Eins nach dem anderen

Ein nachhaltiger Lebensstil gelingt nicht von heute auf morgen – und das ist auch in Ordnung so

Vegan-Experte Julian Stock aus dem Alnatura Sortimentsmanagement

Es beginnt mit dem ersten Schritt. Wenn Sie erst mal mit einem nachhaltigen Lebensstil begonnen haben, kommen Sie schnell vom Hundertsten ins Tausendste. Wahrscheinlich hat irgendein Schlüsselerlebnis dazu geführt, dass Sie erst Vegetarier geworden sind, dann Veganer. Dann musste plötzlich alles Gekaufte fair produziert sein und nun ist nicht nur Ihr Essen ausschließlich Bio, Sie achten auch bei Bekleidung, Möbeln und Strom auf entsprechende Zertifizierung. Die Reihenfolge und Ausprägung kann dabei natürlich unterschiedlich sein. Und vielleicht befinden Sie sich auch zwischen zwei Schritten oder haben den ersten (noch) nicht gemacht. Aber wenn Sie diese Zeilen lesen, ist wahrscheinlich nicht mehr viel nötig für ein Umdenken und Hinterfragen Ihrer Gewohnheiten.

Fängt man also erst mal an, tun sich immer weitere Bereiche auf, in denen noch Luft nach oben ist. Einmal mit den nötigen Hintergründen und Zusammenhängen konfrontiert, ist es schwer, die Wahrheit wieder auszublenden und zu den alten Gewohnheiten zurückzukehren. Was, nebenbei bemerkt, wahrscheinlich auch der Grund ist, warum viele sich anfangs noch stark gegen Aufklärung wehren.

Bestenfalls führt der dem Sinneswandel folgende Lebensstil schließlich dazu, dass man nicht nur nachhaltiger, sondern auch grundsätzlich weniger konsumiert: Wasser und Strom sparen, öfter das Fahrrad anstelle des Autos nehmen oder das T-Shirt einfach noch einen Sommer tragen. Geht eigentlich. Und kennen Sie diesen fast körperlichen Schmerz, wenn man im Film sieht, wie jemand beim Zähneputzen das Wasser laufen lässt? Dann willkommen im Club! Sie sind schon ein bisschen unterwegs, wie es scheint.

Mitunter wird es zu einer Art Sucht, die Sie fast zwingt, bewusst zu konsumieren und die Dinge zu hinterfragen. Der Begriff Sucht passt hier gut, denn zumindest geistig sind wir oft noch lange abhängig von Frühstücksspeck, Oreo-Keksen und anderen großen Marken und haben in der ersten Zeit ein an Entzugserscheinungen grenzendes Verlangen nach dem Aufgegebenen.

Nach der vollzogenen Umstellung und gänzlich an den nachhaltigeren Lebensstil gewöhnt, vergisst man schnell, wo man herkommt. Wenn Sie also das nächste Mal den Schmerz des laufenden Wasserhahns verspüren, denken Sie an Ihre ersten Schritte. Niemand ist frei von Fehlern, wir alle haben mal angefangen, jeder trägt seinen Teil zur positiven Veränderung bei. Positiver Einfluss und Aufklärung sind gut, aber es ist eben eine Reise und niemand will ans Ziel geprügelt werden.

Richtig schlimm für mich ist aber: Nicht jeder, der willens ist, kann es sich leisten, in jeder Hinsicht nachhaltig zu leben. Selbst wenn man es möchte, ist es mitunter schlicht nicht möglich, alles umzusetzen. Und ich gebe zu: Mir hat erst die E-Mail einer Leserin mal wieder ins Bewusstsein gerufen, dass sich der vegane Gedanke von Mitgefühl und Gewaltlosigkeit gegen Mensch, Tier und Umwelt weder von jetzt auf gleich umsetzen lässt noch für alle gleichermaßen erreichbar ist.

››› Julian Stock, 34, Sortimentsmanager bei Alnatura. E-Mail an Julian Stock senden