Ernährung

In der Anthroposophischen Medizin wird Gesundheit auf vier Ebenen beschrieben: als körperliche Unversehrtheit, physiologische Belastbarkeit, psychischer Reichtum und geistige Produktivität. "Gesund" ist der Mensch, wenn das individuelle Zusammenwirken der verschiedenen Kräfte im dynamischen Gleichgewicht ist.

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Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen." Diese alte Weisheit gilt heute nach wie vor. Und gesunde Ernährung beinhaltet viel mehr als nur die Zufuhr von Nährstoffen wie Eiweiß, Fett, Kohlenhydrate, Vitamine, Mineralstoffe, Spurenelemente und Ballaststoffe – sie kann und sollte auch schmecken. Ebenso tragen Qualität und Frische sowie eine Vielzahl an Pflanzenstoffen und Antioxidantien zur Gesundheit bei. Viele Menschen essen heute aber zu viel, zu fett, zu süß und zu salzig. Dabei kann eine ausgewogene Kost vor vielen Zivilisationskrankheiten wie zum Beispiel Diabetes oder Gicht schützen. Besonders gut belegt ist dieser Zusammenhang bei den Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Vor 25 Jahren konnte der amerikanische Herzspezialist Dean Ornish erstmals in einer Studie zeigen, dass eine konsequente Änderung des Lebensstils mit langfristiger Ernährungsumstellung die Verengung der Herzkranzgefäße aufhalten und sogar umkehren kann.

Heute fließen die Ergebnisse dieser Studie zunehmend in die Behandlung von Herzerkrankungen mit ein. Damit haben Herzpatienten die Chance, selbst sehr viel zu ihrer Genesung beizutragen. Wie das konkret gelingen kann, zeigt zum Beispiel die "Herzschule" am anthroposophisch ausgerichteten Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe in Berlin. In dieser Schule lernen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer unter anderem, sich gesünder zu ernähren. Damit ist allerdings nicht gemeint, das x-te Diätprogramm zu propagieren. Das Ziel ist vielmehr, eine individuell passende Ernährungsweise zu finden, die auf die persönlichen Vorlieben, die Stoffwechsellage und die Lebenssituation abgestimmt ist. Welche Lebensmittel passen zu mir? Wann fühle ich mich wirklich gut genährt? Denn das Nährende versorgt ja nicht nur den Bauch allein, sondern auch die Seele, den Geist und den ganzen Menschen. Deshalb gehören Genuss und Ernährung auch unbedingt zusammen. Es macht keinen Sinn, nur Verbote und Verzicht zu predigen. Es geht vielmehr darum, herauszufinden, wie wir genießen können, ohne unseren Organismus zu belasten.

Man schmeckt nur mit dem Herzen gut. Wer sich und seinem Herzen etwas Gutes tun möchte, lernt in der Herzschule, nach Süden zu schauen: Seit 30 Jahren weiß man, dass die Südeuropäer mit ihrer traditionellen Mittelmeerkost deutlich weniger Herzprobleme haben als ihre nördlichen Nachbarn. Diese Kost basiert auf frischem Obst und Gemüse, Fisch, Pasta und Olivenöl. Untrennbar gehört dazu aber auch die sprichwörtliche mediterrane Lebenskunst, um Genuss und Muße in die Ernährung einfließen zu lassen. Zu lernen, diese Qualitäten auch in den Alltag in unseren nördlicheren Gefilden zu übertragen, ist eine wichtige Voraussetzung für eine nachhaltige Ernährungsumstellung.

Was gilt es ganz konkret zu beachten? Rücken Sie das Gemüse ins Zentrum Ihrer Mahlzeiten! Nur so können Sie dazu beitragen, den Blutdruck, den Cholesterinspiegel und die chronischen Entzündungsprozesse in den Gefäßen zu senken. Es ist zwar eine Herausforderung, Gerichte so pfiffig zu kochen (und abzuwandeln), dass selbst Nicht-Vegetarier nicht ständig ihr Fleisch vermissen. Aber es geht! Wenn möglich, verwenden Sie biologisch angebautes Gemüse aus dem nahen Umland, um Frische und den optimalen Erntezeitpunkt zu garantieren. Ob der Schwerpunkt mehr auf Salat und Rohkost oder mehr auf gekochtem Gemüse liegt, sollte sich nach den Außentemperaturen und dem inneren Wärmehaushalt des Einzelnen richten. Und nutzen Sie reichlich Olivenöl – es hat sich als besonders geeignet erwiesen, weil es spezielle Fettbegleitstoffe enthält.

Nehmen Sie sich die Zeit, verschiedene Geschmacksrichtungen auszuprobieren. Denn je mehr wir unsere eigenen Sinnesorgane schärfen und aufmerksam in unseren Körper hineinspüren, desto deutlicher merken wir, was uns guttut. Das braucht etwas Zeit: Zeit der Achtsamkeit und der Übung. Deshalb ist es sinnvoll, immer wieder zu versuchen, Hektik und Alltag beim Kochen und Essen außen vor zu lassen und kreativ neue Rezepte auszuprobieren. Auch kleine Rituale wie zum Beispiel ein liebevoll gedeckter Tisch und ein gemeinsamer Essensbeginn mit einem kleinen Gedicht oder Gedanken helfen uns, ganz den Augenblick zu genießen. So lässt sich eine nachhaltige Ernährungsumstellung fast unbemerkt vollziehen – und zwar nicht als Einschränkung und Verzicht, sondern über eine innere Erfahrung von neuen und nie geahnten Geschmackserlebnissen. Wie schön, wenn uns das gelingt. Und wie gesund für den Organismus.

››› Gastbeitrag Ute Gruhn und Dr. Dr. Andreas Fried

Ute Gruhn

Ute Gruhn ist Ökotrophologin und Ernährungsberaterin und seit 2000 in der Havelhöher Herzschule tätig.

Dr. Dr. med. Andreas Fried

Dr. Dr. med. Andreas Fried ist Facharzt für innere Medizin und Kardiologie. Seit 1995 ist er leitender Arzt für Kardiologie am Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe und dort seit 1998 im Team der Herzschule aktiv.

Zum Weiterlesen:

  • Annette Bopp et al.: Genussküche fürs Herz.
    Die 140 besten Rezepte, Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2012, ISBN: 978-3-7725-5050-8, 24,90 Euro
  • Annette Bopp et al.: Die Havelhöher Herzschule.
    Neue Perspektiven für Herzpatienten, Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2009, ISBN: 978-3-7725-5043-0, 19,90 Euro
  • Rose Elliott: Einfach vegetarisch
    Neuer Umschau Buchverlag, Neustadt a. d. Weinstraße 2008, ISBN: 978-3-86528-636-9, 10 Euro
  • Dean Ornish: Revolution in der Herztherapie.
    Der Weg zur vollkommenen Gesundheit, Kamphausen Verlag, Bielefeld 2010, ISBN: 978-3-8990-1328-3, 29,95 Euro
  • Margit Proebst: Vegetarisch mediterran.
    100 neue Rezepte, Christian Verlag, München 2010, ISBN: 978-3-88472-969-4, 14,99 Euro
  • Infos zur Herzschule unter herzschule.org