Die Schilddrüse

Ein kleines Organ, eine große Wirkung – die Schilddrüse sitzt als schmetterlingsförmige Drüse am Hals unter dem Kehlkopf und erfüllt eine Vielzahl von Stoffwechselfunktionen, die auch das seelische Gleichgewicht beeinflussen.

Anthroposophische Medizin

"Durch die Schilddrüse betritt die Seele den Leib."

Diese alte medizinische Weisheit passt gut zum Verständnis der Schilddrüse in der Anthroposophischen Medizin. Denn im Menschenbild der Anthroposophischen Medizin ist kaum ein anderes Organ so sehr mit der "Seelenfähigkeit" des Menschen verbunden wie die Schilddrüse. Die Aktivität der Schilddrüse wird als ganz eigener seelischer Ausdruck eines jeden Menschen verstanden.

Gleichgewicht herstellen
Die Anthroposophische Medizin empfiehlt, dass vor allem Frauen ihre Schilddrüse im Blick behalten sollten, denn sie sind zehnmal häufiger als Männer von einer Fehlfunktion betroffen. Solche Unter- oder Überfunktionen zeigen sich oft im Zusammenhang mit hormonellen Schwankungen, zum Beispiel in der Schwangerschaft. Auslöser (nicht Ursache!) können auch starke psychische Belastungen oder Krisen (Stress, Trauer) sein. Diese Erschütterungen kann man natürlich nicht verhindern, wohl aber den Umgang mit ihnen üben. Deshalb regt die Anthroposophische Medizin den Patienten immer auch dazu an, sich mit dem eigenen seelischen Empfinden zu beschäftigen: Wie ordnet sich die Krankheit in mein Leben ein? Was belastet mich? Gibt oder gab es Krisen, die noch nicht verarbeitet sind? Durch die Auseinandersetzung mit diesen Fragen kann natürlich keine Fehlfunktion "repariert" werden, aber es können neue seelische Kräfte entwickelt werden, die eine wichtige Voraussetzung für eine erfolgreiche Therapie sind. Auch die Meditation kann dazu einen wesentlichen Beitrag leisten.

Eine weitere Möglichkeit, die Schilddrüse zu stärken, bietet die Anthroposophische Medizin mit der Heileurythmie. Mit dieser besonderen Bewegungstherapie können beruhigende, aber auch aktivierende Fähigkeiten unterstützt werden, die zum Beispiel eine ganz neue Energie freisetzen können. So kann auf umfassende Art und Weise versucht werden, das gesundheitliche Gleichgewicht wieder herzustellen.

Ausgleich schaffen
Es ist nicht immer leicht, eine Fehlfunktion der Schilddrüse frühzeitig zu erkennen, da es sich hierbei oft um einen schleichenden Prozess handelt. Schilddrüsenerkrankungen sind in der Regel immer chronisch, sodass Medikamente zur hormonellen Therapie eingenommen werden müssen. Ergänzend können aber Arzneimittel der Anthroposophischen Medizin eingesetzt werden, die sich positiv auf die gesamte Befindlichkeit auswirken. Zum besseren Verständnis arbeitet die Anthroposophische Medizin bei der Unterfunktion mit folgendem Bild: Der Patient zieht sich wie im Schlaf seelisch- geistig aus seinem Leib zurück. In dieser Situation kann die Behandlung mit potenziertem Eisen mehr Energie bringen, der Patient fühlt sich kräftiger und wieder "anwesend".

Im Gegensatz dazu erlebt der Betroffene mit einer Überfunktion eine ungezügelte seelische Anspannung und Unruhe – der Mensch wird zum getriebenen Opfer seiner überdynamisch zum Wachen drängenden Seele. Körperlich zeigt sich das oft durch hohen Blutdruck, schnellen Herzschlag, Gewichtsabnahme, Schlaflosigkeit oder Nervosität. Bei der Überfunktion werden als Heilpflanzen vor allem Bryophyllum (Keimzumpe) und Colchicum autumnale (Herbstzeitlose) eingesetzt. Außerdem kann Kupfer den Patienten stärken und das seelische Empfinden beruhigen.

Wie auch immer die Schilddrüse arbeitet – ihre Aktivität sollte stets in Bezug auf die seelische Befindlichkeit des Menschen gesehen werden. Bei dieser Aufgabe ist gerade der integrative Ansatz der Anthroposophischen Medizin eine sinnvolle Unterstützung.

››› Dr. Matthias Girke, Facharzt für Innere Medizin (Onkologie / Diabetologie), Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe

"Anthroposophie" heißt wörtlich "Mensch" (anthropos) und "Weisheit" (sophia). Dieser Ansatz geht auf Rudolf Steiner (1861 – 1925) zurück, der die Anthroposophische Medizin zusammen mit Dr. Ita Wegman (1876 – 1943) entwickelte. Das umfassende Menschenbild, das der Anthroposophischen Medizin zugrunde liegt, ermöglicht es dem Arzt, die Zusammenhänge zwischen Körper, Geist und Seele besser zu verstehen. Dabei unterscheidet die Anthroposophische Medizin zwischen Körper (physischer Leib), Lebensorganisation (Ätherleib), Seelenorganisation (Astralleib) und Ich-Organisation (geistige Individualität). Wichtig ist, dass sich die Anthroposophische Medizin nicht als Alternative, sondern als Ergänzung und Erweiterung zur konventionellen Medizin versteht. Sie wird heute sowohl ambulant als auch stationär praktiziert und forschend weiterentwickelt. Seit 1976 ist die Anthroposophische Medizin in Deutschland gesetzlich verankert und anerkannt.