Definitionssache

Wie strikt muss vegan sein?

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Viele Veganer sind hochemotionale, leidenschaftliche und sich stark für den Tierschutz engagierende Menschen. Wer von uns erinnert sich nicht an Situationen wie den sonntäglichen Kaffeeklatsch bei den Großeltern, bei dem es schwerfällt, den Opa nicht mit schier unbarmherziger Klarheit für seine Kondensmilch zu rügen? Am liebsten in ­halbstündigen Monologen erklären wir bei solchen Gelegenheiten, warum die vegane Lebensweise die einzig richtige ist. "Artgerecht ist nur die Freiheit!"

Wir Veganer stehen auf, erklären und demonstrieren. Wir erheben unsere Stimme für die, die keine (menschliche) Stimme haben. Mit unglaublicher Energie haben sich lange Zeit nur ein paar wenige "verrückte" Idealisten in den Wind der Gesellschaft gestellt und Großes erreicht. Aber auch in Zeiten des veganen Mainstreams geht die Arbeit an der Basis weiter. Heute, wo "Daumen hoch" zum entsprechenden Facebook-Post oft das einzige Zeichen der Entrüstung ist, erlebe ich viele Veganer immer noch wie entfesselt.

"Woran erkennt man einen Veganer am Buffet?" – "Er wird es dir schon sagen!"

Ja, Veganer werden belächelt und gehen so manchem auf die Nerven. Aber gerade deswegen habe ich großen Respekt vor der Leistung und finde sie ebenso richtig wie wichtig. Wir müssen wieder mehr ­aufstehen für die Schwachen und Benachteiligten, müssen uns einsetzen – auch wenn wir wenige sind – gegen die Übermacht der vielen und ungerechte Verhältnisse. Das bei anderen zu sehen rührt mich, ob es nun um Menschen oder Tiere geht. Es ermutigt mich, weiter zu gehen, mehr zu machen, mich öfter einzusetzen und die Dinge beim Namen zu nennen.

Nur: Wie weit sollte Dogmatismus im Veganismus gehen? Die reine Reduktion von vegan auf die Abstinenz tierischer Bestandteile ist eine ebenso isolierte Betrachtung wie die Messung der Nachhaltigkeit eines Autos an seinem Alter oder der Farbe der Umweltplakette: Ein 30 Jahre altes Vehikel mit roter Plakette ist nämlich erwiesenermaßen meist nachhaltiger als der Neuwagen mit der grünen. So wird auch im Veganismus vermeintliches Tierwohl und vordergründige Nachhaltigkeit dem eigentlichen Ziel nicht selten vorangestellt. Gut gemeint, aber auch gut gemacht?

Mein Nachbar hält Bienen und Hühner, unter richtig tollen Bedingungen, mit viel Platz, am Waldrand. Hier haben es die Tiere sicher besser als jede vegane Wohnungskatze. Sie leisten einen wesentlichen Beitrag zum ökologischen Kreislauf und werden nicht getötet. Wenn ich also gelegentlich vom Nachbarn Honig und Eier bekomme, haben die Produkte einen Transportweg von 20 Metern (zu Fuß) hinter sich und die dafür aufgewendeten Ressourcen sind minimal. Wie kann das schlechter sein als Agavendicksaft aus Mexiko oder Vitamin-B12-Präparate aus einer Fabrik in Timbuktu?

Veganismus ist wichtig, um das Gleichgewicht wiederherzustellen, das durch gedankenlosen und maßlosen Konsum verloren geht. Solange es Massentierhaltung und Ausbeutung gibt, muss und wird es protestierende Veganer geben.

Manches sollte man aber auch ins Verhältnis setzen. Ob gelegentlich regionaler Honig, von wesensgemäß gehaltenen Bienen oder ein Frühstücksei vom Nachbarn dann trotzdem noch unter Ausbeutung fällt, muss jeder für sich selbst entscheiden. Sprechen Sie mir bei dieser Lebensweise den Veganismus ab. Ich nenne es Vegan 3.0!

››› Julian Stock, Sortiments­manager