Mit Sinn

"Die Frage nach dem Sinn einer Tat kommt nur auf, wenn wir erkennen, dass wir für die Folgen unserer Taten verantwortlich sind." Ein Beitrag zur neuen Anthroposophie-Serie "Denken wirkt" von Prof. Dr. Götz E. Rehn, Alnatura Gründer und Geschäftsführer.

Wir Menschen sind zur wesentlichen Bedrohung des Erdorganismus geworden. Das stellte der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen in seinem Gutachten "Welt im Wandel – Gesellschaftsvertrag für eine große Transformation" im Oktober 2011 fest. Der fortschreitende Klimawandel und die Zerstörung der biologischen Vielfalt führen uns an die planetarischen Grenzen. Die Forscher sprechen deshalb von einem neuen Erdzeitalter, dem "Anthropozän". Die "Menschenzeit" ist die Epoche in der Evolution, in der es ganz auf den Menschen ankommt.

Durch die zunehmende Freiheit im Denken und Handeln haben wir uns scheinbar aus allen Beziehungen und Verpflichtungen gelöst. Nahezu "gottähnlich" glauben wir, alles Denkbare verwirklichen zu können. Dieser geistige Aufbruch der Menschen in den vergangenen 50 Jahren hat unser Leben, aber auch unsere Erde radikal verändert. Wir bauen die Erde nach eigenen Vorstellungen um, ohne uns zu fragen, ob unsere Hand­lungen sinnvoll sind. Die Frage nach dem Sinn einer Tat kommt nur auf, wenn wir erkennen, dass wir für die Folgen unserer Taten verantwortlich sind. Jede Handlung führt zu Veränderungen in uns, indem wir etwas lernen, uns erfreuen et cetera. Zugleich hat jede Tat auch Auswirkungen auf die Umwelt. Wenn ich zum Beispiel Wälder abholze, um auf den gewonnenen Flächen etwas anzubauen, reduziere ich das Dienstleistungsvermögen des Erdorganismus, CO2 zu binden.

Doch wann ist eine Tat sinnvoll? Woran können wir uns orientieren? Gibt es Regeln oder Vorgaben, die uns leiten können? Eine Handlung ist dann sinnvoll, wenn sie dem Handlungsobjekt gerecht wird. Wenn ich beispielsweise in mei­nem Hausgarten den Boden so bearbeite, dass sich die frisch gesetzten Salatsetzlinge besonders gut entfalten können, orientiert sich die Tat am Boden und an den Setzlingen. Es geht um eine Handlung aus Einsicht in das Wesen, auf das ich durch meine Tat Einfluss nehme.

Wir kennen die Worte "das macht keinen Sinn", "es ist sinnlos" oder "ich möchte mich besinnen". Auch die Suche nach dem "Sinn des Lebens" ist eine häufig gebrauchte Wortverbindung. Immer geht es dabei um die Kernfrage der Sinnfindung. Wir stellen die Frage nach dem Sinn der Tat, wenn wir erleben, dass wir mehr oder weniger bewusst handeln und wenn wir nach mehr Handlungssicherheit aus Verantwortung für die Folgen unserer Taten streben.

Die Suche nach dem Sinn kann nur von jedem Einzelnen unternommen werden. Sie nimmt ihren Anfang bei der Frage: Können wir die Wirklichkeit erkennen, und gibt es eine Erkenntnissicherheit? Am Anfang der eigenen Entwicklung steht deshalb die Beschäftigung mit dem menschlichen Erkenntnisprozess. Rudolf Steiner hat im Anschluss an Goethe auf den zu beobachtenden Prozess der Erkenntnis aufmerksam gemacht. Die Welt können wir ohne unser Denken nicht erkennen, weil wir von der Welt nur durch den Begriff, also eine gedankliche Kategorie, wissen. Die Sinne vermitteln uns laufend und unaufgefordert eine Fülle von unzusammenhängenden Eindrücken. Zum Beispiel erhalten wir Eindrücke wie braun, klein, rundlich et cetera, und irgendwann können wir das "Etwas" als Kastanie erkennen. So entsteht durch die verbindende Kraft des Begriffs eine Vorstellung von dem Gegenstand, den wir erkennen wollen, in unserem Bewusstsein. Je umfänglicher und ganzheitlicher wir unser "Gegenüber" erkennen, umso mehr können wir von seinem Wesen begreifen. Dieses gewährt uns erst die notwenige Einsicht in seine Wesensart. Ihrer bedürfen wir, wenn wir den Sinn von etwas erkennen wollen. Denn ein sinnvolles oder sinnbestimmtes Handeln ist ein wesensgerechtes Handeln, das heißt, ein Handeln, das sein Motiv beziehungsweise sein Ziel der Tat aus der Erkenntnis des Wesens gewinnt. Im Idealfall ist das Handlungsmotiv vollständig aus dem Wesen des Handlungsobjekts geschöpft.

Ein Handeln aus Einsicht ist damit auch mit einer Sinngebung verbunden. Der Handelnde gibt seiner Tat einen Sinn, den er aus Einsicht gewonnen hat. Dies ist immer und in jeder Situation ein individuell gewonnener neuer Sinn. Eine Tat, die Normen oder Pflicht, Ethik, Idealen oder Sittlichkeitsvorgaben entspringt, ist in dem beschriebenen Sinne keine individuelle, sinngebende Tat. Nur die individuelle Handlung ist zugleich eine freie, da der Handelnde weder durch innere noch durch äußere Bestimmungsgründe in seinem Tun beeinflusst wird. Er handelt vielmehr aus tiefstem Interesse, letztlich aus sittlicher Liebe.

Die Aufgabe und Chance des modernen Menschen ist, aus Freiheit sinnvoll zu handeln. Dies setzt sein Interesse an Welt und Mensch voraus. Er begibt sich auf die Suche nach dem Sinn des Seins und gewinnt Erkenntnissicherheit über die Wirklichkeit durch die bewusste Beobachtung des eigenen Erkenntnisprozesses. Ist das Wesen und damit sein tieferer Sinn erkannt, kann der Mensch in seiner Tat Sinn geben, das heißt, der Welt durch seine Handlung etwas zurückschenken.

Dies ist die eigentliche Zukunftsaufgabe: Durch die Handlungen des Menschen wird die Erde veredelt. Wir können durch unsere Taten dazu beitragen, dass die Erde eine ästhetische Gestalt erhält. Die schöne Seite der Welt kann nur der Mensch ermöglichen, indem er die Erde "entzaubert" und den Wesen die Chance eröffnet, etwas Neues zur Erscheinung zu bringen. Damit führt die freie Tat aus Liebe über die Ästhetisierung zur Befreiung der Natur. Es ist unsere Verantwortung, die Erde sinnvoll zu gestalten. Es ist unsere Chance, ihr einen neuen Sinn zu geben. Nur dann schaffen wir den Lebensraum, der eine Zukunft für uns Menschen bildet. Nehmen wir unsere Schicksalsaufgabe wahr und werden vom "Zerstörer" zum Gärtner des Planeten! Das ist die große Transformation, auf die die Erde wartet.