Die Energie von morgen

Die Anti-AKW-Bewegung hat es geschafft: Deutschland wird "erneuerbar".

Schon in 40 Jahren könnte unsere Energie komplett aus regenerativen Quellen kommen. Darüber, wie wir dieses Ziel erreichen können, besteht weitgehend Einigkeit: Erneuerbare Energien ausbauen, Stromspeicher für den erneuerbar erzeugten Strom entwickeln, Altbauten ener getisch sanieren, Kohle und Atomkraft durch hocheffiziente Kraftwerke mit Kraft-Wärme-Kopplung ersetzen und die Strom netze und das Verkehrssystem umgestalten. Auch dass der Energieverbrauch gesenkt werden muss, ist unstrittig. Viele Fragen sind jedoch noch offen: Woher wird unser Strom in Zukunft kommen? Wie werden wir heizen? Wie bewegen wir uns fort? Ein Ausblick in unsere energetische Zukunft.

In einem Punkt sind sich alle Studien einig: Grundvoraussetzung für eine schnelle Energiewende ist die Reduktion des Ener gieverbrauchs. "Energieeffizienz steigern!" lautet seit Jahren das Mantra der Öko-Lobbyisten. Doch mittlerweile setzen sich auch Unternehmen und Wirtschaftsverbände für die Steigerung der Energieeffizienz ein. Denn konsequente Energiesparpolitik bedeutet auch eine Absicherung gegenüber Energiepreis- und Versorgungskrisen: Eingesparter Strom kostet nichts.

Die Einsparpotenziale sind enorm. Laut der Unternehmensinitiative DENEFF könnten 14 Prozent des deutschen End- Energieverbrauchs gespart werden. Allein der Strombedarf könne demnach in den nächsten zehn Jahren um zehn Prozent reduziert werden, was in etwa der Kapazität von zehn Atomkraftwerken entspricht. Heute verschlingen Kälte- und Klimaanlagen unglaubliche 15 Prozent des Stroms. Der Verbrauch von Elektrogeräten im Stand-by-Betrieb macht immer noch etwa 6,5 Prozent des jährlichen Stromkonsums eines deutschen Haushalts aus.

Altbauten – Schlüssel zur Energiewende

Im Gebäudesektor schlummern riesige Energiesparpotenziale. Neubauten müssen schon heute den Niedrigenergiehaus-Standard erfüllen, viel neue Häuser werden schon bald Energie produzieren (Plus- Energie-Häuser). Doch 75 Prozent der Gebäude wurden vor der ersten Wärmeschutzverordnung von 1977 erstellt. Dass diese Altbauten gedämmt werden, ist für den Klimaschutz ebenso wichtig wie der Ausbau der erneuerbaren Energien. Leicht könnte man durch Sanierungsmaßnahmen 80 Prozent der Heizenergie einsparen. Doch die Sanierungsquote liegt momentan bei nur einem Prozent. Um hier Abhilfe zu schaffen, brauchen wir dringend umfassende Sanierungskonzepte und das nötige Geld für deren Umsetzung.

Langfristig wird der verbleibende Wärmebedarf dann über Solarthermie und Wärmepumpen gedeckt. Auch die Nutzung von Fernwärme wird zunehmen. Vor allem in Mehrfamilienhäusern werden kleine Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen (KWK) zum Einsatz kommen. Diese produzieren, zum Beispiel durch die Verbrennung von Holzpellets, gleichzeitig Strom und Wärme. Damit ergänzen sie sich ideal mit Solarwärme vom Dach: Im Sommer, wenn eine Raumheizung überflüssig ist, erzeugen die Solarkollektoren Warmwasser, im Winter übernimmt die KWK-Anlage Heizung und Warmwassererzeugung.

Verkehr und Transport vermeiden

Der Verkehr nimmt weiter zu, vor allem die besonders umweltschädlichen Verkehrsträger Flugzeug, Auto und LKW werden stärker genutzt. Der Fokus der künftigen Verkehrspolitik sollte daher auf einer Reduktion des Straßen- und Luftverkehrs liegen. Geht es jedoch nach der EU, sieht die Zukunft anders aus: Wachstum heißt die Parole. Der Verkehr soll weiter zunehmen und durch den vermehrten Einsatz von Agro-Treibstoffen einfach grün gewaschen werden.

