Lebendiger Boden – das wichtigste Kapital

In zwölf Beiträgen beleuchtet diese Serie in kurzen Schlaglichtern verschiedene Aspekte der biodynamischen Landwirtschaft und der durch sie hervorge brachten Produkte. Den Auftakt bildet eine Betrachtung zur Qualität der Lebensmittel. Ein Gastbeitrag von Renée Herrnkind.

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Täglich treten wir den Boden mit Füßen. Ganz konkret bei jedem Schritt, aber auch im übertragenen Sinn mit weitreichenden nega­tiven Folgen durch chemische Dünger und Spritzmittel, Besiedelung, Erosion, Humusabbau. Zunehmend durch die Gier nach Boden als Anlage- und Spekulationsobjekt. Für biodynamische Bauern und Bäuerinnen sowie Gärtner und Gärtnerinnen ist Boden Kapital, das nicht vermehrt werden kann. Diese höchst lebendige Ressource gehört zum Hoforganismus, in dem Mensch, Pflanze, Tier und Boden zusammenwirken.

Ein wichtiges Ziel biodynamischer Bemühungen ist die Verlebendigung des Bodens. Nur in vitalem Boden können Nahrungspflanzen harmonisch wachsen. Der Bauer ernährt das Bodenleben, nicht die Pflanzen, lehrte Rudolf Steiner, der den Boden ein Organ der Landwirtschaft, ein Verdauungsorgan der Pflanzen nannte. Steiner setzte damit einen Gegenpol zu der damals aufkommenden industriellen Stickstoffdüngung. Rasch zeigte sich, dass die Stickstoffsalze zwar die pflanzliche Masseentwicklung fördern, die Qualität dabei aber auf der Strecke bleibt. Der Demeter-Bauer dagegen will das Bodenleben beleben, das "belebte Erdige" für die Pflanzenwurzeln verfügbar machen. Entscheidend dabei ist der tierische Mist, der zusammen mit den Biodynamischen Präparaten wertvoller Dünger wird.

Nur tierischer Dung sichert dauerhaft stabile Erträge in einem System, das bewusst auf mineralischen Stickstoffdünger verzichtet. Zurückgehende Erträge auf Bio-Marktfruchtbetrieben ohne Tierhaltung verdeutlichen diesen Zusammenhang. Hinzu kommt: Milchvieh haltende Betriebe wirtschaften besonders klimafreundlich, weil sie Humus im Boden aufbauen, ihn mit über 200 Kilogramm Kohlenstoff pro Hektar und Jahr anreichern. Im Mittel der Öko-Marktfruchtbetriebe ist hingegen von gleichbleibenden Humusgehalten auszugehen. Konventionelle Marktfruchtbetriebe weisen oft negative Humussalden aus. Das sind Ergebnisse eines Forschungsprojekts zu Klimawirkungen des Bio-Landbaus unter Leitung von Prof. Hülsbergen von der TU München, der biodynamische Milchviehbetriebe als Spitzenreiter ermittelt hat. Demeter ist der einzige Ökoverband, der mit seinen Höfen Tierhaltung obligatorisch vereinbart hat (Quelle siehe Internet-Adressen unten).

Meike Oltmanns, Agrar-Ingenieurin beim Forschungsring für Biologisch-Dynamische Wirtschaftsweise in Darmstadt, bestätigt, dass eine Landwirtschaft ohne Kühe keinen Humusaufbau erreichen kann. Sie sagt: "Hohe Humusgehalte, rege Tätigkeit von Mikroorganismen und Regenwürmern sowie intensive Umbau- und Aufbauprozesse sind der Ausdruck eines belebten und fruchtbaren Bodens." Oltmanns’ Studien zeigen: Rindermist in Kombination mit Kleegras-Anbau in der vielfältigen Fruchtfolge ist für die Bodenfruchtbarkeit am besten. Mit dem Einsatz der Biodynamischen Präparate steigt der Humuszuwachs noch einmal.
Humus ist Speicher und Transformator von Nährstoffen im Boden. Durch die Tätigkeit von Bodenlebewesen kommt es zu ­phytosanitären Wirkungen, also zur Unterdrückung von bodenbürtigen Schaderregern. Humus erhöht die Wasserspeicherfähigkeit und fördert die Durchwurzelbarkeit. Nicht zuletzt ist Humus Speicher für CO2 und deshalb klimarelevant.

Täglich gehen in Deutschland fast 90 Hektar Land durch Besiedlung, Verkehr und Gewerbe verloren. Agrarkonzerne, Investoren und sogar Staaten kaufen Äcker. Sie ziehen den Bauern buchstäblich den Boden unter den Füßen weg. Landgrabbing ist weltweit eine Bedrohung. Auch in Deutschland sind die Pacht- und Kaufpreise für Ackerland explodiert. Tendenz steigend. Viele Landwirte können nicht mehr mithalten, wenn wegen staatlich subventionierten Energiepflanzenanbaus und Biogas hohe Pachtpreise gefordert werden oder die Finanz­welt Acker und Grünland als sichere Investition aufkauft. Eine Studie von Demeter International zeigt, dass der Bodenmarkt verschärft zum Problem für Lebensmittel erzeugende Landwirte wird, die eigentlich in die Zukunft investieren wollen. 80 Prozent der befragten Bio-Bauern haben nicht das Kapital, ange­botene Flächen zu solchen Preisen zu kaufen. Pachtpreise für Bauernland sind seit 2007 um 45 Prozent gestiegen.

Verbraucher können sich unmittelbar mit der Erzeugung verbinden, etwa durch Kuh-Aktien, Käse-Zins, Wirtschaftsgemeinschaften oder in Vereinen, die Grund und Boden übernehmen und den Bauern für die Erzeugung zur Verfügung stellen. Unter dem Titel "Beteiligen! Landwirte und Bürger als Partner" informiert Demeter über bestehende Kooperationen und Beteiligungsmöglichkeiten: 28 Höfe mit solidarischer Landwirtschaft (CSA), eine Handvoll Kapitalgesellschaften oder rund 140 gemeinnützige Bio-Höfe, Genussscheine als Finanzierungsmittel und den Biobodenfonds der GLS-Gemeinschaftsbank in Bochum (demeter.de).

Renée Herrnkind

Renée Herrnkind, nach dem Abitur Volontariat bei einer Frankfurter Tageszeitung, danach sieben Jahre Redakteurin. Seit 1980 eigenes Journalistinbüro „Schwarz auf Weiß“ in Wetzlar mit dem Arbeitsschwerpunkt ökologische Themen.