Verschwiegenheit

Rudolf Steiner hat zwölf Tugenden und jeweils einen wesentlichen Entwicklungsschritt der Tugenden dem Jahreskreis zugeordnet. Ein Gastbeitrag von Dr. Manon Haccius, Leitung Bereich Qualität, Recht und Nachhaltigkeit bei Alnatura.

Panorama / Anthroposophie / 12 Tugenden / Sternzeichen Wassermann

Mit dem französischen Wort für Tugend, "vertu", schmückt sich ein Luxushandy, oder besser: Es wird durch seinen Anbieter mit diesem Namen geschmückt. Was auf den ersten Blick vermessen erscheint, könnte seine Berechtigung finden, wenn man auf die sprachlichen Wurzeln des deutschen Wortes Tugend schaut: "tugund" im Althochdeutschen bedeutete "Tauglichkeit", auch "Kraft". Und Tauglichkeit ist ja in der Tat das, was man von einem technischen Gerät erwartet. Solche Tauglichkeit ist in der Regel das Ergebnis engagierten Strebens, von längerer Arbeit der Entwicklungsingenieure und meist nicht auf Anhieb erreicht. Dass unsere eigene seelische Kraft und Tauglichkeit durch einen Entwicklungsprozess, den wir selbst betreiben, vorangebracht werden kann, ist uns oft nicht bewusst. Tugenden sind nicht einfach da als seelische Eigenschaften oder Fähigkeiten. Aber sie können erübt, erstrebt, entwickelt werden. Hier ist jeder Mensch sein eigener"Entwicklungsingenieur".

Mit Diskretion oder Verschwiegenheit wird die Tugend beschrieben, mit der sich zu beschäftigen, die zu erüben für den Monat Februar eingeladen wird. Diskretion bedeutet zunächst einmal Unterscheidungsvermögen, dann die Fähigkeit, mit erlangten Informationen Dritten gegenüber zurückhaltend umzugehen, sie nicht gleich jedem gegenüber auszuplaudern. Unterscheiden zu können, was man erzählen kann ohne zu schaden, und was man besser nicht erzählt. Vielleicht auch, über Menschlich- Allzumenschliches, das man irgendwo mitbekommen hat, hinwegzusehen, darüber zu schweigen, anstatt es durch Weitertratschen größer zu machen, als es eigentlich ist. Den Wert solcher Diskretion zu schätzen, mag ungewöhnlich erscheinen in einer Zeit, in der nicht zuletzt mithilfe der elektronischen Medien alles und jedes sogleich weiter "gezwitschert" wird, nicht selten sogar von den Betroffenen selbst. Ohne Verschwiegenheit ist Diskretion, wie wir sie heute verstehen, nicht denkbar.

Verschwiegenheit umfasst mehr Facetten. Schweigenkönnen steckt mit darin. Das ist eine wesentliche Voraussetzung für das Zuhören, ohne welches ein echter Gedankenaustausch, ein wirkliches Gespräch nicht möglich ist. "Reden ist Silber", weiß das Sprichwort, "Schweigen ist Gold". Nun soll gewiss nichts gegen das rechte Wort zur rechten Zeit gesagt sein. Aber unterscheiden zu können, wann man spricht und wann man besser zuhört, also sich selbst die Gelegenheit zum Aufnehmen und Zuhören gibt, diese Fähigkeit könnte und sollte man bewusst üben. Solches Zuhören gibt dem Mitmenschen überhaupt erst die Gelegenheit, sich tiefer auszusprechen, etwas zu Gehör zu bringen.

So wie Weitergetratschtes sozial unerwünschte Wirkungen haben kann, so verhält es sich mit Beobachtungen, Plänen, Angestrebtem in der eigenen Entwicklung. Hier unbedacht auszuplaudern, was man möchte oder übt oder anfänglich vielleicht schon in seinen Wirkungen an sich beobachtet hat, das kann schwächend auf das zart Erreichte wirken. Besser hält man es noch ein wenig zurück, wird sich selbst klarer dazu und weiß bewusster, welche Entwicklung sich da in einem anbahnt. Vielleicht schwindet dann sogar der Drang zur Mitteilung, und man lässt die Perle in der Muschel noch eine Weile still weiterwachsen. Es wird seinen Grund haben, warum man schweigsame Menschen mit einer Auster (der Muschel, in der eine Perle heranwachsen kann) vergleicht!

Mit dem Üben von Verschwiegenheit wird man das Sprechen nicht verlernen. Im Gegenteil, man wird besser wissen, wann man etwas sagt und vor allem auch, was man sagt, sodass es hilfreich und weiterführend im geäußerten Zusammenhang ist. Dem, der wenig sagt, aber das mit Substanz und im richtigen Moment, wird im Allgemeinen – von den allgegenwärtigen Talkshows einmal abgesehen – deutlich besser zugehört. Das Gesagte bekommt mehr Gewicht, es wird wirksamer.

Als Entwicklungspfad für die Tugend der Verschwiegenheit wird aufgezeigt, dass sie zur Meditationskraft wird. Momente des Schweigens trainieren das Hören auf Zwischentöne, noch nicht Gesagtes, bloß erst Mitschwingendes. Sie ermöglichen also ein umfassenderes Verstehen. Und gezieltes Üben von Verschwiegenheit gibt die Zeit und die Kraft zum Bedenken und Besinnen von Beobachtetem und gedanklichen Inhalten. Die Kraft für seelische Betätigung wächst durch solches Üben, hier die Kraft für das Meditieren, das gedankliche In-den-Dingen-sein.

Dass Leibesertüchtigung – um den alten Begriff zu wählen – die Muskeln tauglicher macht, das wissen wir. Dass wir an unserer seelischen Tüchtigkeit – oder Tugend – ebenso arbeiten, sie entwickeln können, das ist uns vielleicht nicht sofort einsichtig. Es lohnt den Versuch!

››› Manon Haccius

Panorama / 12 Tugenden / Manon Haccius

Dr. Manon Haccius, Studium der Agrarwissenschaften, Promotion im Fachgebiet Tierzucht, Arbeit für die Verbände des ökologischen Landbaus national und international von 1987 bis 2000; seit April 2000 Mitarbeiterin von Alnatura, dort leitend für Qualität, Recht und Nachhaltigkeit verantwortlich.