Wie sich der Verkehrssektor langfristig tatsächlich entwickeln wird, darüber kann man momentan nur spekulieren. Fest steht jedoch, dass der so wichtige Langsamverkehr bisher kaum Beachtung findet. Nur wenige Städte fördern aktiv den öffentlichen Nahverkehr sowie den Fuß- und Radverkehr. Dabei wäre es gerade im Zuge der Verstädterung nötig, einen Großteil des motorisierten Individualverkehrs aus den Ballungsräumen zu verbannen. Der Rest der Fahrzeuge könnte elektrisch betrieben werden. Allerdings ist dies klimapolitisch erst sinnvoll, wenn hundert Prozent des Stroms regenerativ erzeugt werden. Im Flugverkehr könnte vermehrt Wasserstoff in Brennstoffzellen zum Einsatz kommen. Diese Technologie ist jedoch wenig effizient, da die Lagerung und der Transport des Wasserstoffs sehr kompliziert sind. Aktuell sucht die Luftfahrt ihr Glück in Agro-Treibstoffen. Doch diese sollten komplett aus dem Energie mix verbannt werden, da die Flächen für die Erzeugung von Lebensmitteln und für den Erhalt von Naturräumen dringend benötigt werden.

Der Ausbau der erneuerbaren Energien muss ebenfalls weiter vorangetrieben werden. Eine Grundsatzentscheidung steht hier bislang aus: Wollen wir vor allem eine regionale, dezentrale Energieerzeugung oder einen globalisierten Energiemarkt? Im Moment ist die von der Bundesregierung geplante Ener gie - wende ausgerichtet auf Solarparks in der Sahara, Wasser kraft aus Norwegen und Off-Shore-Windparks in der Nordsee. Letztere sollen bis 2030 circa 15 Prozent der erneuerbaren Energie bereitstellen.

Dabei lassen sich dezentrale, kleine Kraftwerke deutlich schnel ler umsetzen als Großprojekte. Diese sind sicher, einfach zu planen, die Kosten bleiben überschaubar. So wurden in den vergangenen zehn Jahren tausende Windanlagen errichtet, während sich die Kosten für Windenergie im gleichen Zeitraum halbierten.

Diese Dynamik darf nicht durch die politische Konzentration auf Großprojekte gebremst werden. Mehr als bisher sollten wir viele unterschiedliche Formen der Energieerzeugung und -speicherung zu virtuellen »Kombi-Kraftwerken« zusammenschließen, die von demokratisch kontrollierten Stadtwerken, Bürgergesellschaften, mittelständischen Unternehmen oder Kommunen verwaltet werden.

Auf einer breiten Basis vieler kleiner Beteiligter bahnt uns die Energiewende somit nicht nur den Weg in eine saubere Zukunft, sondern auch zu mehr Demokratie im Energiesektor.

››› Gastbeitrag von Antje Wagner, Umweltinstitut München e. V.

Meine Meinung

Dr. Manon Haccius, Leiterin Qualität, Recht und Nachhaltigkeit bei Alnatura, zum Thema:

Eigentlich wissen wir alle, wie es geht mit dem nachhaltigen Leben. Aber oft genug sind wir bequem und warten auf technische Wunder oder den Gesetzgeber. Wohnen und Mobilität sind große "Treiber" beim CO2-Ausstoß, die jeder selbst steuern kann – aber auch muss. Eine moderne Heizung senkt den Energieverbrauch erheblich. Intelligentes Lüften und Heizen in Haus oder Wohnung sind keine banalen Fragen! Der Hebel liegt in der großen Zahl kleiner Schritte und täglicher Entscheidungen vieler Menschen – im Lebensstil letztlich. So spart eine um ein Grad niedrigere Raumtemperatur sechs Prozent Energie, per Bahn kommen Sie mit einem Siebtel der CO2-Last einer Flugreise von Frankfurt nach Berlin. Auch die Ernährung ist Thema. Etwas weniger Fleisch, etwas öfter Bio-Lebensmittel essen – wenn dies viele tun, ist es klimawirksam und nachhaltig besser für die Erde. Als Wähler schließlich kann man die Entwicklung zukunftsträchtiger, alltagstauglicher, dezentraler, "unspektakulärer" technischer Lösungen einfordern. Jeder Schritt zählt!