Schluss mit vegan! Zeit zum Umdenken

Beim Mittagessen vor ein paar Tagen unterhielt ich mich mit Kollegen über vegane Cafés und Restaurants in Frankfurt. "Was mich nervt", sagte eine Kollegin am Tisch, "ist, dass vegan immer sofort zum Thema wird. Warum muss man in ein rein veganes Café gehen und nicht in ein 'ganz normales', wo jeder bestellt, was er oder sie möchte? Veganer etwas Veganes, Omnis etwas anderes. Wenn ich mit Freunden in ein veganes Café gehe, ist es sofort ein großes Ding, wir sprechen zwingend darüber. Man kann nicht einfach nur einen Kaffee trinken, ohne darüber reden zu müssen." Wie unsere Ernährung 2070 aussehen könnte

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Stimmt schon. Vegan wird oft und schnell zum Thema. Dabei haben die meisten Veganer eigentlich selbst keine Lust darauf. Abgesehen davon, dass viele Omnivoren selbst die Diskussion beginnen, wenn ein Veganer den Raum betritt: Für viele von uns wäre es akzeptabel, wenn wir mit unseren Freunden einfach in irgendein Café gehen könnten, die nicht-veganen Freunde geben ihre Wünsche auf und wir unsere. Das würde aber voraussetzen, dass es Optionen auf der Karte für uns gäbe. Eine Milchalternative aus Soja mag mittlerweile vielerorts verfügbar sein, aber stellen Sie sich mal vor, Sie wären kein Veganer, gingen in ein Café und da gäbe es nur einen einzigen Kuchen zur Auswahl. Oder gar keinen! Kaffee nur schwarz, Cappuccino nur für andere, nicht für Sie. Wahrscheinlich würden Sie auch lieber um die Ecke ins Café des Vertrauens gehen, von dem Sie wissen, dass es dort etwas mehr Vielfalt gibt.

Wir sind momentan noch in der Phase, wo Veganismus zwar den Sprung ins Bewusstsein der Menschen geschafft hat, die Idee aber noch so abstrakt zu sein scheint, dass wir meist entweder verspottet oder verachtet, mindestens aber mit Unverständnis gestraft werden und Optionen immer noch rar sind. Es wird interessant, wenn der Hype erst mal abgenommen hat, genug über die verrückten Pflanzenfresser gelacht wurde und es eine Selbstverständlichkeit geworden ist, keine tierischen Produkte mehr zu konsumieren.

Schauen wir doch einmal aus der Perspektive des Jahres 2070 auf die Dinge: Den Begriff "vegan" gibt es nicht mehr. Es gibt nur noch den normalen Standard, der selbstverständlich rein pflanzlich ist. Ganz vereinzelt und nur in den Metropolen gibt es noch Cafés, wo man seinen Latte Macchiato gegen einen deutlichen Aufpreis auch mit Kuhmilch bekommt. Wenn sie denn verfügbar ist! Denn Massentierhaltung gibt es nicht mehr und die Kühe, die natürlicherweise einen Überschuss an Milch haben, den ihr Kälbchen nicht braucht, sind selten. Es ist hinreichend bewiesen, dass Fleisch und Milch im Vergleich zu pflanzlichen Alternativen weniger nachhaltig sind und Dekadenz ist schon lange nicht mehr angesagt. Die Generation der Großeltern erzählt manchmal noch, wie das früher so war, als man tatsächlich noch echtes Fleisch gegessen hat.

Ich sitze mit Freunden im Café und bestelle: "Ein Stück Apfelkuchen mit Streuseln, dazu einen Cappuccino, bitte." Die hausgemachte Cashew-Macadamia-Dattel-Milch ist ein Gedicht und passt perfekt zum Bio-Espresso. So einfach ist das. Ganz normal, ohne Extras, ohne Erklärung. Schöne neue Welt.

››› Julian Stock, 34, Sortimentsmanager bei Alnatura. E-Mail an Julian Stock senden