Die blinde Gärtnerin

Veronika Zimmermann ist blind - und gärtnert mit Hingabe und hat sich über die Jahre einen wundervollen Garten erschaffen. Wie sie das macht, kann jeder im Buch "Magdalenas Blau" lesen.

In der Nacht hat ein starker Wind den südlichen Garten zerzaust. Gleich nach dem Frühstück stapft die beinahe achtzigjährige Magdalena Weingartner aus dem Haus, mit einer Schere bewaffnet, Bast zwischen den Zähnen. Mit flinken Fingern bindet sie die Ranken der Clematis hoch, bewegt sich dann, an der mächtigen Dahlienhecke vorbei, zum Tomatenbeet. Eine Plantage fast, hundertfünfzig Stöcke verschiedenster Sorten. Den ganzen Vormittag durchstreift sie prüfend die Reihen, vor allem die "Berner Rose" hat es erwischt.

Wer hätte gedacht, dass sie einmal gärtnern würde? "Das kannst du nicht, Magdalena!", hieß es in ihrer Kindheit immer. "Warum nicht?", fragte sie zurück. "Du hast was mit den Äugle." Was hatten die Erwachsenen bloß? Sie sah doch! Vor dem Fenster schimmerten die Bäume vom Schlossberg grün, die Pfingstrosen leuchteten rot. Und was sie nicht sah, konnte sie tasten, hören, riechen, schmecken. Alle Menschen finden sich auf der Welt so zurecht wie sie, dachte Magdalena damals.

1933 wurde sie in Freiburg geboren. Ein dunkelhaariges, temperamentvolles Mädchen, das viele Begabungen hatte – und einen Makel: Auf dem rechten Auge sah es nichts, auf dem linken vielleicht zwei Prozent, nach heutigen Begriffen würde man sagen "blind". In Magdalenas Familie benutzte man dieses Wort nicht, es war gefährlich in der Nazi-Zeit, blinde Kinder wurden in Anstalten gesteckt.

Kaum dass sie laufen konnte, interessierte sie sich für Blumen.

Im elterlichen Garten konnte sich das kleine, tollpatschige Mädchen ziemlich gut orientieren und freier bewegen als im Haus, wo es häufig irgendwo anstieß und etwas zerbrach. Sie roch an den Blüten, fasste sie vorsichtig an. Besonders mochte sie das Zarte, Seidige vom Mohn. Oft knabberte sie Begonien-Blüten, weil sie so schön sauer waren. Oder sie schmückte sich mit Blumen, dieses Gefühl auf der Haut, das war das Größte. Einmal pflanzte sie eine Puppe im Garten ein, weil sie dachte, sie würde größer, wenn sie im Regen steht – Magdalena hatte Fantasie, ihre eigenen Vorstellungen von der Welt.

Täglich ging sie an der Hand ihres Großvaters, einem pensionierten Malermeister, auf den Freiburger Schlossberg. "Schauen, Magdalena, schauen!", sagte er und zeigte ihr den Efeu, die Vogelmiere, wie das Springkraut hüpft, wenn man es berührt, lehrte sie spielerisch, ihr bisschen Sehkraft zu nutzen. Naturkunde, Heimatkunde, Farben unterscheiden und sie richtig benennen – Umbra, Neapelgelb, Schweinfurter Grün.

Ab 1940 lernte sie in einer Privatschule lesen und schreiben, das linke Auge ganz nahe auf dem Papier. Bald danach der erste Bombenalarm, den Weg in den Bunker fand sie zur Not alleine. "Ohne den Krieg wäre ich nie so selbstständig geworden"«, sagt sie heute. Nach dem großen Bombenangriff auf ihre Heimatstadt, im November 1944, wurde die Familie aufs Land evakuiert. "Mit elf Jahren hab ich im Schwarzwald Schafe gehütet. Damals bin ich endgültig zum Naturmenschen geworden."

Mit fünfzehn, auf dem Blindeninternat in Marburg, flüchtete sie sich, wenn das Heimweh sie packte, in den Garten. "Du darfst nicht!" Täglich dieselbe Litanei. Stenotypistin sollte sie werden? Schrecklich! Ein Mann? Keinesfalls, ihre Blindheit könnte erblich sein! Wie ein Vogel mit gestutzten Flügeln kam sie sich vor. Doch eines Tages würde Magdalena alles bekommen, wovon sie träumte: Mit Konrad Weingartner, einem Dorfschullehrer, würde sie im Markgräflerland leben, Haus und Garten haben – und, gegen den Rat der Ärzte und der katholischen Kirche, ein Kind.

Vierzig Jahre sind vergangen seit jenem bitterkalten Winter, in dem Lukas zur Welt kam. Das Fertighaus von damals ist schon ein wenig altersschwach. Der Garten von zweitausend Quadratmetern überbordend üppig, der schönste in ganz Mauchen. Gern erzählt Magdalena Weingartner von seinen Anfängen. Blutige Laien seien sie gewesen: "Wünsche hatten wir genug. Nur wie?" Konrad wollte unbedingt Rebstöcke, sie, Magdalena, ein "Freßwegle" mit Beeren, der kleine Lukas Erdbeeren und Kirschen. Eines kam zum anderen, Hasenställe, Wassertanks, Komposthaufen, Gemüsebeete. Alle Beete mit klaren Begrenzungen, sodass Mutter und Kind – auch Lukas ist blind – sich mit Händen und Füßen gut orientieren können. "Ein großer Laufstall" sei er, so drückt sie sich aus, das einzige Terrain, in dem sie sich auch jetzt, als alte Frau, vollkommen sicher fühle.

Am Rand der Tomatenplantage türmt sich Abgebrochenes und Abgeschnittenes. Nach der stürmischen Nacht ist es ruhig, warm genug, um am Steintisch, unter dem alten Apfelbaum, zu vespern.

››› Gastbeitrag von Ulla Lachauer

"Magdalenas Blau: Das Leben einer blinden Gärtnerin"

Ulla Lachauer, 352 Seiten, Hardcover,
Rowohlt Verlag, Reinbek 2011,
ISBN 978-3-498-03936-3,19,95 Euro