Bildung im Zeichen der Freiheit

Das Lernen des Menschen verläuft langsam und zum Teil mühevoll. Was das bedeutet - dazu ein Gastbeitrag von Prof. Dr. Jost Schieren, Professor für Schulpädagogik an der Alanus Hochschule Bonn.

Das Lernen des Menschen verläuft langsam und zum Teil mühevoll. Während ein soeben geborenes Fohlen schon nach einer knappen Stunde stehen und laufen kann und während junge Vögel schon nach einigen Wochen flugfähig sind, benötigt der Mensch ein ganzes Lebensjahr, um sich aufzurichten und laufen zu können. Auch die Sprache wird erst allmählich erworben. Bis junge Menschen ein selbstständiges, unbeaufsichtigtes und auch von Gesetzes wegen autonomes Leben führen können, vergehen hierzulande achtzehn Jahre. So lange dauert der Erziehungs- und öffentliche Bildungsprozess. Hieran schließen sich dann Ausbildungs- und Studienjahre an. Inzwischen spricht man vom lebenslangen Lernen. Der Mensch ist erziehungs- und bildungsbedürftig. Schon der berühmte humanistische Gelehrte Erasmus von Rotterdam (1465 / 69 – 1536) stellte fest: "Menschen werden nicht als Menschen geboren, sondern als solche erzogen."

Was im Tierreich ein Teil der natürlichen Entwicklung und daher in den leiblich geprägten Instinkten veranlagt ist, das ist beim Menschen allein durch seine Kulturteilhabe (im Erziehungsprozess) und in späteren Jahren vor allem durch seine eigene freie Entscheidung, sich weiterzubilden, gegeben. Lernen und Bildung sind in die Freiheit des sich entwickelnden Menschen gestellt.

Menschenbild

Wie vollzieht sich der Bildungsvorgang? In den ersten Kindheitsjahren und in der Schulzeit liegt der Bildungsprozess in der Verantwortung der Erziehenden und Lehrenden. Unterschiedliche wissenschaftliche Ansätze und Theorien leiten dabei das erzieherische Handeln. Von behavioristischen Konzepten, die den Lernvorgang in Form von Reiz-Reaktions-Prozessen begreifen, bis hin zu kognitionspsychologischen oder bildungsphilosophischen Ansätzen, die das Einsichts- und Sinnvermögen des Lernenden in den Blick fassen, gibt es ein breites Spektrum von Lerntheorien. Hier entscheidet letztlich das Menschenbild, welches dem erzieherischen Handeln (gegebenenfalls auch unbewusst) zugrunde liegt, darüber, welche Form der Erziehung favorisiert wird. Ein an der Freiheitsentwicklung des Menschen orientiertes Erziehungsideal wird immer darum bemüht sein, in einer gewissen Rahmung möglichst große Freiräume der Selbstentfaltung, des Entdeckens und eigenen Erkundens zu schaffen. Es stehen also weniger die schulischen beziehungsweise gesellschaftlichen Erwartungen im Vordergrund, die durch Prüfungen validiert und in Notenziffern dokumentiert werden, sondern die tatsächlichen individuellen Entwicklungsschritte des Kindes und Jugendlichen. Diese benötigen einen eigenen Zeitrhythmus, sie gehen schneller oder langsamer vonstatten und unterliegen nicht der Mechanik eines vorgegebenen Lernsystems.

Fähigkeitenbildung

Immer findet Bildung in dem Spannungsfeld von Ich und Welt statt. Die Welt tritt an das Individuum zunächst in Form von Sinnesempfindungen der unterschiedlichsten Art heran. Diese sind in ihrem ersten Erscheinen noch unzusammenhängend. Mittels des Denkens, welches der Mensch individuell betätigen muss, erschließen sich allmählich die Qualitäten und Besonderheiten der Zusammenhänge der Welt. Ein einmal erschlossener Weltinhalt kann als Vorstellungsbild erinnert werden, sodass die Erfahrungen und die gewonnenen Einsichten dem Menschen zur Verfügung stehen. An den Welterscheinungen werden auf diese Weise Fähigkeiten erworben. Es sind Verstehens- und Handlungsfähigkeiten, die im fortwährenden wiederholenden und übenden Umgang mit den Welterscheinungen den Menschen dazu führen, sein Erkennen und Handeln immer sachgemäßer zu entwickeln. Das sich entwickelnde Fähigkeitenspektrum bezieht sich auf alle Weltbereiche, auch auf den sozialen Kontakt zu Mitmenschen. Denn auch die sozialen Fähigkeiten des Menschen werden nur durch den ausdauernden und immer wiederkehrenden Umgang mit anderen Menschen erworben.

