Selbstlosigkeit

Rudolf Steiner hat zwölf Tugenden und jeweils einen wesentlichen Entwicklungsschritt der Tugenden dem Jahreskreis zugeordnet. Ein Gastbeitrag von Dr. Klaus Hartmann.

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Wer das Leben als Weg auffasst und nicht als Ansammlung zufälliger Geschehnisse, die wir uns selbst zuschreiben, schätzt dessen erste Phasen anders ein als die späteren. Und das gilt auch im Kleinen: Die vielen Einzelwege, aus denen sich unser Leben zusammensetzt, besitzen typische Merkmale und haben teil an einem Universellen. Von jemandem, der etwas beginnt, erwarten wir Selbstheit (welche Attribute wie Selbstbewusstheit und -sicherheit, Selbsttätigkeit und -bestimmtheit mit umfasst). Das bedeutet Mut, Entschiedenheit und Entschlusskraft in der Initialphase. Wer ohne Willensanspannung und wenig ehrgeizig auftritt, dessen Ich gilt leicht nicht viel.

Auf dem Weg durch den Jahreskreis der zwölf Tugenden, der mit dem Mut zum Tun begann, ist man im Übergang der Monate Juni / Juli mit der Selbstlosigkeit an einem Wendepunkt angelangt. Hier geht der Jahreskreis zu Johanni (24. Juni) allmählich in eine entgegengesetzte, vom Umkreis zum Mittelpunkt strebende Bewegung über. Vorher, als es nach außen in die Welt, in den Umkreis ging, als die Tüchtigkeiten der Seele dem aufsteigenden Jahr in der Richtung des Frühlings folgten: vom Mut zur Verschwiegenheit des Keimens, die in der meditativen Kraft selbsttätig wird; von der Großmut, die den Umkreis des Erwartens öffnet; vom Unterwerfen unter das Geschehen der Entwicklung (den inneren Gegebenheiten und Gesetzmäßigkeiten, auch der Offenheit zur Begegnung mit Widerständen und Hindernissen), begegnet man überall Werdeprozessen. Sie reihen sich aneinander und kommen in unseren Handlungen, der Biografie und den Naturgeschehnissen des Jahres zum Ausdruck.

Ist nicht das Auftauchen von Wärme – in diesem Frühjahr war es lange zu kalt – Opferkraft? Sind nicht auch Gleichgewicht und Fortschritt als Tugenden Universalien, die ich am Wachstum des Nussbaums in meinem Garten genauso beobachten kann wie an den stabilisierenden Rücksichten menschlichen Tuns? Es braucht Ausdauer für die letzten Wegstrecken eines gestalterischen Geschehens, und in der Treue gegenüber dem ehemals gefassten Ziel zeigt sich endlich das Gelingen. So kündet das Erreichen des frühsommerlichen Höhepunktes im Jahreslauf den Beginn der zweiten Hälfte der zwölf Tugenden an. Das menschliche Ich, das in Mut und Verschwiegenheit sich selbst gefasst, in Großmut und Devotion Hingabe geübt hat und in Gleichgewicht und Ausdauer zwischen Tätigkeit und Empfänglichkeit gereift ist, kann sich nun loslassen, ohne sich zu verlieren. Wo wir aber anderen den Vortritt lassen, ohne unser Engagement zurückzuziehen, treten unsere Motive, gereinigt von Subjektivität, hervor. Reinheit und Lauterkeit (katharos heißt griechisch rein, es steckt zum Beispiel in Katharsis und Katharina) kommen dabei den Zielen zugute, um deren Erreichen es uns geht.

Selbstlosigkeit und Katharsis sind allerdings nicht nur da zu beobachten, wo wir jenseits der Lebensmitte angekommen sind. Wir sehen sie schon bei den Kindern, wenn manche teilen, bis für sie selbst nichts mehr übrig ist. Wer sich so verhält und zurücksteht, wo unbekümmerter Egoismus sich drängelt, wird auch später noch oft für dumm gehalten. Eine Kultur der Selbstlosigkeit, die Eitelkeit, Ehrgeiz und Selbstsucht bekämpft, muss aber damit anfangen, diese im Bereich des eigenen Wesens sehen zu lernen, um das Retardierende allmählich abzustreifen.

Michelangelo hat seine wiederholten Beschäftigungen mit der Selbstlosigkeit, die empfängt und verzichtet und dadurch zur Reinheit führt, in den Darstellungen der Pietà herausgestellt. Die wohl berühmteste, die Pietà im römischen Petersdom, hat er als 23-Jähriger geschaffen; eine jugendliche Madonna, die den Leichnam des Gekreuzigten in den Armen hält. Dabei kannte Michelangelo die Entfaltung der Tatkraft eines David ebenso gut wie die Lauterkeit, die Empfangenes über den Verlust hinaus trägt. Selbst die größten Künstler der Renaissance verehren die Tugenden, etwa die Selbstlosigkeit und die Katharsis, als ein Ideal. Aber Ehrgeiz und Konkurrenz, wie andere Befangenheiten des Zeitalters, hindern sie vielfach noch, diese Ideale als Tüchtigkeiten in ihre Seelen hineinzuarbeiten. Nach Aristoteles sind solche Tugenden nicht angeboren. Man erwirbt sie und prägt sie sich in dem Grad ein, in dem man nach ihnen lebt.

››› Klaus Hartmann

Panorama / Anthroposophie / 12 Tugenden / Dr. Klaus Hartmann

Dr. Klaus Hartmann, geb. 1954, studierte Philosophie, Geschichte und Germanistik in Bochum und Wuppertal. Er arbeitet an dem von ihm mit­begründeten Novalis-Hochschulverein in Kamp-Lintfort und in der Herbert Witzenmann Stiftung Pforzheim.

Veröffentlichungen

  • "Eros und Fabel, das Märchen von Novalis", Dornach 1995
  • "Innere Motive im Lebensgang Rudolf Steiners", Dornach 2004
  • "Beppe Assenza. Ein Leben für die Malerei und Anthroposophie" (mit Greet Helsen Durrer), Dornach 2005
  • "Herbert Witzenmann 1905 – 1988 – Eine Biographie"; 2 Bände, Dornach 2010 und 2013

Begleitstudium Anthroposophie

Einführung in die Grundwerke, Kunst, Praxiseinblicke

9 Samstage und 1 Wochenende, von Oktober 2013 bis Juni 2014
im Herbert Witzenmann Zentrum, Rüttiweg 8, CH 4143 Dornach.
info@witzenmannzentrum.ch
www.witzenmannzentrum.ch

Der Autor des Artikels über die Tugend der Selbstlosigkeit, Klaus Hartmann, ist einer der Referenten dieser Seminarreihe.