Ernährung

"Es reicht nicht aus, Lebensmittel nur von ihrer stofflichen Seite zu betrachten. Sie haben in ihrem Lebensprozess eine Erfahrung gewonnen, die sie auf uns übertragen." Ein Beitrag von Wolfgang Gutberlet, bis 2009 Vorsitzender der tegut-Geschäftsleitung.

Die richtige Ernährung scheint zum Problem geworden zu sein. Die Berichterstattung in vielen Medien lässt vermuten, dass wir ohne eine wissenschaftliche Beratung nicht mehr auskämen. Dabei sollte sich ein erwachsener Mensch auf seine Vernunft und sein Gefühl bei der Auswahl seines Essens verlassen können. Vielleicht muss man "Ernährung" einmal ganz anders denken? Das soll hier versucht werden.

Was nährt uns eigentlich? Ist es wirklich nur das Essen? In der Bibel heißt es: Nicht das Brot, sondern das Wort Gottes nährt uns. Angelus Silesius fasst es in den schönen Vers: "Das Brot ernährt dich nicht: Was dich im Brote speist; ist Gottes ew’ges Wort, ist Leben und ist Geist." Aber auch die Liebe nährt uns, wie uns das Sprichwort sagt: "Er lebt von Luft und Liebe." Ist es nicht so, dass wir von jedem lieben Wort, von dem Schönen, das unsere Sinne aufnehmen, oder von zärtlicher Berührung genährt werden? Unser Austausch mit der Welt nährt uns, und er geht nicht nur über den Mund. Wir wissen nicht genau, welche Bedeutung anteilmäßig die Lebensmittel an der Ernährung haben. Das scheint auch von Mensch zu Mensch sehr verschieden zu sein und hängt wahrscheinlich nicht nur mit der Veranlagung, sondern vor allen Dingen mit der Lebensweise und Lebenssituation zusammen. Die Gesundheit eines Menschen ist offensichtlich nicht nur von der Nahrung abhängig, sondern mehr noch vom seelisch geistigen Leben eines Menschen. Es erscheint mir wichtig, diese Relativität anzusehen, bevor wir uns der Ernährung durch Lebensmittel zuwenden. Während die Menschen früher nur ganz wenige verschiedene Lebensmittel, die sehr naturnah waren, zu sich genommen haben, bringt uns die moderne Welt eine Vielfalt und Vielzahl auf den Tisch. Vieles davon sind sogenannte "Komplexmittel" mit vielen Komponenten, manchmal bestehend aus Hunderten natürlicher und synthetischer Zutaten. Erleben wir heute ein Lebensmittel als wohltuend oder störend, so können wir die Ursache wegen dieser Komplexität nicht leicht zuordnen. Das war für die Menschen früher einfacher. Das ist wohl auch der Grund dafür, dass das Wissen, was essbar ist und in welcher Situation, ein Kulturgut ist, das wir von unseren Vorfahren geerbt haben.

Die Ernährungswissenschaft heute wendet sich überwiegend den Lebensmitteln nicht ganzheitlich zu, sondern analysiert deren einzelne Stofflichkeiten und schließt daraus bestenfalls nur, was schädlich ist. Die komplexen, konstruierten, modernen und so genannten "sicheren" Lebensmittel versuchen, unsere Naturprodukte nachzuahmen oder noch besser zu sein als diese. Je weiter sie sich aber von den natürlichen Lebensmitteln entfernen, desto mehr müsste eigentlich ihre Wirksamkeit auf den Menschen durch Untersuchungen, etwa wie bei Arzneimitteln, überprüft und getestet werden. Diese Sichtweise offenbart, dass Lebensmittel heute zu sehr nur aus stofflicher Perspektive betrachtet werden. Durch die Steigerung unserer Fähigkeiten, diese Stoffe zu differenzieren, zu messen, zu wiegen oder zu zählen, ist unsere Aufmerksamkeit ganz dorthin gelenkt. Diese materialistische Betrachtungsweise missachtet allerdings das eigentlich Lebendige. Leben ist eine prozessuale Qualität, die ich nicht finden kann, wenn ich nur das Geronnene und Materielle erfasse.

Wie entsteht denn Leben?

Es entsteht aus den vier Elementen: Licht und Wärme, welche die Sonne spendet, Luft mit ihrer Kohlensäure, Wasser, sowohl von oben als auch von unten, und Erde mit ihren Mineralien. Nur die Pflanze ist in der Lage, mit Hilfe der Fotosynthese Leben zu schaffen, mit Wachstum und Fortpflanzung. Die Pflanze ernährt die Tiere und Menschen, und über die Tiere verdichtet, (indirekt) die Menschen. Pflanzen und Tiere entwickeln ihr Sein in Zeit und Raum und bilden in ihrer Auseinandersetzung mit der Welt die wunderschönsten Formen – sie in-FORM-ieren sich.

