Regional ohne Bio?

„Regional ist das neue Bio", hört man dieser Tage immer wieder. Aha! Ist regional erzeugtes Gemüse aus genetisch manipuliertem Saatgut und konventionell betriebener Landwirtschaft also der neue Hit?

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Regional und bio, eigentlich ein Traumpaar, gehen mitunter getrennte Wege. Die Urbanisierung der Menschen und deren Entkopplung vom »Hier und Jetzt", also von regionalen und saisonalen Produkten, haben der Regionalität die Anerkennung entzogen. Nun steigt sie aus Verzweiflung mit Monsanto und Co. in die Kiste und winkt den Kunden im konventionellen Supermarkt mit einem guten Gewissen für eine halbe Sache.

Sicher, der Transport ist ein Faktor bei der Frage der Nachhaltigkeit. Aber nur ein relativ kleiner, vor allem mit Blick auf die Folgen der konventionellen Landwirtschaft für unsere Umwelt. Ein konventionelles Produkt aus der Region ist wie ein Rennwagen mit Feinstaubfilter: Das eigentliche Problem bleibt bestehen und die hervorgehobene gute Eigenschaft lenkt davon ab. Verstehen Sie mich bitte richtig: Natürlich lege auch ich Wert auf regionale Produkte. Aber Bio steht klar an erster Stelle, sonst ist der Sinn doch grundsätzlich verfehlt.

Regionalität ohne Bio ist in erster Linie gut für die Strategen der nicht ökologisch handelnden Unternehmen und es braucht noch einiges zum unbeschwerten Glück. Lassen wir uns also nicht so schnell täuschen: Ohne Bio fehlt ein entscheidender Teil, den Regionalität alleine nicht beitragen kann.

Umgekehrt ist Bio allein auch kein Garant für ganzheit­liche Nachhaltigkeit: Dass konventionelle Hersteller auch Bio-Produkte entwickeln, ist zwar nicht grundsätzlich verwerflich, denn das Ergebnis ist wichtig. Aber es ist ein bisschen wie vegane Frikadellen vom Fleischkonzern, die den ganzheitlichen Ansatz vermissen lassen und dem ursprünglichen Ideal längst nicht mehr entsprechen. Solche Produkte fahren komfortabel auf dem Weg, den die Pioniere und Idealisten in den letzten Jahrzehnten geebnet haben und weiter ausbauen.

Angesichts dieser Entwicklungen wird die Luft für Anbieter mit tatsächlich guten Absichten immer dünner. Dass Bio überall verfügbar ist, ist ebenso wichtig wie richtig. Es wird nur immer schwieriger, die rein wirtschaftlich orientierte Spreu vom ganzheitlich gedachten Bio-Weizen zu trennen. Wer blickt denn als Kunde hier noch durch?

Im Naturkostfachhandel, also den reinen Bio-Märkten, erleben wir sie noch, die schöne heile Welt: Rapunzel unterm Lebensbaum auf der Zwergenwiese klingt wie ein Märchen, aber es sind genau diese Unternehmen, die die heutige Bio-Welt real geprägt haben und weiterhin den wirtschaftlichen Erfolg als Konsequenz, nicht als Zweck ihres sinnvollen Handelns sehen. Sie haben beste Bio-Qualität und internationalen fairen Rohstoffhandel etabliert und setzen sich deutlich über das Bio-Siegel hinaus ein. Der Fachhandel vertreibt diese Produkte und engagiert sich mit verschiedenen Initiativen ebenfalls über das Bio-Angebot hinaus.

Neben den genannten Marken, handwerklich hergestellten Bio-Backwaren aus der Region und Kosmetik ohne Tierversuche findet man im Fachhandel auch deutlich mehr Produkte von kleinen und sehr innovativen Unternehmen, die in die Fußstapfen der Pioniere treten und mit ihrem Angebot für verantwortungsvollen Konsum die Welt retten wollen. Natürlich neben regionalem Obst und Gemüse, das hier immer bio ist. Fast wie im Märchen.<

››› Julian Stock, ist Sortimentsmanager bei Alnatura. E-Mail an Julian Stock senden