Die Knochen

Keine andere Gewebeart des Menschen ist – neben dem Zahnschmelz – so fest.

Anthroposophische Medizin

Keine andere Gewebeart des Menschen ist – neben dem Zahnschmelz – so fest. Im Gegensatz zum Gesamtorganismus mit seinen gut 75 Prozent Wasseranteil, setzt sich der Knochen aus lediglich zehn Prozent Wasser, aus 20 Prozent organischem Material (verschiedene Eiweiße) und aus 70 Prozent anorganischem Material (Calciumkristall oder Apatit) zusammen. In einem ständigen Auf- und Abbauprozess baut sich der Knochen über die Knochenaufbauzellen – die sogenannten Osteoblasten – auf. Der Abbau der Knochen wird über die Osteoklasten, die Knochenabbauzellen, gesteuert. In diesem Wechselspiel zeigen die Knochen eine faszinierende Mischung aus Festigkeit und Leichtigkeit.

Hart und doch lebendig

Die äußere Knochenstruktur mit ihrem massiven Aufbau wird auch als "Kompakta" bezeichnet und steht dem inneren Hohlraum des Knochens gegenüber, der mit dem sogenannten Geflechtknochen ausgefüllt ist. Die Füllung des Knochens besteht schließlich aus äußerst "lebendigem" Material – dem Knochenmark, in dem das Blut gebildet wird. Man beachte die Gegensätze, die sich hier widerspiegeln: Schwere und Leichtigkeit, Starrheit und Elastizität, Vergänglichkeit und Leben. Auch in der darstellenden Kunst spielen die Knochen eine besondere Rolle: Der Tod wird oft als knöchernes Skelett dargestellt, als das, was vom Menschen bleibt, wenn die Lebendigkeit, so zum Beispiel das rote Knochenmark, bereits verschwunden ist.

Nährstoffe und Gestaltungskräfte

Lebendigkeit und Veränderung sind also für die Knochen ebenso charakteristisch wie Festigkeit und Schwere. Der Aufbau der Knochen erreicht im frühen Erwachsenenalter mit einem Maximum an Knochendichte seinen Höhepunkt. Beim älteren Menschen nimmt die Knochendichte dann wieder ab. Es liegt nahe, dass für diese Aufbauprozesse und für die Erhaltung eines gesunden Knochens zum einen eine gute Nährstoffversorgung erforderlich ist. Zum anderen sollte ein entsprechendes "Klima" geschaffen werden, um diese Einbauvorgänge zu ermöglichen, zu begleiten und zu steuern. Bei den Nährstoffen sind es vor allem Eiweiß, Vitamin D und Calcium, die benötigt werden. In der Perspektive der Anthroposophischen Medizin braucht es darüber hinaus besondere "Gestaltungskräfte", um die Baustoffe für die Knochen erfolgreich zusammenzuführen. Diese Gestaltungskräfte finden sich vor allem im Licht – es ist allgemein anerkannt, dass das aktive Vitamin D von der Intensität der Sonneneinstrahlung abhängt.

Viermal Kraft für die Knochen

So sind die genannten Nährstoffe, das Sonnenlicht sowie Freude und Bewegung die Voraussetzungen einer gesunden Knochenentwicklung. Kommt nur einer dieser vier wichtigen Aspekte zu kurz, können die gut 206 Knochen im menschlichen Organismus geschwächt werden. Allerdings darf ab dem 30. Lebensjahr ein Rückgang an Knochensubstanz von rund einem Prozent als normal betrachtet werden. Vor diesem Hintergrund sollte es uns ein besonderes Anliegen sein, die Lebendigkeit des Knochens sowie die damit verbundenen Auf- und Abbauprozesse zu respektieren und eine entsprechende "Knochenpflege" zu betreiben: So kann eine ausgewogene Ernährung, verbunden mit freudiger Bewegung unter freiem Himmel, helfen, die Knochen über Jahre hinaus gesund zu erhalten.

››› Michael R. Neuhaus (Sprockhövel), Facharzt für Orthopädie, Schwerpunkt Anthroposophische Medizin

"Anthroposophie" heißt wörtlich "Mensch" (anthropos) und "Weisheit" (sophia). Dieser Ansatz geht auf Rudolf Steiner (1861 – 1925) zurück, der die Anthroposophische Medizin zusammen mit Dr. Ita Wegman (1876 – 1943) entwickelte. Das umfassende Menschenbild, das der Anthroposophischen Medizin zugrunde liegt, ermöglicht es dem Arzt, die Zusammenhänge zwischen Körper, Geist und Seele besser zu verstehen. Dabei unterscheidet die Anthroposophische Medizin zwischen Körper (physischer Leib), Lebensorganisation (Ätherleib), Seelenorganisation (Astralleib) und Ich-Organisation (geistige Individualität). Wichtig ist, dass sich die Anthroposophische Medizin nicht als Alternative, sondern als Ergänzung und Erweiterung zur konventionellen Medizin versteht. Sie wird heute sowohl ambulant als auch stationär praktiziert und forschend weiterentwickelt. Seit 1976 ist die Anthroposophische Medizin in Deutschland gesetzlich verankert und anerkannt.