Was machen wir Menschen, wenn wir essen?

Wir lösen diese Formen auf. Wir zerstören sie bis in die kleinsten Peptide – durch kauendes Zerkleinern, durch Verluften, durch Verflüssigen, indem wir sie mit allerlei Säften durchsetzen, so lange bis alle Eigenheiten des Lebensmittels aufgelöst sind. In dieser Auseinandersetzung mit dem Lebensmittel lernen wir das kennen, was es in-FORM-iert hat, indem wir es aus der Materie heraustreiben. Die Elemente trennen sich wieder. Es ist der umgekehrte Prozess der Lebensentstehung, mit dem wir unser Leben stärken. Man kann dieses "Sterben und Werden" – was wir nicht nur hier beobachten können – als einen Rhythmus betrachten und ahnen, dass viele dieser Rhythmen lebenstragend sind. Goethe wies schon darauf hin: "Und so lang du das nicht hast / Dieses: Stirb und Werde! / Bist du nur ein trüber Gast / Auf der dunklen Erde." Und Rudolf Steiner sagte zu Dr.Hauschka: "Rhythmus trägt Leben."

So betrachtet kann man verstehen, dass es nicht ausreichend ist, Lebensmittel nur von ihrer stofflichen Seite aus zu betrachten. Sie haben in ihrem Lebensprozess eine Lebenserfahrung gewonnen, die sie ebenso auf uns übertragen. Sie haben dazu etwas Wesentliches, eine Lebensidee, in die sie hineingewachsen sind. Mit diesem Seelisch-Geistigen eines Naturproduktes verbinden wir uns beim Essen genauso wie mit dem Stofflichen. Wir Menschen können heute in der Regel nicht alleine vom Mineralischen und den aus ihm konstruierten Lebensmitteln leben. Wir brauchen für unsere Ernährung fremdes Leben. Es ist gut, wenn wir mit Dankbarkeit auf die Opfer dieser Erde, auf die Opfer der Pflanzen und Tiere schauen können. Diese Opfer ermöglichen es uns, zu leben und in der Welt zu wirken. Manche Menschen haben die Neigung, mit Blick auf das Opfer lieber nichts zu essen. Das würde Pflanzen und Tiere nicht vor dem Sterben retten, so wie wir uns davor auch nicht retten können.

Unsere unternehmerische Aufgabe auf dieser Erde ist viel mehr, veredelnd zu wirken und die gewonnenen Kräfte im Denken, Fühlen und Tun für die Welt und das heißt: für die anderen einzusetzen. Das berechtigt das Opfer und verwandelt es in Besseres. Der christliche Auftrag ist nicht, die Welt sich selbst zu überlassen, sondern sie zu gestalten. Ernährung so betrachtet, ist ein wichtiger Transformationsprozess. Sicher, das ist eine ungewöhnliche Betrachtung. Ich denke, sie ist geeignet, uns zu helfen, unsere Nahrung wieder mehr wertzuschätzen, in unserer Ernährung wieder selbst urteilsfähiger zu werden und zunehmend von dieser Art des Essens, die ich als "Wegessen", also aus der Vergangenheit begründetes Essen bezeichnen möchte, voranzuschreiten, zu einem "Hinessen", das heißt zu dem Gedanken hin, dass uns dieses etwas ermöglichen kann und soll. Für Sportler, die in einem auf sie zukommenden Wettkampf ihre volle Leistung bringen müssen, ist dieses auf etwas Hinessen zielführend. Warum nicht auch für uns?

››› Wolfgang Gutberlet, ehemaliger Vorstandsvorsitzender tegut … Gutberlet Stiftung & Co. KG

Wolfgang Gutberlet, Diplom-Kaufmann, trat 1970 in das väterliche Lebensmittelunternehmen tegut … ein. 1973 bis 2009 Vorsitzender der Geschäftsleitung, die er an seinen Sohn Thomas uübergab. Sein Engagement gilt dem Auf- und Ausbau verschiedener Lebensmittel verarbeitender Betriebe sowie den Themen "Bildung" und "Qualität". Ausgezeichnet u. a. als Öko-Manager des Jahres 2005, als Entrepreneur des Jahres 2007 und mit der "Bavaria 2012" des Handelsverband Bayern und GS1 Germany.