Ein neues Leitbild braucht die Landwirtschaft

Heimat, ästhetisches Erlebnis oder nur Produktionsstandort?

Platzhalter

Der Mensch gestaltet seine Umwelt. Das jahrhundertelang dauernde Wechselspiel von landwirtschaftenden Menschen und der Natur im gemäßigten Klima Mitteleuropas hat durchkomponierte Landschaften hervorgebracht, die sich durch eine große Vielfalt sowie eine außerordentliche Fülle an Pflanzenarten, Vögeln, Insekten und Tieren auszeichnen. In Siedlungsnähe lagen einst intensiv genutzte Gartenstücke, dann Obstwiesen, Weiden für die zur Milcherzeugung gehaltenen Tiere, Felder und Wiesen, schließlich Wald. Eine solche Landschaft wird spontan als schön, als heimatlich, als dem menschlichen Maß entsprechend empfunden. Ihre kleinteilige Gliederung und Vielfalt sicherten die Versorgung der Menschen und nutzten die verfügbare Arbeitskapazität sinnvoll über das Jahr hinweg. Kleinteiligkeit und Vielfalt aber setzen der Rationalisierung und einem wirtschaftlichen Maschineneinsatz enge Grenzen. Moderne ­Agrarlandschaften sind nur noch da vielfältig und schön, wo die Natur durch Höhenlage, Niederschläge, steile Hänge oder sehr hügeliges Gelände der Mechanisierung entgegensteht. Von der Mechanisierung und effizienten Bearbeitbarkeit geprägte Agrarlandschaften bieten nur einer, vielleicht zwei, kaum jemals mehr als drei Kulturpflanzen auf möglichst großen, rechteckig angelegten Äckern Raum. Auge und Seele ermüden angesichts der Monotonie.

Die zunehmende Einseitigkeit tut auch der Natur nicht gut. Enge Fruchtfolgen lassen sich nur mit Düngersack, Giftspritze und leistungsfähigen Maschinen steuern. Sie reduzieren die Vielfalt der Begleitflora und -fauna, sie beeinträchtigen die Ressourcen Wasser, Boden, Luft und Biodiversität. Zwar produzieren sie verlässlich Erzeugnisse in großer Menge. Aber an Geschmack, Vielfalt sowie der Seelennahrung einer schönen, abwechslungsreichen Landschaft mangelt es. Stattdessen finden sich öfters Rückstände aus der Agrochemie in Produkten wie Ressourcen.

"Landwirtschaft muss schön sein", fordert der Journalist Jan Grossarth (FAS vom 28. Februar 2016, Nr. 8, S. 28) und wählt mit der ästhetischen Dimension einen originellen Ansatz für ein modernes landwirtschaftliches Leitbild. Es bietet dem Städter, der sich in der Natur seiner Umgebung erholen möchte, Anknüpfungspunkte und Kriterien, zu denen er – anders als bezüglich der Landwirtschaft an sich – urteilsfähig ist. Landschaftsarchitekten sollen den Bauern zur Seite stehen, damit sie Nahrungsmittel produzieren und dies in einer Landschaftsgestalt tun, die für die Menschen schön ist. Man wird das aber wohl kaum einzelnen Architekten überlassen können. Vielmehr müssten die Städte und Gemeinden geeignete Verfahren entwickeln, die den verschiedenen Erwartungen und Notwendigkeiten geordnet Rechnung tragen. Dazu gehörten Vereinbarungen, wie viel Schaden durch schwere Maschinen, Dünger, Pestizide ein Landwirt der Natur zufügen dürfte, wie viel Nutzen durch eine vielgliedrige Fruchtfolge und bodengebundene Viehhaltung er zu stiften hätte. Könnte "der Markt" es richten, dass diese Anforderungen erfüllt werden und zugleich der Bauer wirtschaftlich bestehen kann? Vermutlich eher nicht.

Taugt andererseits das Leitbild des Deutschen Bauernverbandes, der den heimischen Landwirt als Akteur auf dem Weltmarkt für Agrargüter sieht? Wohl kaum. Vieles, was ein Bauer zu produzieren hat, sind Gemeingüter. Wie soll man diese Leistungen entgelten, ohne eine nervende, einschnürende und extrem teure Verwaltung und eine unendliche Fülle von Gesetzen, wie sie heute vielfach die Europäische Union schafft?

In stadtnahen Regionen könnte das Modell der Solidarischen Landwirtschaft (SoLaWi), beispielsweise der Kulturland-Genossenschaft (kulturland-eg.de), reizvoll sein. Bei diesen Höfen halten Genossen oder Mitglieder Anteile an den landwirtschaftlichen Betrieben, die als Stiftungen oder Vereine arbeiten und der Landwirtsfamilie oder Bewirtschaftergemeinschaft ihr Auskommen ermöglichen. Bewirtschaftet werden diese Höfe meist ökologisch. Die Teilhaber erhalten Naturalien, die auf dem Hof erzeugt werden. Sie können mitarbeiten, gegebenenfalls auch mitbestimmen und mitinvestieren, sie erarbeiten sich ein echtes Verhältnis zu Ackerbau und Viehzucht. Wenige Hundert solcher Höfe gibt es bisher in Deutschland.

Aber was ist mit stadtfern gelegenen Höfen, weitab der Märkte und Verbraucher und nicht in Feriengegenden? Trägt auch dort der Ruf nach Schönheit und Vielfalt in den landwirtschaftlichen Aktivitäten? Die Gemeinschaft muss sich etwas einfallen lassen, damit sie gute Nahrungsmittel bekommt und dabei die Ressourcen der Natur erhält, anstatt sie zu vergiften oder zu zerstören. Es bedarf neuer Ideen für eine Landwirtschaft, die eine schöne Umgebung schafft und zugleich den die Erde bearbeitenden Menschen ein würdiges Auskommen ermöglicht.

Wie sieht Ihr zukunftsfähiges Leitbild Landwirtschaft aus?

››› Manon Haccius war nach agrarwissenschaftlichem Studium zunächst 13 Jahre tätig für die Verbände des ökologischen Landbaus, seit April 2000 ist sie bei Alnatura für den Bereich Qualitätsmanagement und Verbraucherservice verantwortlich.