Tiere lieben und Tiere essen

Doppelmoral oder moralisches Doppel?

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"In China essen sie Hunde!", empört sich der gemeine Deutsche und kaut auf seinem Salamibrot. Unerhört, oder? Da gibt es doch tatsächlich irgendwo auf der Welt Leute, die den besten Freund des Menschen einfach aufessen. Es grenzt an Kannibalismus! Während wir beinahe einen Würgereiz verspüren, wenn wir an ein Hundeschnitzel denken, läuft uns beim Gedanken an Rinderfilet das Wasser im Mund zusammen. Warum ist das so? Wir haben zu sogenannten Haustieren ein differenziertes und emotionales Verhältnis, selbst wenn wir die einzelnen Tiere nicht direkt kennen. Wahrscheinlich ist jeder Hundeliebhaber schon mal auf einen fremden Hund zugegangen und hat "den kleinen Racker" verzückt gestreichelt. Selbst wenn wir Haustiere nicht mögen, ist es sehr unwahrscheinlich, dass wir sie gleich essen wollen. Es gibt eine emotionale Bindung, eine Vermenschlichung, während die sogenannten Nutztiere ganz klar davon getrennt werden. Dabei kann man selbst in Deutschland den Begriff nicht klar abgrenzen: Pferdefleisch wird vielerorts gern gegessen, auch wenn Wendy das wohl anders sieht und Pferd statt Rind in der Lasagne ein Skandal wurde. (Hätte Schwein statt Pferd hier den gleichen Trubel verursacht?) Kaninchen sind die Lieblingstiere vieler Kinder, während es an Ostern in vielen Küchen keine Gnade für sie gibt. Und auf der anderen Seite, auch wenn es noch nicht besonders viele sind: Hausschweine sind groß im Kommen und entzücken mit ihrer lustigen Erscheinung und ihrer immensen Auffassungsgabe immer mehr Menschen.

Was würde passieren, wenn wir für die Definition von "Haustier" zunächst kleine Kinder fragen?

Sofern sie nicht konditioniert wurden, würden sie wohl weder das Schwein noch den Hund essen, sondern einfach alle streicheln und (dann doch) lieber Gemüse essen. Kinder sehen keinen Unterschied zwischen dem einen und dem anderen Tier. Wie sollen sie auch wissen, welches man essen und welches man liebhaben soll?

Dass Schweine ein fast Hundeähnliches Wesen besitzen und sehr intelligent sind, ist mittlerweile den meisten bewusst. Aber auch alle anderen Tiere denken und fühlen. Vögel trauern um verstorbene Angehörige. Milchkühe weinen, wenn ihnen das Kalb weggenommen wird. Und wenn wir ­unseren Haustieren einen Charakter mit Eigenschaften wie Fürsorge, Humor, der Fähigkeit zu lieben und anderen "menschlichen" Eigenschaften zugestehen, warum gilt dasselbe dann nicht grundsätzlich für alle Tiere?

Unsere Beziehung zu Fleisch ist abstrakt geworden. Kaum jemand ist bei einem Schlachtprozess noch dabei und sieht, woher das Schnitzel kommt. Wir greifen einfach ins Kühlregal. Fleisch ist ubiquitär, Maß halten nicht nötig. Würden wir sehen, wie das Tier aufwächst, welch ganz individuelles Wesen es hat und vor allem, wie es getötet wird, würden wir nicht so häufig und gedankenlos Fleisch essen. Und wir würden eine größere Dankbarkeit für unsere Mahlzeit entwickeln. Es gibt keine Vermenschlichung von (Haus-)Tieren. Es gibt nur eine Versachlichung von (Nutz-)Tieren.

"In Deutschland essen sie Rinder!", bemerkt der Hindu und führt seine Kuh auf einen Spaziergang.

››› Julian Stock (Alnatura Sortiments­managements)