01.09.2017

Kolumne: Anziehen und Freimachen

Der Mann, der mir im Zug gegenübersitzt, ist voll ausgestattet:

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Neben seiner Uhr von der Marke mit dem angebissenen Apfel verfügt er auch noch über das neueste Tablet, das ich kaum von seinem überdimensional großen Handy unterscheiden kann. Er trägt eine dieser angesagten Daunen-Steppjacken und typische Sneakers, die mit dem runden Haken drauf. Die offensichtlich neue, aber schon bei der Herstellung aufgerissene Jeans passt zum restlichen Outfit.

Wie wandelnde Litfaßsäulen sind wir heutzutage unterwegs. Wir kaufen überteuerte Artikel großer Marken, die anscheinend gar nicht wissen, wohin mit ihrem Milliardengewinn, und laufen dann noch kostenlos Werbung für sie. Wir hoffen, dass sie uns cooler, eleganter oder sportlicher machen, dass sie uns als Mensch aufwerten und bereits vor der ersten Kommunikation signalisieren, wie wir angesehen werden wollen. Dabei ist uns meist nicht bewusst, was eigentlich hinter diesen Marken steht und warum wir uns mit ihnen verbinden. Worauf können wir stolz sein, wenn wir das jeweilige Logo offen zur Schau stellen und anderen signalisieren, dass genau diese Marke, dieses Unternehmen es wert ist, gezeigt zu werden?

Zwischen Fast Fashion und geplanter Obsoleszenz wird unser Konsum immer größer, die Nutzungsdauer pro Artikel nimmt ab. Glücklicher werden wir dadurch offensichtlich nicht. Wenn wir durch unsere unbändige Kaufwut wenigstens etwas Gutes tun würden. Aber kaum eine der großen Marken steht für Nachhaltigkeit im ökologischen oder sozialen Sinn. Im Gegenteil: Sie sind mitunter dafür bekannt, dass die Elemente ihrer elektronischen Teile unter unmenschlichsten Bedingungen abgebaut oder die Stoffe von modernen Sklaven zusammengenäht wurden.

Es ist mir immer wieder rätselhaft, wie entkoppelt unser Handeln von unserem Denken ist, denn wohl kaum jemand von uns würde sich für ein Sichtbarmachen der Auswirkungen unseres Konsums auf Mensch, Tier und Erde aussprechen. Ich frage mich, wie unser Konsum aussehen würde, wenn auf jedem Schuhkarton, jeder Box eines elektronischen Geräts oder jedem Stück Fleisch aus Massentierhaltung Warnhinweise wie bei Zigaretten abgebildet wären, die die Herkunft und Auswirkungen auf Umwelt und Gesellschaft aufzeigen. "Die Produktion dieses Handys fördert weltweite Armut und kostet Menschenleben" oder "Fleisch aus skrupelloser Massentierhaltung", würde es dann heißen.

Ich mache mich selbst nicht frei von den beschriebenen Zwängen. Irgendwie finde ich manche Marken immer noch cool, obwohl sie eigentlich für Unternehmen stehen, die höchst uncool sind. Ich habe ein Faible für schnelle Motorräder, das ich einfach nicht ablegen kann. Darüber zu sprechen und mich auszutauschen ist meine Therapie, um davon loszukommen und mich vom Bedürfnis nach ständig neuer Kleidung oder anderen neuesten Konsumgütern zu befreien. Einen großen Beitrag dazu lieferte übrigens meine (bis dato) Lieblingsmarke für Kleidung: Auf meine Anfrage, wie sie eigentlich produzieren und was sie in Sachen Nachhaltigkeit unternehmen, erhielt ich letztlich gar keine Rückmeldung, was nun auch eine Antwort ist. Seitdem ist die Marke bei mir unten durch. Und mir fiel auf, dass ich dadurch gar nichts vermisse. Im Gegenteil: Es hat mich freier gemacht.

››› Julian Stock, Sortimentsmanager bei Alnatura. E-Mail an Julian Stock senden