Mut

Rudolf Steiner hat zwölf Tugenden und jeweils einen wesentlichen Entwicklungsschritt der Tugenden dem Jahreskreis zugeordnet. Ein Gastbeitrag von Alnatura Gründer und Geschäftsführer Götz E. Rehn.

Panorama / Anthroposophie / 12 Tugenden / Sternzeichen Steinbock

Wer wollte nicht tugendhaft sein? Menschen, die in ihrem Denken, Fühlen und Wollen den höchsten Idealen des Menschen entsprechen, leben die Tugenden. Nur der Mensch kann als Geistwesen in sich den Tugenden zur Wirksamkeit verhelfen. Sie machen aus dem Naturwesen Mensch ein Kulturwesen. Darin besteht in unserer Zeit die Aufgabe für uns Menschen: Die natürliche Schöpfung durch uns weiterzuführen und zu entwickeln. Dies kann nur aus einem freien Impuls des Menschen erfolgen und kann auch nur von ihm geleistet werden.

Die Tugenden finden ihren Niederschlag in den Beziehungen zwischen den Menschen sowie zwischen den Menschen und der sie umgebenden Welt. Sie sind Ausdruck des Universell-Menschlichen, das sich im Individuell-Menschlichen offenbart. Gerade in einer Zeitlage, in der die Menschen nach neuen Orientierungspunkten für ihr Leben suchen, kann uns die Beschäftigung mit den Tugenden neue Perspektiven unseres Mensch-Seins erschließen.

Ohne Mut gibt es keine Entwicklung.

Wir bedürfen immer des Mutes, um den Tag neu zu beginnen. Es ist der Mut, ein Leben führen zu wollen. Das ist nicht selbstverständlich. Manch einen verlässt der Lebensmut, und er zieht sich aus der Wirklichkeit zurück. Wir alle kennen Nuancen der täglichen "Muterfahrung". Wir sind entmutigt, weil wir eine Aufgabe, die wir uns vorgenommen haben, nicht geschafft haben. Wir waren übermütig und haben uns beim Sprung von der Mauer den Knöchel verknackst. Wir waren mutwillig und haben die Sandburg der Schwester zerstört.

Mut hat immer damit zu tun, dass wir etwas zulassen oder unternehmen. Haben wir den Mut, Gefühle, die uns berühren, zuzulassen? Haben wir den Mut, einen neuen Gedanken zu denken? Haben wir den Mut, einem in Bedrängnis geratenen Menschen zu helfen? Haben wir den Mut, unserer eigenen Erkenntnis zu folgen? Sind wir also couragiert genug, mit uns selbst ehrlich zu sein, oder spielen wir eine Rolle im Leben?

Das Wort Courage bedeutet Mut und wird in Deutsch, Englisch, Französisch und Niederländisch gleichbedeutend verwendet. Es geht auf den Wortstamm "Coeur" zurück, was Herz bedeutet. Wer mutig ist, folgt seinem Herzen, er folgt seinem Ich ohne Kompromisse.

Ohne Mut gibt es keine Entwicklung. Nur wenn wir mutig unsere Grenzen überschreiten, lernen wir Neues kennen und können Veränderungen in der Welt bewirken. Insofern steht der Mut am Anfang aller Entwicklungsprozesse. Indem wir erleben, dass die Aktivitäten, die wir unternehmen, von der Welt angenommen werden, wir also in unserem Tun bestätigt werden, entwickelt sich der Mut. Wir wagen in Zukunft mehr und loten unsere Grenzen, aber auch die Entwicklungsmöglichkeiten unseres Handlungssubjekts oder -objekts aus.

Wir alle kennen das Erlebnis, etwas Unbekanntes neu zu beginnen.

Dies gilt insbesondere für unsere Kindheit. Ich erinnere mich noch gut an meine ersten Berührungen mit Wasser und die Idee meiner Eltern, mir das Schwimmen beizubringen. Ich hatte Angst, mich ganz ins Wasser zu begeben und erste froschartige Schwimmbewegungen zu machen, obgleich ich vom Schwimmlehrer gehalten wurde. Ich hatte nicht den Mut, den Boden unter den Füßen zu verlieren und in dem neuen Medium Wasser eine neue Fortbewegungsform, das Schwimmen, zu erlernen. Es dauerte eine Zeit, bis ich den Mut fasste und mich der neuen Situation anvertraute. Zu meiner Überraschung gelang es gut, "über Wasser zu bleiben", und ich lernte schwimmen.

Vergleichbare Erlebnisse sammelt jeder Mensch immer wieder im Leben. Wir verlassen den "festen Boden" des uns Bekannten und lernen eine neue Welt mit anderen Gesetzen kennen. Das ist die eigene Unternehmerschaft unseres Lebens. Dabei hängt vieles von unserem Mut ab, auf unser "Herz zu hören" und uns wirklich auf dasjenige einzulassen, das uns schicksalhaft begegnet. Immer wieder treten Situationen in unserem Leben an uns heran, die von uns eine Entscheidung verlangen. Haben wir den Mut, dem Ruf der "Aufgabe" zu folgen und damit etwas zu beginnen, das etwas zur Erscheinung bringt, was sich nur durch unsere Tat zeigen kann!

So wird der Mut zur "Erlöserkraft". Nur mit Mut kann das Neue in die Welt kommen und das Bestehende aus seinem Zustand "erlöst" und weiterentwickelt werden. Gerade darin besteht die Chance und Herausforderung von uns Menschen heute: Wie gelingt es uns immer besser, mutig die wesentlichen Aufgaben, die auf uns warten, zu erkennen, sinnvoll zu gestalten und damit der Welt ein neues "Antlitz" zu geben?

Autor: Prof. Dr. Götz E. Rehn
Gründer und Geschäftsführer von Alnatura

Lesetipp: "Als weiterführende Lektüre empfehle ich das Büchlein ›Die Tugenden‹ von Herbert Witzenmann. Möge die neue Serie ›Tugenden‹ vielen Anregungen für die eigene Lebensgestaltung gewähren."

94 Seiten, 5. Aufl., Gideon-Spicker-Verlag,
Dornach 2002, ISBN: 978-3-85704-1463.
Erhältlich ab 10,- Euro

Panorama / Anthroposophie / 12 Tugenden / Dr. Götz E. Rehn

Götz E. Rehn, geboren 1950 in Freiburg, nach Besuch der Waldorfschule Studium der Volkswirtschaftslehre und Promotion zum Thema Organisationsentwicklung an der Universität Freiburg, Gründer des Bio-Handelsunternehmens Alnatura 1984 und Geschäftsführer bis heute, seit 2007 Honorarprofessor am Fachbereich Wirtschaft der Alanus Hochschule in Alfter.