Bio – was wir noch besser machen können

Biologisch produzierte Lebensmittel dienen der Umwelt und den Menschen – diese Erkenntnis ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Aber: Ist bio das Ende der Entwicklung? Dr. Ursula Hudson von Slow Food Deutschland e.V. hat hierauf eine klare Antwort.

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Im Hochsommer erkennt man sie deutlich auf dem Lande: biologisch bewirtschaftete Felder, in denen Mohn- und Kornblumen blühen, darüber fliegen Feldlerchen, Grillen zirpen. So sollte Landwirtschaft aussehen. Im Vergleich zu diesem herrlichen Panorama wirken die intensivst genutzten konventionellen Agrarproduktionsflächen leblos; selbst die Ackerrandflächen sind totgespritzt.

Die Bedenklichkeit konventioneller Landwirtschaft wird zunehmend erkannt. Bio ist Trend, und ein großer Teil der gesellschaftlichen Mitte konsumiert bewusster – zweistellige Zuwachsraten in der Bio-Branche sind ein klares Zeichen.

Allerdings ist bio nicht gleich bio. Der kleinbäuerliche Betrieb, in dem verschiedene Nutztiere leben und ein Strauß an Feldfrüchten angebaut wird, ist auf dem Rückzug. Auch in der Bio-Branche ist der Preisdruck mittlerweile groß, und Bio-Produkte werden zunehmend in quasi-industrieller Massenproduktion erzeugt. Diese Produkte entsprechen dann zwar der EG-Öko-Verordnung, aber bio alleine ist nicht genug, um von wirklicher Nachhaltigkeit sprechen zu können.

Hierfür muss auch bei der biologischen Produktion großflächige Monokultur-Landwirtschaft vermieden werden, weil diese oft ähnliche Folgen wie der konventionelle Anbau hat. Dies betrifft vor allem von weit her angeschaffte Produktionsmittel wie Dünger und Futter – die Herstellungsketten verlängern sich, Landwirtschaft wird kapitalintensiver und unsere Landschaften eintöniger. Das über den biologischen Anbau hinausgehende Leitbild von Slow Food beinhaltet ­deshalb eine geschlossene Kreislaufwirtschaft: Höfe, die ihre eigenen Neben- und Abfallprodukte nutzen und zum Beispiel Kuhmist als hofeigenen Dünger verwenden.

Eine weitere Herausforderung ist die zunehmende industrielle Weiterverarbeitung von biologisch hergestellten Lebensmitteln. Ist es der Sinn von bio, wenn Rohstoffe zwar ökologisch produziert, danach aber mit Zusatzstoffen zu hochverarbeiteten Convenience-Produkten aufbereitet werden? Zusatzstoffe dienen nicht Geschmack oder Nahrhaftigkeit, sondern sind Sparmaßnahmen, die Zeit, Geld oder Know-how einsparen sollen. Das, was sie zu erreichen versuchen – zum Beispiel Reife, Aroma, Haltbarkeit –, lässt sich durch handwerkliches Können und die Ausgangsqualität der Zutaten ebenso erreichen. Handwerkliche Herstellung beruht auf menschlichem Wissen und Können rund um chemische, physikalische, biologische und technologische Zusammenhänge und Abläufe. Gute Lebensmittel sind nach der Slow-Food-Philosophie nachhaltig angebaute und artgerecht erzeugte Grundprodukte und Lebensmittel, die aus hochwertigen Zutaten bestehen und weitestgehend ohne technologische Zusatzstoffe hergestellt werden.

Slow Food Erntetour

Für eine zukunftsfähige Lebensmittelwelt braucht es zudem die Vielfalt: die biologische Vielfalt auf dem Acker, aber ebenso die kulturelle Vielfalt. Dazu gehört der inhabergeführte Laden ebenso wie der handwerk­liche Bäcker; dazu gehören Gastronomen, die saisonale, regionale Produkte verarbeiten und nicht zuletzt bewusste Verbraucher, die durch ihr Kaufverhalten diese Vielfalt unterstützen. Gemeinsam gestalten sie die Bedingungen, unter denen Nachhaltigkeit von Lebensmitteln erst möglich ist. Eine regionale Verankerung dieser Netzwerke ist für Slow Food zentral: Die entstehenden kleinteiligen Wertschöpfungsketten verbinden die Menschen und erlauben die Gewinnnutzung in der Region und für die Region.

Der umsichtige und aufmerksame Umgang mit Lebensmitteln kann dem Verbraucher aber nicht durch ein Bio-Siegel abgenommen werden. Gerade in diesen Zeiten der Siegelflut wird es immer wichtiger, Wert darauf zu legen, wo und unter welchen Umständen unsere Lebensmittel produziert und verarbeitet werden. Je mehr wir uns mit unserem Essen auseinandersetzen, desto leichter wird dies. Dazu gehört das Einkaufen von ökologisch erzeugten, saisonalen und möglichst regionalen Lebensmitteln, aber auch, mehr selbst zu kochen, zu backen oder gar einzuwecken. Wer regelmäßig kocht, lernt Lebensmittel und ihre Eigenheiten kennen und schätzen. Und viele kritische Verbraucher können – zusammen mit ihren Händlern, Landwirten und Lebensmittelhandwerkern – einen wirklichen Wandel des bisherigen Systems erreichen. Zusammen kann die Spirale des »Wachsen oder Weichen" in Landwirtschaft und Lebensmittelherstellung überwunden werden. Davon pro­fitieren alle: Produzenten, Verarbeiter und Verbraucher ebenso wie die biologische Vielfalt, Boden, Luft und Wasser. Nur so werden wir lebenswerte, kleinteilige und nach­haltige ländliche Räume auf Dauer für alle erhalten können.

››› Gastbeitrag Dr. Ursula Hudson, Vorsitzende Slow Food Deutschland e.V.

Kurz gefasst

Slow Food ist eine internationale Bewegung, die sich dafür einsetzt, dass jeder Mensch Zugang zu Nahrung hat, die sein Wohlergehen sowie das der Produzenten und der Umwelt erhält. In Deutschland zählt die Bewegung derzeit über 13 500 Mitglieder in rund 85 Convivien (lokalen Gruppen). Die Grundsätze sind: gut, sauber und fair. Slow Food fordert, dass unsere Nahrung geschmacklich einwandfrei ist und dass sie hergestellt wird, ohne Schaden an Mensch, Natur und Tier anzurichten.