01.11.2017

Kolumne: Von Basis-Ökos und Bio-Hipstern

Darf man mit dem Sprit fressenden SUV beim Bio-Markt vorfahren und den Einkauf dann heim ins gentrifizierte Großstadtviertel bringen oder verstößt das gegen die Regeln der nachhaltig lebenden Ökos?

Platzhalter

Wie viel muss man "richtig" machen, um für eine bestimmte, von einer Gruppe Menschen erfundene Kategorie qualifiziert zu werden? Und wer bestimmt das eigentlich?

Wir Menschen denken in Schubladen. Wir teilen die Welt auf in gut und böse, in dazugehörig und ausgeschlossen, in wir und sie. Wir ordnen uns selbst Gruppen zu, die uns vermeintlich Sicherheit geben und eben das Gefühl, bei den Guten zu sein.

Erstaunlich, wie dogmatisch andere Menschen danach beurteilt werden, was sie vor allem alles nicht machen oder wie sie nicht sind, während man selbst immer etwas Bestimmtes tut oder ganz genau so ist.

Ich persönlich halte nicht mehr viel von SUVs und ertappe mich bei solchen Gedanken. Dabei ist es gar nicht lange her, da war das anders. Zack, innerhalb von ein bis zwei Jahren habe ich fast gänzlich die Seiten gewechselt. Und jetzt? Mir wurde mal gesagt: "Während du selbst mit dem Finger auf andere zeigst, zeigen mindestens drei Finger auf dich selbst." Schauen Sie mal nach, es stimmt tatsächlich. Und erinnern uns die Dinge, die wir an anderen kritisieren, nicht doch ein klein wenig an die eigene Fehlbarkeit?

Wie muss man gekleidet sein, um in einer Bank nach einem Kredit zu fragen? Darf man im ausgeleierten Batik-Leinenhemd erscheinen oder verstößt das gegen die Regeln der kapitalgebenden Gesellschaft?

Schnell wird man von einer Situation zur anderen vom Mitglied der Gruppe zum Sonderling. Und es sind meistens die Regeln anderer, die bestimmen, in welche Schublade man gerade gehört. Wir selbst sind dabei passiv.

Bleiben wir lieber aktiv wie positiv und schauen darauf, was "die anderen" denn eigentlich machen, nicht danach, was sie nicht machen. Und damit meine ich die guten Dinge. In den genannten Beispielen sitzt in dem SUV vielleicht eine fürsorgliche Mutter, die ihren Kindern eben kein konventionelles Gen-Food zum Frühstück servieren will, sondern beste Bio-Qualität. Und der Kleidungsstil des überaus erfolgreichen Programmierers hat heute nun wirklich nichts mit seinem Bildungsniveau, Einkommen oder der Fähigkeit zu tun, sein Haus abbezahlen zu können.

Die Gesellschaft ist heute viel facettenreicher geworden und es lohnt sich, genauer hinzusehen. Man erkennt oft Gemeinsamkeiten, auch wenn es an anderer Stelle durchaus Differenzen geben kann.

Schauen wir also auf das, was uns eint: Es ist mindestens einmal eine gewisse Affinität zur Umwelt, wenn Sie diesen Text lesen. Und wenn wir uns das nächste Mal in einer Filiale begegnen, wäre es doch toll, wenn wir die Gemeinsamkeit sehen, uns von der Andersartigkeit inspirieren lassen und daran denken, wie wir etwas Sinnvolles tun, ganz unabhängig von den manchmal täuschenden ersten Eindrücken.

››› Julian Stock, Sortimentsmanager bei Alnatura. E-Mail an Julian Stock senden