohen Gewinne teurer Modemarken haben Folgen: Umweltverschmutzung, ­Ausbeutung der Bauern durch den konventionellen Anbau von Baumwolle, unwürdige, lebensbedrohliche Arbeitsbedingungen oder gar ausbeuterische Kinderarbeit bei der Textilherstellung in Ländern mit geringeren Lohnkosten. In kaum einer Branche stellen Fragen der Nachhaltigkeit eine größere Herausforderung dar als in der Textilindustrie. Das Alnatura Magazin im Gespräch mit verantwortlichen Mitarbeiterinnen von People Wear Organic (PWO), dem Hersteller-Partner von Alnatura für Bio-Textilien, über sinnvolle Kleidung und kleine Schritte in einem umstrittenen Markt.

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Bio-Lebensmittel gehören inzwischen für viele verantwortungsbewusste Kundinnen und Kunden zum Alltag. Auf ihren Bio-Apfel möchten sie nicht verzichten. Doch wie sieht es bei Kleidung aus Bio-Baumwolle aus?
Nicole Pälicke, Leitung PWO:
Während wir aus Studien mit Endverbrauchern ein stärkeres Bewusstsein sowie einen großen Bedarf an Kleidung aus nachhaltigen Fasern ablesen, wächst der Markt tatsächlich nur langsam.

Wie groß ist der Anteil an Kleidung aus Bio-Baumwolle in Deutschland und weltweit?
Nicole Pälicke:
Allgemein immer noch im einstelligen Bereich. Der Textile Exchange Report beziffert den Anteil von biologisch angebauter Baumwolle für 2013 auf nur 0,4 Prozent. Das könnte sich aber rasant ändern, wenn die Bio-Baumwoll-Initiativen einiger großer Textilhandelsketten erfolgreich sind. Laut der GfK-Studie Socialwear beträgt der Marktanteil bezogen auf den Umsatz nachhaltiger Bekleidung in Deutschland im Jahr 2013 vier Prozent. Generiert wird dieser Umsatz vor allem im Lebensmitteleinzelhandel und in SB-Warenhäusern. Gemäß derselben Statistik verbinden sich aber 26 Prozent der Befragten mit dem Lifestyle of Health (Gesundheit) and Sustainability (Nachhaltigkeit). Es herrscht also eine Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Nur die Änderung des eigenen Verhaltens bringt eine neue, verantwortliche Textilwirtschaft voran. Kernaufgabe der Branche ist es, mehr nachhaltige Kleidung anzubieten.

Welche Entwicklung konnte PWO in den vergangenen Jahren ver­zeichnen und welche Prognosen treffen Sie für die Zukunft?
Britta Karadzole:
Obwohl PWO erst 2013 gegründet wurde, blicken wir als Team auf eine langjährige Erfahrung in der Produktion von Bio-Baumwollkleidung seit 1993 zurück. Immer mehr Handelspartner – vor allem junge Online-Marktplätze – kaufen PWO. Wir setzen dabei auf nachhaltiges, stetiges Wachstum gemeinsam mit unseren Handelspartnern. Kritisch betrachten wir allerdings die Situation der sich verknappenden Ressourcen von Bio-Baumwolle am Weltmarkt. Problematisch finden wir auch das fehlende Bewusstsein der Endverbraucher für die Unterscheidung der verschiedenen Textilsiegel.

Alle Produkte der Marke PWO tragen das GOTS (Global Organic Textile Standard)-Siegel. Worum geht es dabei?
Britta Karadzole:
Es geht in erster Linie darum, dem Käufer zu signalisieren: Hier wurde auf ökologische und soziale Standards gleichermaßen geachtet. Mit deinem Kauf leistest du einen Beitrag für Mensch und Umwelt. Der Standard beruht auf jährlichen unabhängigen Kontrollen bei den beteiligten Produzenten. Jeder einzelne Hersteller innerhalb der Produktionskette muss GOTS-zertifiziert sein. Der konventionelle Baumwollanbau verbraucht zehn Prozent aller weltweit eingesetzten Pestizide. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO sterben jährlich Tausende Feldarbeiter an den Folgen. Der Bio-Anbau verzichtet hingegen auf chemische Pflanzenschutzmittel.

