Zu viel des Guten

"Wien, die größte Stadt Österreichs, wirft täglich so viel Brot weg, wie Graz, die zweitgrößte Stadt, benötigt."

Dieser Satz aus dem Dokumentarfilm "We Feed the World" hat mich geschockt und ist mir seither im Gedächtnis geblieben. Noch leben wir in einer Wegwerfgesellschaft: Elektronische Geräte wie Handys oder Computer haben einen geplanten Produktlebenszyklus, der nach einer bestimmten Nutzungsdauer enden soll, damit wir uns das Modell der nächsten Generation besorgen und so den dauerhaften Konsum sicherstellen. Das gilt auch für Bekleidung, Autos und viele weitere Güter des täglichen oder unregelmäßigen Bedarfs. Die jeweilige Mode ändert sich so schnell, dass wir ständig weiter kaufen müssen, wenn wir den aktuellen Trends folgen wollen. Wer trägt heute überhaupt noch geflickte Kleidung oder lässt seinen Fernseher reparieren?

Beim Essen ist das Ausmaß der Verschwendung besonders schlimm. Angesichts der anhaltenden Armut in der Welt wird sehr deutlich, wie dringend wir unsere Einstellung dazu überdenken und Initiative ergreifen sollten. 15 Millionen Tonnen Lebensmittel pro Jahr sind es allein in Deutschland! Heutzutage liefern Großhändler Obst oder Gemüse in perfekter Reife schon gar nicht mehr aus, weil es für viele Käufer am nächsten Tag im Regal nicht mehr frisch genug wäre. Mindesthaltbarkeitsdatum erreicht? Ohne Prüfung ab in die Tonne. Die sogenannten "Misfits", also schief gewachsene, nicht der Norm entsprechende Karotten und Co., bleiben liegen, weil man lieber ein perfekt geformtes Exemplar in seinen Salat reiben will. Ein Profil mit Ecken und Kanten ist anscheinend weniger attraktiv als eine makellose Erscheinung, auch wenn diese für kaum jemanden wirklich erreichbar ist. Denn das Leben mit allem, was daraus hervorgeht, hat selten eine perfekte Form. Wir streben nach dem Unmöglichen und verkennen dabei oft die Schönheit des Makels.

Am Ende des Tunnels erscheint zum Glück immer wieder Licht: Es gibt bereits Restaurants und Food Trucks, die ausschließlich mit aussortierter Ware kochen. Repair Cafés öffnen in immer mehr Städten die Tore und bringen das in Ordnung, was nicht funktioniert, aber noch weit weg von unbrauchbar ist. Trotz dieser Entwicklungen und auch wenn Unternehmen durch enge Zusammenarbeit mit Lieferanten die Menge übrig bleibender Lebensmittel minimieren oder das, was letztlich doch entsorgt werden muss, an Organisationen wie die Tafeln geben: Die Verschwendung von Gütern in Grenzen zu halten, ist eine globale Verantwortung, die von jedem Einzelnen getragen werden muss: Über die Art und Weise, wie wir konsumieren und welche Meinung wir diesbezüglich vertreten, werden wir zur Veränderung, die wir in der Welt sehen wollen. Sich der Thematik im Makrokosmos, also dem Großen und Ganzen, bewusst zu werden, ist wichtig. Das Handeln findet aber im eigenen Einflussbereich, unserem Mikrokosmos, statt.

Mit zunehmender Weltbevölkerung wird uns irgendwann gar nichts anderes übrig bleiben, als Dinge länger zu nutzen und weniger verschwenderisch mit Nahrung umzugehen. Wir sollten daher unsere Güter umso mehr wertschätzen, je länger wir sie schon besitzen und nutzen. Der Kauf von Neuem muss eine lästige Notwendigkeit sein, nicht Hobby oder Ersatzbefriedigung. Und wenn man kurz vor Geschäftsschluss noch einkaufen geht, ist doch eigentlich klar, dass nicht mehr alles in vollem Umfang zur Auswahl steht. Ansonsten wird Wien weiterhin Graz mit Brot versorgen können. Aber leider nur theoretisch.

››› Julian Stock, 34, Sortimentsmanager bei Alnatura. E-Mail an Julian Stock senden