Utopie und Wirklichkeit

Veganismus kann nicht die finale Lösung unserer Ernährung und Lebensweise sein!

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Das höre ich immer wieder. Ich werde gefragt, was denn sonst mit den ganzen Bergbauern in den Pyrenäen wäre. Schließlich müsse das Land beweidet werden und die dortige Bevölkerung lebe seit Jahrhunderten weitgehend im Gleichgewicht mit der Natur. Ohne die Tierhaltung hätten die Menschen dort keine Lebensgrundlage, weder wirtschaftlich noch hinsichtlich der Versorgung mit Grundnahrungsmitteln.
Ich werde auch gefragt, wie ich denn zur Demeter-Landwirtschaft stehe, die Tierhaltung (und letztlich das Töten von Tieren) klar vorsieht. Das sind gute Fragen. Denkt man aus dieser Perspektive weiter und geht davon aus, dass nach dem Willen der Veganer ausnahmslos alle Menschen vegan leben sollten, müsste man wohl den Inuit das Essen von Fisch und den Massai das Trinken von Rinderblut verbieten. Dafür gäbe es dann "Visch" aus Soja für die Eskimos und grüne Smoothies für die Nomaden!

Es wird wohl deutlich: Eine komplett vegane Welt ist kaum denkbar. Den ganzen Planeten mit Soja-Schnitzeln zu ernähren, kann nicht die Lösung sein. Manchmal mag es so klingen und vielleicht gibt es ja tatsächlich Veganer da draußen, die das glauben. Aber ich halte es weder für realistisch noch für die wirkliche Absicht des ursprünglichen Veganismus.

Wenn es nur Demeter-Landwirtschaft, Bergbauern und Nomaden-Völker gäbe, die im Einklang mit der Natur lebten, gäbe es vielleicht gar keine Veganer. Oder es würde zumindest nicht solch ein Rummel um diese Lebensweise gemacht.

Veganismus ist also nicht die Antwort auf die Inuit oder die Massai, sondern auf das Übermaß der "entwickelten" Welt in Sachen Tierethik und fahrlässiger Schädigung der Umwelt durch die sogenannte "Intensiv-Tierhaltung". Unsere Böden sind belastet und deren Bewirtschaftung wird immer schwieriger. Wir wissen doch wortwörtlich gar nicht mehr, wohin mit dem ganzen Mist! Regenwälder werden gerodet, um unser Futter zu erzeugen. Die Lunge der Erde pfeift auf dem letzten Loch! Und wir werfen auch noch einen erheblichen Teil unserer Nahrung weg, während andere hungern. Ist das nicht auch für einen Nicht-Veganer grotesk? Selbst mit hundert Prozent Bio wird es schwer, wenn wir unsere Ernährungs- und Konsumgewohnheiten beibehalten.

Lassen Sie uns also nicht so tun, als handle es sich bei Veganern um eine Gruppe Verrückter, die Tofu zum Allheilmittel erklären. Lassen Sie uns den Gegenstrom zu der Ausbeutung von Tier, Mensch und Umwelt anerkennen und respektieren, denn sie geht uns alle an und kann ein ausgewogenes Leben im Einklang mit der Natur irgendwann unmöglich machen. Auch für die Bergbauern in den Pyrenäen.

Übermaß auf der einen Seite der Waage erfordert Verzicht auf der anderen. Und die laute Stimme, mit der Veganer dieser Tage sprechen, bringt die Waage nicht ins Gleichgewicht. Es braucht noch viel mehr Veganer und sonstig Engagierte, damit das passiert. Daher kämpfe ich weiter für den Verzicht auf Tierprodukte, wo er Sinn hat. Und diese Einstellung ist für mich durchaus vereinbar mit Demeter-Landwirtschaft oder dem Respekt für die omnivore Ernährung von indigenen Völkern.

››› Julian Stock, ist Sortimentsmanager bei Alnatura. E-Mail an Julian Stock senden