Was hält die Baumwollbauern ab, auf Bio umzustellen?
Nicole Pälicke:
Vor allem fehlende Bildung, aber auch die Jagd nach schnellen Erträgen, billiges Saatgut sowie die Markt- und Vertriebsmacht der Saatguthersteller. Die Liste lässt sich fortsetzen und auf viele weitere Rohstoffe ausweiten.

Welchen Nachteil hätten sie von der Umstellung auf Bio?
Nicole Pälicke:
Die Regenerationssphase, bis die Böden wieder ihre "natürliche" Substanz bieten, beträgt drei bis fünf Jahre. Stehen in dieser Phase keine Unterstützungs- und Bildungs­angebote zur Verfügung, lockt der schnelle, leicht zugängliche Ertrag genetisch veränderter Pflanzen oder deren Bearbeitung mit Chemie.

Baumwollbörsen, lokale Zwischenhändler und letztlich der Kunde bestimmen den Preis der Baumwolle. Welcher Preisunterschied besteht denn zwischen Bio- und konventioneller Baumwolle?
Nicole Pälicke:
Kontrolliert biologisch erzeugte Baumwolle ist in etwa 10 bis 15 Prozent teurer als konventionelle. Auch die Weiterverarbeitung unter GOTS-Bedingungen ist teurer als in der konventionellen Erzeugung. Die zertifizierte Kleidung kostet in der Herstellung etwa 20 bis 25 Prozent mehr als konventionelle.

Die Bio-Baumwolle für die People Wear Organic Kinder- und Yogatextilien wird in Ägypten, Indien und der Türkei angebaut. Kennen Sie die Produzenten Ihrer Bio-Textilien persönlich, und wie oft besuchen Sie Ihre Partner vor Ort?
Elke Dannenfeldt:
Bei unserem langjährigen Partner Sekem in Ägypten beispielsweise besuchen wir die Näherei und die Zulieferer mehrmals im Jahr. Auch bei der Baumwollernte waren wir schon persönlich dabei und haben gemeinsam mit den Erntehelferinnen auf dem Feld gepflückt. Die Bauern in Ägypten werden von der Sekem-Farm unterstützt und bei Fragen zum Anbau begleitet. In der Näherei arbeiten wir mit den Mitarbeitern zusammen und lösen gemeinsam Probleme, die in der Produktion entstehen. In Indien kooperieren wir mit deutschen Produktionspartnern, die die Hälfte des Jahres vor Ort verbringen und die gemeinsamen Kontrollen für uns verantworten.

Wie können Sie sicherstellen, dass die Menschen, die an Ihren Babystramplern nähen, keine Kinder sind und die Näherinnen unter menschenwürdigen Bedingungen arbeiten und existenzsichernde Löhne erhalten?
Nicole Pälicke:
Das ist durch den GOTS-Standard, unsere Besuche und die Fürsorge unserer Produktionspartner sichergestellt. Der GOTS-Standard prüft jährlich durch unabhängige Experten jeden Verarbeitungsschritt auf Erfüllung der Vorgaben in sozialer und ökologischer Hinsicht. In unserem Herstellernetz sind nur solche Partner, mit denen wir langjährig und vertrauensvoll zusammenarbeiten. Ver­antwortlich für Mensch und Natur zu wirtschaften ist dabei eine grundlegende gemeinsame Geschäftsbedingung.

Der GOTS-Standard

People Wear Organic Textilien tragen das GOTS-Siegel und zeigen damit, dass die strengen Anforderungen an Öko­logie und Arbeitsbedingungen erfüllt sind. Unab­hängige Kontrollen, die jährlich bei jedem Herstellungspartner stattfinden, sind Grundlage für die Zertifizierung.