Die Individualisierung der Natur durch den Menschen

Vor der menschlichen Besiedlung waren weite Gebiete Europas von undurchdringlichen Wäldern bedeckt. Erst durch den Eingriff des Menschen wurden diese Landschaften grundlegend verändert, gegliedert und neu strukturiert.

Individualisierung ist das zentrale Evolutionsmotiv des Menschen, wie es sich im Verlauf der Kulturentwicklung immer stärker durchsetzte und verwirklichte: Vom Kollektiv der Blutsverwandtschaft, der Stammeszugehörigkeit und der Großfamilie zur freiheitlichen Lebensform des demokratisch-republikanischen Gemeinwesens, die dem Individuum größtmögliche Entfaltung bei gleichzeitigem selbstbestimm­ten Engagement für die Gemeinschaft ermöglicht. So sind es denn auch immer wieder einzelne eigenständige Persönlichkeiten, von denen neue Anregungen zur Weiterentwicklung ausgehen und damit der Gemeinschaft zufließen.

Und die Natur? Sie kennt nichts dergleichen: Das Artkollektiv ist die maßgebende Größe – es gibt nun einmal keinen individuellen Löwenzahn, keine einmalige Glockenblume oder Graspflanze; kennt man ein Exemplar (die Wortwahl sagt es bereits), so kennt man alle Vertreter der betreffenden Art, gegenwärtig, in der Vergangenheit und meist auch der Zukunft; sät man diese oder jene Pflanze aus, so weiß man in der Regel genau, was daraus wird. Für das Tierreich gilt grundsätzlich das Gleiche: Hat man ein Individuum einer bestimmten Art in seinen Lebensbedürfnissen kennengelernt, so weiß man, wie sich alle Angehörigen derselben Art in bestimmten Situationen verhalten. Schließlich basiert die Wissenschaft der Verhaltensforschung (Ethologie) gerade auf diesem Tatbestand.

Aber, so wird man einwenden, wie verhält es sich dann mit den Bäumen, bei denen es doch immer wieder ganz ausgeprägte und markante "Persönlichkeiten" gibt, die jedermann in ihrer Umgebung kennt und bewundert und die einen eigenen Namen erhalten haben; die ihre eigene Geschichte besitzen von all den Ereignissen, die sie miterlebten, die in ihrem Schatten und unter ihrem Schutz stattgefunden haben, Kriege und Friedensschlüsse und viele fröhliche Feste?

Dennoch: Unter natürlichen Verhältnissen, ohne Eingriffe des Menschen könnte sich eine derartige "Baumpersönlichkeit" nie entfalten. Eingeengt im Gefüge gemeinschaftlich wachsender Bäume unterschiedlichster Arten – Eichen, Buchen, Ahorne, Kiefern und so weiter, und dabei jeden dem Sonnenlicht zugänglichen Zwischenraum ausnützend und beschattete Äste abstoßend – wäre sie nur ein namenloses Glied eines übergeordneten Organismus, das heißt des natürlichen Waldes. In ihm drängt sich alles zusammen und wächst auf Lücke, sodass sich die spezifischen individuellen Gestaltungsmöglichkeiten gar nicht entfalten können: Naturwald ("Urwald"). Das gilt in noch höherem Maße für den Wurzelbereich – hier gibt es keinerlei Individualisierung: Alle Wurzeln sind über Mykorrhiza-Brücken (Pilzgeflechte oder -fäden) miteinander zu einer untrennbaren Einheit verbunden.

Vor der menschlichen Besiedlung waren weite Gebiete Europas von undurchdringlichen Wäldern bedeckt. Erst durch den Eingriff des Menschen wurden diese Landschaften grundlegend verändert, gegliedert und neu strukturiert; offene Wiesen und Ackerflächen wechselten sich nun mit Waldparzellen ab, dazu kamen Siedlungen und verstreute Gehöfte. Insgesamt entstand die kleinräumige Kulturlandschaft, in der sich jetzt der bisher so gut wie unbekannte einzelne Baum, vom Menschen gepflegt oder gepflanzt, frei entfalten und dabei zu etwas entwickeln konnte, was ihm unter natürlichen Verhältnissen verwehrt worden war: Individualisierung, vielerorts ausgedrückt in besonderer, auf das Einzelindividuum angewendeter Namens­gebung!

