Kolumne: Mal eben die Zeche prellen

Stellen Sie sich vor, Sie erhalten im Restaurant nach einem ­schönen Abendessen die Rechnung und es sind einige Positionen aufgeführt, die Sie gar nicht bestellt und genossen haben.

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Auf ein irritiertes Nachfragen beim Wirt erhalten Sie als Antwort: "Ja, heute ist irgendein Gast anscheinend ohne zu bezahlen gegangen und das muss ich schließlich irgendjemandem berechnen!" Werden Sie die Rechnung bezahlen? Wahrscheinlich nicht. Oder stellen Sie sich vor, Ihre Nachbarn zünden vorsätzlich und offenkundig ihre Häuser an. Die Flammen greifen auf Ihr Haus über, Sie können zwar löschen, aber das Dach ist beschädigt. Wer sollte Ihrer Meinung nach am Ende für den Schaden aufkommen? Etwa Sie selbst? Sicher nicht.

Nehmen wir nun an: Ein Bio-Bauer setzt sich für ökologische Landwirtschaft ein und bewirtschaftet seine Felder entsprechend. Nebenan verspritzen jedoch konventionelle Bauern auf ihren Feldern Pestizide, die der Wind auf das Feld des Bio-Bauern trägt. Entstehen daraus mit Pestizidspuren belastete Produkte und kann der Bio-Bauer nicht nachweisen, wer genau den Schaden verursacht hat, bleibt es sein eigenes Problem. Die Ware ist unter Umständen futsch und kann nur zu deutlich geringeren Preisen, nämlich als konventionelle Ware verkauft werden. Wenn der Bauer sie überhaupt verkaufen kann. Im Bio-Markt bleiben dann vielleicht die Regale leer, zum Ärger der Kunden.

Natürlich möchte auch ich sicher sein, dass die hochwertigen Bio-Produkte, die ich kaufe, nicht durch Zufall mit Pestiziden belastet wurden und dann keine Bio-Produkte mehr sind. Am liebsten hätte ich Produkte, die gänzlich frei von Belastungen sind.

Aber ist das wirklich noch möglich? Böden, Wasser und Luft haben mittlerweile oft eine Grundbelastung durch die ganzen Schadstoffe, die durch die konventionelle Landwirtschaft über die letzten Jahrzehnte dorthin gelangten. Diese Grundbelastung ist nun erst einmal vorhanden. Mikropartikel können bei der Aufbereitung gar nicht mehr gefiltert werden. In den kommenden Dekaden werden die Belastungen höchstwahrscheinlich weiter steigen. Die Verursacher werden hier aber nicht zur Rechenschaft ­gezogen. Wer bezahlt stattdessen mit Ernteausfällen oder schlechten Testergebnissen? Ökos wie Sie und ich.

Ich halte das für einen Fehler im System. Abgesehen von der wohl nicht möglichen totalen Vermeidung von Umweltgiften in Bio-Produkten ist es schlicht inakzeptabel, dass ein Bio-Bauer für den fahrlässig verursachten, aber nicht nachweisbaren Schaden von außen haften muss. Entgeht ihm Umsatz, weil er seine Produkte als konven­tionelle Ware verkaufen muss oder gar nicht verkauft, sollte er nicht damit alleingelassen werden.

Der Anteil an Bio-Anbauflächen in Deutschland ist mit ungefähr 6,5 Prozent vergleichsweise winzig. Der Einsatz der Menschen in der Bio-Wertschöpfungskette ist aber oft enorm, obwohl wir in der klaren Minderheit sind.

Wer ist schützenswert? Ich denke nicht, dass es die konventionell wirtschaftenden Bauern sind. Wenn diese nicht in der Lage sind, das Ausbringen von Pestiziden auf ihre eigenen Felder zu beschränken, sollten sie eben ohne Pestizide arbeiten müssen.

››› Julian Stock, Sortimentsmanager bei Alnatura. E-Mail an Julian Stock senden