Der Mensch als Maßstab

Interview mit Götz E. Rehn zu seinem Buch "Wirtschaft – Ideen zur Neugestaltung"

Herr Rehn, Sie haben als promovierter Volkswirt und überzeugter Anthroposoph ein Buch mit elf Aufsätzen und Vorträgen von Rudolf Steiner aus den Jahren 1905 bis 1922 zum Thema Wirtschaft neu herausgegeben. Warum?

Götz E. Rehn: Der Geburtstag von Rudolf Steiner jährt sich am 27. Februar dieses Jahres zum 150. Mal. Das war für mich der Anlass. Die Aufgabe habe ich gerne übernommen, auch deshalb, weil mein Leben und meine Arbeit bei Alnatura sehr wesentlich durch die Anthroposophie und das Werk Rudolf Steiners ihre eigene besondere Gestalt erhalten haben.

Wie und wann sind Sie zum ersten Mal auf die Ideen und Schriften Rudolf Steiners gestoßen? Gibt es eine Art Schlüsselerlebnis?

Rehn: Ich war im 21. Lebensjahr in einer Sinnkrise. Mir stellte sich die Frage, warum lebe ich überhaupt. Ist der Einsatz, den ich bringen muss, um meine Existenz aufrecht zu erhalten, das wert, was dabei herauskommt? Nämlich irgend wann zu sterben und sich sozusagen in Nichts aufzulösen, wie es sich mir damals darstellte. Aus dieser existenziellen Frage nach dem Sinn des Menschen und der Erde bin ich auf die Anthroposophie gestoßen. Mit Rudolf Steiner in Berührung gekommen bin ich über Herbert Witzenmann, ein Unternehmer, der damals die sozialwissenschaftliche Sektion am Goetheanum im schweizerischen Dornach leitete. Von einem Bekannten wurde ich mitgenommen zu einem Arbeitskreis. Die Art, wie Herbert Witzenmann Anthroposophie vertreten hat, hat mich sehr angesprochen. Von diesem Tag an bis heute beschäftige ich mich intensiv, praktisch täglich, mit Anthroposophie. Mein Schwerpunkt dabei sind die wirtschaftlichen Fragestellungen.

In der Einleitung des Buches beschreiben Sie die Wirtschaft als Spiegel unseres Denkens und Handelns. Wie kann man das verstehen?

Rehn: Ihr Handeln richtet sich nach Ihren Ideen, nach Ihren Vorstellungen. Jedes Handeln kommt nur zustande, wenn Sie ein Ziel haben. Das Ziel ist ein in Gedanken vorweggenommenes Ergebnis. Insofern ist Denken immer die Ursache für das Handeln. Das, was wir um uns herum in der Welt haben, ist Ausdruck unseres Begreifens der Welt. Letztlich haben wir keine Umweltkrisen oder Wirtschaftskrisen, sondern es sind immer Bewusstseinskrisen.

Was hätte Rudolf Steiner zu unserem heutigen Wirtschaftssystem mit Bankenkrise und Staatspleiten gesagt? Finden sich Lösungsvorschläge in seinen Ideen?

Rehn: Ja, er hat eine radikale Neuorientierung der Wirtschaft gefordert, indem er sagte: Die drei Glieder des sozialen Organismus – das Kulturleben, das Soziale und das Wirtschaftliche – müssen sich selbstständig nach je eigenen Prinzipien entfalten können. Heute dominiert das Wirtschaftsleben die beiden anderen Bereiche sehr stark. So lange dieses Ungleichgewicht herrscht, werden wir keine Wirtschaft bekommen, die dem Menschen dient, sondern eine, in der der Mensch der Wirtschaft zu dienen hat. Die Neubestimmung des Wirtschaftlichen kommt nur durch ein neues Denken zustande. Schon vor 100 Jahren hat Rudolf Steiner deutlich gemacht, dass wir nur dann der Erde, aber auch dem Menschen entsprechen, wenn wir ganzheitlich denken.

Existiert Ihrer Meinung nach eine Wirtschaftstheorie, die derzeit an den Universitäten gelehrt wird, die der Steinerschen Idee nahe kommt?