Diese Zusammenhänge seien besonders betont, weil sie bisher kaum oder gar nicht beachtet wurden: der Mensch einmal nicht als Zerstörer, sondern als Förderer, ja Weiterentwickler dadurch, dass er den Baum aus seiner Rolle als anonymes Teilglied eines Kollektivs – des Naturwaldes – auf die höhere Stufe der Individualisierung, der Einmaligkeit emporhob. Dadurch hat er ihn gleichsam als Bruder in seinen eigenen Bereich, den der Kultur, aufgenommen. Tatsächlich eine Fortsetzung der Evolution, die nur der Mensch leisten kann. Und ganz gewiss eine der großen Aufgaben: den Gegensatz von Natur und Kultur zu überwinden – Polarität und Steigerung.

Eine andere, in gewissem Sinne entgegengesetzte Aktivität betrifft gerade nicht die Individualisierung, sondern im Gegenteil die Pflege der Gesamtheit, des Kollektivs – die Kultivierung des Grases als Getreidelieferant für den Menschen, als Futterpflanze für die wichtigsten Haustiere Rind und Pferd. Wald und Graslandschaft (Wiese) schließen sich normalerweise gegenseitig aus. Eng stehende, Schatten spendende Bäume mit ausladenden Kronen erlauben keinen lichtbedürftigen Graswuchs. Keimen und wachsen sie dennoch gemeinsam in einer Wiese, dann verdrängen die Bäume allmählich das Gras.

Es gibt nun jedoch eine seit Urzeiten vom Menschen besiedelte, aber von jahreszeitlich wandernden, nicht sesshaften  Jäger- und Hirtenvölkern in ihrer natürlichen Substanz völlig unberührte Region: die (ost)afrikanische Savanne. In ihr herrscht das sonst unbekannte Miteinander von Gras und (Einzel-)Baum seit undenklichen Zeiten und bietet nicht nur den (nomadisierenden) Menschen und Wildtieren, sondern auch den einzeln stehenden, markanten Bäumen optimale Lebensmöglichkeiten.

Das Besondere etwa der Serengeti – um das bekannteste Beispiel einer Savanne herauszugreifen – ist zum einen ihr reicher Grasbewuchs, ermöglicht durch den Wechsel der Regen- und Trockenzeiten. Da sich auch in der Trockenzeit noch genügend Wasser in tieferen Bodenschichten findet, vermögen einzeln stehende Bäume oder kleine Baumgruppen zu gedeihen. Hierbei handelt es sich um zwei in ihrem Habitus und ihrer Gestik extrem gegensätzliche Gestalten: um die schlankstämmigen Dornakazien mit ihren auch in der Trockenzeit grünen, Schatten spendenden Kronenschirmen und um den gewaltigen, tonnenstämmigen Baobab (Affenbrotbaum) mit wirren, wie herumfuchtelnden, in der Trockenzeit unbelaubten Ästen. Erstere, die Akazien, vermögen auch in der trockenen Jahreszeit genügend Wasser mithilfe des weitgespannten Wurzelwerkes aufzunehmen und werden deshalb in der mittäglichen Hitze gerne von Schatten suchenden Antilopen aufgesucht. Die Baobabs dagegen speichern das Wasser im weichen Holz ihrer Stämme, aus denen die Elefanten in der Trockenzeit mit ihren Stoßzähnen große Fetzen herausreißen und auspressen.

Die Serengeti ist Teil des äquatorialen Savannengürtels Afrikas, der nachweislich die Geburtslandschaft des Menschen ist, wie wir durch die Ausgrabungen und Funde seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges wissen. Im Miteinander von Baum und Gras in der Savanne haben wir tatsächlich urbildhaft als »Grundidee« die von Anfang an vorhandene und später vom Menschen weiterentwickelte und über die ganze Welt verbreitete Kulturlandschaft vor uns.

Andreas Suchantke studierte ­Biologie, betrieb Feldforschung u. a. in Afrika, wirkte mehrere Jahrzehnte als Oberstufenlehrer an der Wal­dorfschule in Zürich und engagierte sich nicht nur in Deutschland in der Lehrerbildung.

Bild oben: Baobab (Affenbrotbaum) und Schirmakazie in der afrikanischen Savanne - Skizze von Andreas Suchantke