Kunsttherapie – Malen

In der Anthroposophischen Medizin wird Gesundheit auf vier Ebenen beschrieben: als körperliche Unversehrtheit, physiologische Belastbarkeit, psychischer Reichtum und geistige Produktivität. "Gesund" ist der Mensch, wenn das individuelle Zusammenwirken der verschiedenen Kräfte im dynamischen Gleichgewicht ist.

Platzhalter

Dieses Gleichgewicht zu erhalten, zu pflegen oder wiederzuerlangen, wenn es verloren gegangen ist, kann durch die Anthroposophische Kunsttherapie unterstützt werden. "Aber ich habe doch seit der Schule nicht mehr gemalt!", sagen viele Patienten zuerst. Dabei geht es nicht um Kunst als Ergebnis, sondern als Mittel: Künstlerische Prozesse können körperliche und psychische Eigenheiten im Bild sichtbar machen. Sie eröffnen den Zugang zu Ressourcen und helfen, neue Kräfte zur Gesundung zu entwickeln. Einseitigkeiten können bewusst gemacht und dann schrittweise aktiv verwandelt und integriert werden.

Tätig werden für die eigene Gesundheit Polternd und sichtlich aufgeregt stürmt ein älterer Herr in den Kunsttherapieraum. Auf dem Tisch stehen Aquarellfarben, Papier und Pinsel bereit. Um ihn kennenzulernen, lädt ihn die Kunsttherapeutin ein, die Materialien auszuprobieren und ein Bild ohne vorgegebenes Thema zu malen. Hastig entsteht ein von Rot dominiertes Bild. "Fertig!", ruft er nach wenigen Minuten. Der Blick auf die ärztliche Verordnung bestätigt der Therapeutin, was der erste Eindruck vermittelt: Der Patient leidet an Bluthochdruck. Zur Entlastung wird er dazu angeleitet, eine ruhige Wellenbewegung in Blau zu zeichnen. In gehetzter Bewegung entstehen Wellen, die sich eng aneinanderreihen, steil aufsteigend und fallend – ein "Meer im Sturm". Bei der gemeinsamen Bildbetrachtung wird der Patient gebeten, sich in ein Boot einzufühlen, das auf diesem Meer schippert. Dadurch beginnt er, im Bild die Geste wahrzunehmen, die er körperlich als Spannung erlebt. Er sieht, dass die Fahrt auf diesen Wellen recht ungemütlich sein könnte. Wie hoch können die Wellen sein, damit Schiff und Passagiere nicht durchgeschüttelt werden?

Mit diesem Bild vor Augen beginnt der Patient im weiteren Verlauf der Therapie, die Wellen ruhiger und ausgeglichener zu zeichnen. Mit einem breiten Pinsel und blauer Aquarellfarbe malt er auf großem Papier das Meer. Die Wellen verlieren an Höhe, sie werden zunehmend ausgeglichener und mit jedem weiteren Bild, das auf diesem Weg entsteht, entwickelt der Patient mehr seelische Ruhe und Gelassenheit. Seine Bewegungen werden langsamer, der Blutdruck sinkt. Er spürt, dass diese Veränderungen unmittelbar mit der beim Malen und Zeichnen geübten Entspannung zu tun haben. Das Bild des stürmischen Meeres begleitet ihn und hilft ihm, im Alltag zu erkennen, wann der Druck steigt, um dann aktiv gegenzusteuern und die innerlichen Wogen zu glätten.

Ein weiteres Beispiel: Eine Frau, die wegen Depressionen in Behandlung ist, malt auf ihrem ersten Bild einzelne, unverbundene Farbinseln. Die Farben wirken im Weiß verloren. Beim Betrachten fällt der Patientin auf, dass sie nicht das ganze Blatt genutzt hat, dass jede Farbe isoliert für sich steht. "Ich kenne das", sagt sie, "ich bin viel alleine, ich gehe nicht auf andere zu." Sie formuliert als Ziel für ihren Weg in der Kunsttherapie, mutiger werden zu wollen, mehr auf sich und ihre Fähigkeiten zu vertrauen. Mit der Zeit lässt sie sich darauf ein, dass sich die Farbinseln zunächst vergrößern und berühren und dann ineinander übergehen, sodass neue Farben entstehen. "Durch diese einfachen Mischübungen ist mir bewusst geworden, wie groß meine Angst vor Begegnungen war, obwohl ich mich isoliert und einsam fühlte", sagt sie. "Als die Farben sich mischten, war das richtig befreiend! Das, was ich im Bild geübt habe, versuche ich jetzt auch im Leben: Ich fasse mir ein Herz, gehe auf andere Menschen zu – und spüre oft erstaunt, dass sie mich schätzen."

Die beiden Beispiele zeigen, wie Verschiebungen des körperlichen und psychischen Gleichgewichts im Bild und Prozess sichtbar werden und aktiv bearbeitet werden können. Vom Erstbild ausgehend wird in der Anthroposophischen Kunsttherapie dialogisch ein individueller kunsttherapeutischer Weg entwickelt, der dem Patienten helfen kann, sein Gleichgewicht wiederzuerlangen, sich selbst neu zu begegnen und Kraftquellen zur Gesundung zu erschließen. Im geschützten Raum des Bildes können Lösungen ausprobiert, verschüttete Qualitäten und Fähigkeiten reaktiviert sowie neue Per­spektiven eröffnet werden.

››› Gastbeitrag Margaret Ellis, Alanus Hochschule

Margaret Ellis

Margaret Ellis (Wuppertal), Waldorferzieherin, Kunsttherapeutin (BVAKT), Malerin (Dipl.), Heilpraktikerin Psychotherapie, arbeitet an der Troxler-Schule Wuppertal und als Lehrkraft für besondere Aufgaben im Fachbereich Künstlerische Therapien an der Alanus Hochschule (Alfter).

Anthroposophische Kunsttherapie wird von Ärzten verordnet und von qualifizierten und zertifizierten Kunsttherapeuten (BVAKT) durchgeführt. Sie wurde in den 1920er-Jahren auf der Grundlage der Menschenkunde Rudolf Steiners entwickelt und ist wissenschaftlich evaluiert.