Heilpädagogik

Die anthroposophische Heilpädagogik ist aus den Anregungen von Rudolf Steiner (1861–1925) heraus entstanden. Inzwischen gibt es heilpädagogische Einrichtungen, die nach den anthroposophischen Grundsätzen arbeiten, auf der ganzen Welt.

Platzhalter

Herr M. hat sich viele verschiedene Einrichtungen angesehen, weil er für seinen Sohn, der eine geistige Behinderung hat, nach der Schule eine berufliche Weiterbildung gesucht hat. Er bringt ihn in eine anthroposophische Einrichtung, in der es einen Berufsbildungsbereich für Schulabgänger gibt: "Diese Einrichtung hat das vielfältigste Angebot und kann meinen Sohn deshalb am besten in seiner Entwicklung unterstützen", so der Vater. Überzeugt haben ihn die vielen unterschiedlichen Lern- und Förderangebote. Neben den bekannten schulischen Fächern werden die Kinder und Jugendlichen an das Erleben der Natur gezielt herangeführt. Außerdem gibt es viele handwerkliche und künstlerische Fächer wie Theaterspielen, Singen oder Malen. Es ist ganz erstaunlich, dass manche Kinder, die in vielem stark beeinträchtigt sind, zum Beispiel einen guten Zugang zur Musik finden.

Heilpädagogik weltweit

Die anthroposophische Heilpädagogik ist aus den Anregungen von Rudolf Steiner (1861–1925) heraus entstanden. Inzwischen gibt es heilpädagogische Einrichtungen, die nach den anthroposophischen Grundsätzen arbeiten, auf der ganzen Welt. Das Angebot in den Einrichtungen ist umfangreich: Frühförderung, Kindergarten, Schule, einen Berufsbildungsbereich und Arbeiten in verschiedenen Werkstätten. Es gibt auch inklusive Angebote, in denen Kinder mit einer geistigen Behinderung gemeinsam mit anderen Kindern in den Kindergarten gehen oder beschult werden, ihre Zeit im Hort oder in einem Freizeitlager verbringen. Außerdem gibt es vielfältige Angebote im Wohnbereich.

In der anthroposophischen Heilpädagogik wurden von Anfang an alle Kinder pädagogisch unterstützt, lange bevor es die Möglichkeit für alle Kinder mit einer Lernbehinderung oder einer geistigen Behinderung gab, von einer Schule aufgenommen zu werden. Ein jedes Kind kann lernen! Das ist eine tiefe Überzeugung, die in der anthroposophischen Heilpädagogik lebt, und es ist die Aufgabe des Heilpädagogen, auf jedes Kind individuell einzugehen, damit es sein Entwicklungspotenzial entfalten kann. Deshalb verzichtet die Heilpädagogik auf standardisierte Programme, die für alle Kinder mit derselben Diagnose gelten.

Die Welt durch die eigene Betätigung erfahren

Das Besondere an der anthroposophischen Heilpädagogik ist die ganzheitliche Förderung. Im Vordergrund steht die eigene Aktivität des Kindes, mit der es die Welt und seinen Leib ergreifen lernt. Es wird also nicht "behandelt", sondern es wird ermutigt, alle Alltagstätigkeiten selbst auszuführen: Ein siebenjähriger Junge kann nicht allein essen und trinken. Die Heilpädagogin gibt ihm den Trinkbecher in die Hand und stützt seinen Ellenbogen beim Trinken. Dann wartet sie, bis sie den Impuls des Kindes spürt, den Becher zu ergreifen, und er den Becher selbstständig zum Mund führt. Das Kind wird also angeregt und ermutigt – und sobald es aktiv wird, nimmt sich die Heilpädagogin wieder zurück und ermöglicht dem Kind, die Tätigkeit selbst auszuführen.

Beim kleinen Kind stehen als Tätigkeiten das Spiel und die Nachahmung im Vordergrund. Viele besondere Kinder sind entweder zu sehr zurückgezogen – sie isolieren sich zum Beispiel durch stereotyp wiederholte Bewegungen und haben es schwer, in ein abwechslungsreiches Spiel zu kommen. Oder sie sind überaktiv und ihre Bewegungen sind chaotisch. Sie können sich nicht konzentriert, nicht aufmerksam auf eine Tätigkeit einlassen. Diese Störung kann leicht oder stark ausgeprägt sein. Es gibt keine klare Grenze zwischen einem sogenannten normalen Kind und einem gering oder schwer verhaltensauffälligen Kind. Die anthroposophische Heilpädagogik unterstützt das Kind, indem sie es liebevoll an die Welt heranführt, damit es diese selbst durch eigene Tätigkeit erfahren kann.

Dafür kennt die anthroposophische Heilpädagogik eine Vielzahl von Methoden, Spielen, künstlerischen und erlebnisaktivierenden Möglichkeiten. Die Welt soll mit allen Sinnen erfahren und erlebt werden, denn dadurch lernt das Kind nicht nur, es bildet sich selbst. Das Gehirn ist nicht fertig, wenn das Kind auf die Welt kommt, sondern es ist bildsam, plastisch, und es wird durch die Tätigkeit zu einem Organ geformt, das die Welt verstehen kann. Intelligenz ist keine statische Größe, sondern wird von der Umwelt und durch gezielte pädagogische Intervention beeinflusst. Das bestätigt die moderne Gehirnforschung.

Einem Kind zuzusehen, wie es sich auf eine neue Wahrnehmung, ein neues Erlebnis zum ersten Mal wirklich einlässt und wie sein Denken dadurch angeregt wird, ist auch für den Erzieher ein wunderschönes Erlebnis.

››› Gastbeitrag Dr. Gisela Erdin

Dr. Gisela Erdin

Dr. Gisela Erdin hat jahrelang in anthroposophischen Einrichtungen für Menschen mit einer geistigen Behinderung gearbeitet, im Humanus-Haus bei Bern und auf dem Ekkarthof am Bodensee. Sie ist Dozentin für Heilpädagogik an der Alanus Hochschule / Institut für Waldorfpädagogik, Inklusion und Interkulturalität in Mannheim.

Mehr Interesse?

  • Infos zur Heilpädagogik online unter:
    verband-anthro.de und camphill.de
  • Martin Niemeijer, Michel Gastkemper, Frans Kamps (Hrsg.):
    "Entwicklungsstörungen bei Kindern und ­Jugendlichen – Medizinisch-pädagogische Begleitung und Behandlung", Verlag am Goetheanum, Dornach 2011, ISBN 978-3-7235-1413-9, 28 Euro.
  • Götz Kaschubowski, Thomas Maschke (Hrsg.):
    "Anthroposophische Heilpädagogik in der Schule – Grundlagen, Methoden, Beispiele", Kohlhammer Verlag, Stuttgart 2013, ISBN 978-3-17-022479-7, 29,90 Euro.
  • Gisela Erdin:
    "Paradigmenwechsel in der Behindertenhilfe", Monsenstein und Vannerdat, Münster 2006, ISBN 978-3-86582-158-4, 13,80 Euro.