Erfahrungsschatz

Indem der Mensch fortwährend sein Denken dazu verwendet, die Welt zu verstehen, wird ein reicher Erfahrungs-, Einsichts- und Wissensschatz im Laufe einer Biografie erworben, und es werden auf diese Weise auch die Erfahrungen und Einsichten einer Kulturgemeinschaft, die über eine gemeinsame Geschichte verfügt, von Generation zu Generation weitergegeben. Dies ist die eine Seite des Bildungsvorganges, der als Weltwerdung des Individuums aufgefasst werden kann.

Auf der anderen Seite steht der Selbstbildungsvorgang des Individuums. Denn der Mensch entwickelt nicht nur Fähigkeiten, die sich an die Welt und die entstandene Kultur anpassen. Es gibt auch Fähigkeiten, die etwas völlig Neues, bisher noch nicht Dagewesenes zeigen. Das Geistesleben der Menschheit und insbesondere die Kunst leben davon, dass Individuen auftreten, die etwas einmalig Neues schaffen. Hier blickt man auf das Geheimnis des menschlichen Selbst, das aus seinem Inneren etwas hervorzubringen in der Lage ist, welches nur durch das Individuum selbst sein Gepräge erhält und dennoch für andere Menschen, für ganze Kulturen Gültigkeit besitzt. Aber es sind nicht nur Genies, die über diese Fähigkeit der individuellen Hervorbringung verfügen. Jeder Mensch hat diese Fähigkeit und ist dazu aufgefordert, seine eigenen Ideale und Motive zu verfolgen und auszuleben. Hier benötigt der einzelne Mensch Selbstvertrauen und Mut, da zuweilen Konventionen und Gewohnheiten der Gesellschaft überwunden werden müssen. Und auch hier kommt es sehr darauf an, dass man von anderen Menschen lernen kann. Denn Individualität wird an Individualität gebildet. Nur wer an anderen Menschen Individuelles entdeckt und erfährt, wird ermuntert und ermutigt, in sich selbst eigene individuelle Bedürfnisse und Neigungen aufzusuchen und zu entwickeln.

Welt- und Selbstwerdung

Bildung vollzieht sich im Spannungsfeld und im Wechselbezug von Welt- und Selbstwerdung. Im Prozess der Weltwerdung wird das Denken dazu verwendet, die Zusammenhänge und Verhältnisse der Welt und der mitmenschlichen Kultur immer besser zu verstehen und sich darin aufgrund der erworbenen Fähigkeiten frei zu bewegen. Im Prozess der Selbstwerdung erkundet der Mensch den rätselvollen Bereich der eigenen Individualität, die sich in Gefühlen und Willensäußerungen zunächst unbewusst kundtut. Er entdeckt individuelle Motive, die ihn kraftvoll erfüllen. Es werden – besonders auch in der Gemeinschaft mit anderen Individuen – Ideale gebildet, an die das Selbst sich in seinem Gewordensein hinzugeben bereit ist, um sich entwickeln zu können. In gewisser Weise ist Bildung ein Wechselspiel zwischen Selbstgewinn und Selbstverlust: Das menschliche Selbst taucht auf der einen Seite mit seinem Denken in die Welt ein (im Vorgang der Weltwerdung), um sich in seinen Fähigkeiten neu zu gewinnen. Und auf der anderen Seite trägt es die gesamte Kraft und Innigkeit seines Wesens in eine Gemeinschaft, in ein Ideal und bringt dadurch etwas Neues in die Welt.

››› Jost Schieren, Professor für Schulpädagogik Alanus Hochschule

Prof. Dr. Jost Schieren, geboren 1963 in Duisburg. Studium der Philosophie, Germanistik und Kunstgeschichte in Bochum und Essen. Gaststudium in Ann Arbor (Michigan, USA). 1997 Promotion. Von 1996 bis 2006 Deutschlehrer an der Rudolf-Steiner-Schule Dortmund. Von 2004 bis 2008 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Paderborn. Seit 2008 Professor für Schulpädagogik mit dem Schwerpunkt Waldorfpädagogik und Leiter des Fachbereichs Bildungswissenschaft an der Alanus Hochschule in Alfter bei Bonn.