Rehn: Soweit ich weiß, nein. Es gibt einige Ansätze in der Mikroökonomie, auch im Bereich der Führung, zum Beispiel von Dr. C. Otto Scharmer, die Gedanken aus der Anthroposophie zur Basis haben. Aber es gibt bisher keinen Lehrstuhl für Sozialorganik. Am ehesten versuchen andere Kollegen, wie Prof. Götz Werner, an der Alanus Hochschule diesen neuen Ansatz zu lehren. Am Institut für Sozialorganik, das ich an der Hochschule in Alfter leite und an dem gerade zwei neue Mitarbeiter begonnen haben, werden wir verstärkt Forschungsarbeit leisten. Da liegt noch mehr vor als hinter uns.

Wie viele Reden und Abhandlungen zum Thema Wirtschaft gibt es von Rudolf Steiner? Nach welchen Kriterien haben Sie die Texte für das Buch ausgewählt?

Rehn: Ich habe nicht gezählt, wie viele Textstellen es gibt. Ich habe fast alles gelesen und im Sommer letzten Jahres noch einmal durchgesehen. Viele Texte habe ich schon sehr oft durchgearbeitet. Ich habe sie ausgesucht unter dem Gesichtspunkt, dass jemand, der sich noch nicht mit der Sozialorganik, mit den wirtschaftlichen und anderen Ideen Rudolf Steiners beschäftigt hat, eine gute Einführung bekommt.

Sie sind Gründer und Geschäftsführer von Alnatura. Welche Grundsätze Ihrer Unternehmensphilosophie lassen sich auf Rudolf Steiner zurückführen?

Rehn: Die ganze Vision, wie wir es nennen, von Alnatura basiert auf der Erkenntniswissenschaft Rudolf Steiners. Unsere Vision lautet: Alnatura – Sinnvoll für Mensch und Erde. Für uns ist der Mensch das Maß unseres Handelns. Der Mensch, nicht verstanden als ein nur leibliches Wesen, sondern als geistiges, seelisches und leibliches Wesen, das in diesem Zeitalter als Individuum immer mehr selbstverantwortlich denken und handeln möchte. Diese Möglichkeit für die Mitarbeiter in aller Bescheidenheit zu eröffnen, das war und ist mein Ziel. Wir wollen mit Alnatura eine Art Modellunternehmen sein, das sich aus diesem Gesichtspunkt heraus entwickelt. Umso erfreulicher ist es, dass so viele Kundinnen und Kunden diesen Bemühungen mit so viel Interesse begegnen.

Wenn Sie die Möglichkeit hätten, Rudolf Steiner heute zu treffen: Was würden Sie ihn fragen? Was wäre Ihnen ein Anliegen, ihm mitzuteilen?

Rehn: Ich würde ihm gerne mitteilen, dass seine Ideen tatsächlich, wie er es selbst gesagt hat, höchst praktisch sind. Gerne würde ich ihm zeigen, dass das, was wir in aller Anfänglichkeit bei Alnatura verwirklichen, heute Interesse findet bei den Menschen und auch wirtschaftlich möglich ist. Ich denke, das würde ihn freuen. Ich würde ihn fragen, welche Anregungen er hätte, die Urerfahrung des Menschen, dass er ein produktives Wesen ist, noch besser für die Menschen erlebbar zu machen.

››› Das Interview führte Marlena Wache

Götz E. Rehn, geboren 1950 in Freiburg, nach Besuch der Waldorfschule Studium der Volkswirtschaftslehre und Promotion zum Thema Organisationsentwicklung an der Universität Freiburg, Gründung des Naturkost-Handelsunternehmens Alnatura 1984 und dessen geschäftsführender Alleingesellschafter bis heute, seit 2007 Honorarprofessor am Fachbereich Wirtschaft der Alanus Hochschule in Alfter.

Das Buch "Rudolf Steiner: Wirtschaft – Ideen zur Neugestaltung, Themen aus dem Gesamtwerk 22. Aufsätze und Vorträge", ausgewählt und herausgegeben von Götz E. Rehn. ››› Weitere Informationen zum Buch finden Sie hier.