Die Avocado im Dorf lassen

Sie ist das neue Enfant terrible und steht für den Fehler im vegetarisch-veganen System: Schon seit einigen Monaten wird die Avocado immer wieder als fehlgeleitetes Sinnbild der fleischlosen Ernährung beschimpft: Koch-Blogger und Superfood-Hipster der Überflussgesellschaft würden den Trend ankurbeln und für einen Boom in der breiten Masse sorgen, der sich jedoch als Untergang der nachhaltigen Ernährung unter einer grünen Tarnkappe entpuppt.

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Warum? Die Achillesferse der Avocado ist neben der nicht vorhandenen Regionalität vor allem der Wasserbedarf: 1.000 Liter Wasser pro Kilo sind es in der konventionellen Landwirtschaft, auf ungefähr die Hälfte bringen es Bio-Avocados. Ein Kilo sind durchschnittlich zweieinhalb Stück der grünbraunen Beere, und ihr schlägt, nicht nur in der Sorte "Hass", selbiger gerade deutlich entgegen.

Ja, die Avocado ist durstig. Und in Deutschland nicht heimisch. Es ist ein gefundenes Fressen für Besserwisser auf der Suche nach Beweisen gegen Veganismus. Ich halte das für gefährlich. Es ist, als würde eine Gruppe Menschen sich um ein Lagerfeuer scharen und die ganze Aufmerksamkeit darauf lenken, während nebenan ein Wohnhaus mit schreienden Kindern in Flammen steht.

Denn: Abgesehen von der Tierquälerei, dem Roden von Regenwald für konventionelles Tierfutter-Soja oder den Treibhausgasen durch "Nutztier"-Haltung: Für ein Kilo Rindfleisch werden ungefähr 15.000 Liter Wasser verbraucht. Das ist das 30-fache von Bio-Avocados! Für Schweinefleisch sind es noch knapp 6.000 Liter Wasser, Hühnerfleisch kommt auf gut 4.000 Liter, Käse auf 5.000 Liter und Eier auf 3.300 Liter. Aber die vegane Schokomousse mit Avocados zubereiten? Niemals!

Für Kartoffeln werden übrigens circa 150 Liter Wasser pro Kilo benötigt. Das zeigt deutlich die Verhältnisse zwischen tierischen und pflanzlichen Nahrungsmitteln. Die Avocado ist sicher weniger nachhaltig als heimisches Obst und Gemüse. Sie ist aber immer noch deutlich genügsamer als die Produkte, die sie ersetzt.

Irgendwie hat der Rummel um die ach so exotische Avocado auch etwas Ironisches: Der gemeine deutsche Verächter trinkt nämlich durchschnittlich 0,4 Liter Kaffee am Tag, isst alle zwei Tage eine Banane und pro Woche zwei Tafeln Schokolade. Regional ist anders.

Ich denke nicht, dass wir auf exotische Lebensmittel komplett verzichten müssen. Mit fairem Handel und Produkten in Bio-Qualität leisten wir durch einen verantwortungsvollen Konsum sogar einen wesentlichen Beitrag für die wirtschaftliche Entwicklung in den Herkunftsländern und den Lebensunterhalt der Bauern, die auf den Verkauf angewiesen sind. Wir könnten theoretisch nur von Kraut und Rüben leben, aber das ist in einer globalisierten Welt und für die meisten von uns undenkbar. Wir sollten unser Essen auch genießen dürfen. Es geht hier in meinen Augen um das richtige Maß und die richtigen Quellen.

Jeder entscheidet für sich selbst. Aber mit dem Wurstbrot in der einen Hand und einem Kaffee in der anderen auf Avocados zu schimpfen, hat für mich etwas von alter­nativen Fakten.

››› Julian Stock,  ist Sortimentsmanager bei Alnatura. E-Mail an Julian Stock senden