Serie "Über den Tellerrand kochen"

Was haben wir Menschen auf der Erde gemeinsam, egal welcher Religion, Kultur oder Nation wir angehören? Wir müssen essen und trinken. Was uns schmeckt und wie wir es zubereiten, unterscheidet uns, aber es kann uns auch verbinden, wenn wir miteinander teilen. Im Alnatura Magazin zeigen wir jeden Monat ein Rezept von geflüchteten Menschen, das sie gemeinsam mit ihren deutschen Freunden für uns kochen.

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Dass Kulinarik und Kultur zusammenpassen, wissen Hidayatullah Huda und Karolin Hosenfelder aus eigener Erfahrung. Kennengelernt haben sich die beiden bei einem Treffen der Kulturgruppe von Über den Tellerrand Frankfurt. Bevor sie gemeinsam Ausflüge in die Kulinarik unternahmen, trafen sie sich zunächst bei Gesprächsrunden im Schauspielhaus Frankfurt oder besuchten Theatervorstellungen.

Heute koche ich gemeinsam mit den beiden das erste afghanische Gericht meines Lebens. Ich bin ziemlich gespannt, was aus den Zutaten wird, die ich mitgebracht habe. Unterstützung beim Kochen bekommen wir von Marieke Schöning, die die Frankfurter Gruppe der Organisation Über den Tellerrand leitet, sowie von ihrem syrischen Schülerpraktikanten Abdul. Auch Edrees Heravi, Hidayats bester Freund, kommt später noch dazu. Und schon sitzen wir alle fleißig schnippelnd an einem großen Holztisch in der Küche der Eventagentur Zerotwonine, die uns heute hier kochen lässt und den Verein so unterstützt.

Die Art, wie Hidayat den Reis zubereitet, ist neu für mich: Sorgfältig wäscht er ihn mehrere Male, bis das Wasser fast klar ist, und weicht ihn danach noch in heißem Wasser ein. Überhaupt arbeitet er sehr ruhig und bedacht, weiß genau, was zu tun ist. "Die Zwiebeln könnten noch kleiner geschnitten werden", "Der Knoblauch kann ruhig ein bisschen größer gewürfelt sein" und "Das Hähnchen schneidest du am besten so", hört man von dem 28-jährigen Afghanen, der fast immer ein leichtes Lächeln auf den Lippen hat, wenn er spricht. Dabei hat er das Kochen erst gelernt, seitdem er allein in der Fremde ist, erzählt er mit einem traurigen Unterton. "Früher haben meine Mutter und meine Schwester gekocht, ich habe mir das selbst beigebracht – in Erinnerung an meine Zeit zu Hause." Seit 2014 ist Hidayat nun in Deutschland, froh, in Sicherheit zu sein. Er spricht Dari, Pashtu, Englisch, Hindi und Deutsch. In Indien hatte er im Rahmen eines Stipendiums Politik und Wirtschaft studiert, doch sein Studium ist in Deutschland noch nicht anerkannt. Mittlerweile arbeitet er bereits fast eineinhalb Jahre am Frankfurter Flughafen und betreut dort unter anderem VIP-Gäste. Sobald es geht, möchte er auch in Deutschland noch einmal studieren, um einen anerkannten Abschluss zu haben.

Auch Karolin lebt erst seit 2014 in Frankfurt. Die Kommunikationswissenschaftlerin stammt ursprünglich aus Brandenburg an der Havel und kam nach ihrem Studium beruflich nach Hessen. Ehrenamtliches Engagement ist schon lange ein wichtiger Teil ihres Lebens und so war es klar, dass sie auch in Frankfurt aktiv werden würde. "Über den Tellerrand ist so besonders, weil man sich für die Menschen in der eigenen Stadt einsetzt. Das ist real!", erklärt sie ihre Entscheidung für die Organisation. Während wir uns unterhalten, zupfe ich den Koriander klein. Hähnchen und Spinat köcheln jeweils mit viel Knoblauch und Zwiebeln auf dem Herd und es duftet schon verführerisch. Der Reis gart im Reiskocher – inklusive Salz und Bratöl. Hidayat kümmert sich um den letzten Schliff und schmeckt alles noch einmal ab. Viel Zeit lassen wir anderen ihm allerdings nicht mehr, denn unsere Mägen knurren schon. Als wir schließlich gemeinsam am Tisch sitzen und uns das wirklich leckere Essen schmecken lassen, fasst Karolin den heutigen Abend sehr passend zusammen: "Wir alle sind Bürger dieser Erde, wir alle müssen essen, das verbindet uns. Herkunft spielt dabei keine Rolle!" Und auch ich habe es heute hautnah erlebt: Über das gemeinsame Kochen entstehen gemeinsame Erlebnisse und damit auch wieder ein Stück Heimat.