Meditation

Eine Verabredung mit sich selbst Meditation gehört zu den ältesten, einfachsten und zugleich wirksamsten Selbsthilfemethoden der Menschheit.

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Eine 70-jährige Dame mit fortgeschrittenem Brustkrebs kommt zu einem erneuten Termin in die Hausarztpraxis. Durch die Operation sowie die folgende Chemotherapie und Bestrahlung war sie in der Vergangenheit sehr erschöpft und hatte mit schweren Ängsten und innerer Unruhe zu kämpfen. Der Hausarzt hatte sie nun einige Monate nicht gesehen. Als sie wieder in die Praxis kommt, spürt der Arzt schon beim Händedruck, dass bei der Patientin eine grundlegende Veränderung stattgefunden hat – obwohl die medizinischen Befunde eigentlich unverändert sind.
Das Beeindruckende sind also nicht der Krankheitsverlauf, die Röntgen- oder Laborbefunde. Vielmehr ist es die Art und Weise, wie die Patientin jetzt über ihre Krankheit spricht: mit fester Stimme, ruhig, souverän und selbstsicher. Keine Spur mehr von der Klagsamkeit und Getriebenheit, mit der sie sonst ihren Ängsten und ihrem Kummer, ihrer inneren Unsicherheit und Rastlosigkeit freien Lauf ließ. Als sie vom Auf und Ab ihrer Beschwerden berichtet, bleiben die üblichen Tränen aus und von Zeit zu Zeit erhellt sogar ein Lächeln ihr Gesicht. Ihr ist es gelungen, sich nicht länger von der Krankheit bestimmen zu lassen, sondern das Ruder in die Hand zu nehmen und wieder Kontrolle über sich selbst und ihr Leben zu bekommen. Wie hat sie das bloß geschafft? Welches Wundermittel hat diese rätselhafte Wende herbeigeführt? Psychotherapie? Ein neues Antidepressivum? Weit gefehlt! Nein, sie hat einen achtwöchigen Kurs in Achtsamkeitsbasierter Stressreduktion absolviert. Dabei handelt es sich um eine im Gesundheitswesen weitverbreitete Form der Meditation, die in den 1970er-Jahren in den USA von Jon Kabat-Zinn entwickelt wurde und für die es heute zahlreiche wissenschaftliche Wirksamkeitsnachweise gibt – auch in der Begleitung von Krebserkrankungen. Damit können die Patienten ihre Lebensqualität verbessern und Beschwerden wie Erschöpfung, Schmerzen, Angst oder Depressionen lindern. Und nicht nur bei einer Krebserkrankung kann Meditieren helfen, auch bei vielen anderen Diagnosen wie beispielsweise Bluthochdruck, Reizdarm, Wechseljahresbeschwerden, Infektanfälligkeit, Angst- und Aufmerksamkeitsstörungen können meditative Übungen sinnvoll eingesetzt werden. Vor allem aber beugt die Meditation vor, indem sie Energie und Lebensfreude erzeugt, Stress reduziert und so mögliche Folgeerkrankungen verhindert.

Eine Verabredung mit sich selbst Meditation gehört zu den ältesten, einfachsten und zugleich wirksamsten Selbsthilfemethoden der Menschheit. Daher gibt es auch so viele Formen. In einem der ältesten indischen Texte werden bereits 112 dieser Methoden unterschieden. Im Grunde gibt es so viele Arten der Meditation, wie es Menschen gibt. Denn Medi­tieren ist nichts anderes als eine Verabredung mit sich selbst, um möglichst wach und aufmerksam zu erkunden, was im jeweiligen Moment in und mit einem sowie um einen herum geschieht. Und das ist für jeden Menschen anders. Ganz individuell kann daher der Einstieg gewählt werden. Weitverbreitet ist die Meditation im Sitzen, bei der für einen Zeitraum von einigen Minuten oder länger die Aufmerksamkeit auf die Atmung gerichtet wird. Andere Möglichkeiten bestehen in der Konzentration auf einen Gedanken, ein Bild, einen Wortlaut oder die Bewegungen der Füße beim Gehen. Es gibt jedoch auch einen gemeinsamen Nenner: Fast alle Menschen haben mit innerer Unruhe zu kämpfen und fast jedem fällt es schwer, länger als für ein paar Sekunden die Aufmerksamkeit willkürlich auf einen bestimmten Gegenstand, sei es ein Gedanke, eine Körperbewegung oder ein äußeres Objekt wie eine Blume, zu richten. Einer der ersten westlichen Wissenschaftler, der schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts den Wert der Meditation für die Gesundheit erkannt hat, war Rudolf Steiner, der Mitbegründer der Anthroposophischen Medizin. "Schaffe dir Augenblicke innerer Ruhe und lerne in diesen Augenblicken das Wesentliche von dem Unwesentlichen unterscheiden", diese Worte Rudolf Steiners bringen die Essenz dessen zum Ausdruck, worum es bei den unzähligen Formen der Meditation geht: Wenigstens ein paar Minuten am Tag bewusst abzuschalten – und selbst zu entscheiden, was in dieser Zeit wichtig ist: den Atem wahrzunehmen, das Vogelgezwitscher draußen, einen bestimmten Gedanken oder einen Spruch zu meditieren oder zu erkunden, was gerade im Inneren vor sich geht. Meditieren ist so gesehen ein sanftes Workout im Fitnessraum der Seele, ganz ohne Ehrgeiz und ohne Leistungsbewusstsein, ein Akt der Selbstfürsorge mit dem Ziel, sich selbst etwas Gutes zu tun – und deshalb so gesund.

››› Gastbeitrag Dr. med. Frank Meyer

Dr. med. Frank Meyer

Dr. med. Frank Meyer (Nürnberg), Anthroposophischer Hausarzt und Experte für integrative Medizin, Autor von „Burnout – Neue Kraft schöpfen“ im GU Verlag mit Meditationsanleitungen auf Übungs-CD.

Infos zum Thema Meditation und Stressbewältigung unter:


Zum Weiterlesen:
  • Stephan Bodian: "Meditation für Dummies" (2011), ISBN 978-3-52770-753-9, 16,99 Euro.
  • Jon Kabat-Zinn: "Zur Besinnung kommen" (2008), ISBN 978-3-93685-582-1, 24,90 Euro.
  • Frank Meyer: "Burnout – Neue Kraft schöpfen" (2013, mit CD), ISBN 978-3-83382-839-3, 16,99 Euro.
  • Arthur Zajonc: "Aufbruch ins Unerwartete: Meditation als Erkenntnisweg" (2014), ISBN 978-3-77252-284-0, 24,90 Euro.