01.06.2018

Kulturlandschaft und Artenvielfalt entwickeln durch Bio-Landbau

Vielfalt ermöglicht Vielfalt. Vielfalt in Natur und Landwirtschaft ist wertvoll. Das ist heute eine anerkannte Tatsache, wird aber dennoch viel zu wenig beachtet. In dieser Serie zeigen Experten Zusammenhänge auf und berichten über die vielen Facetten des Themas.
Serie konzipiert und redaktionell betreut von Manon Haccius.

Platzhalter

Die Medien sind voll von Berichten über den Rückgang an Insekten (was jeder Autofahrer merkt, der seine Windschutzscheibe putzt) oder über die Giftigkeit des Pflanzenvernichtungsmittels Glyphosat, das weiter auf die Felder ausgebracht werden darf. Die Landwirtschaft gilt seit Jahrzehnten als Hauptverursacher des Rückgangs an Tier- und Pflanzenarten, über den Naturschützer in Sterberegistern – den Roten Listen – Buch führen.

Aus historischer Perspektive hat sich die frühere Wirkung der Landbewirtschaftung auf die Artenvielfalt komplett verkehrt: Die Kulturlandschaften Mitteleuropas sind in ihrer Vielfalt an Tier- und Pflanzenarten erst durch Landwirtschaft entstanden. Ackerbau, die Mahd und die Beweidung von Grasland ermöglichten einer Vielzahl wärmeliebender Organismen die Einwanderung und Ausbreitung aus südlicheren Klimagebieten in das zuvor fast geschlossen bewaldete Germanien, über das noch der römische Feldherr Cäsar in seinen Schilderungen berichtete. Nachhaltig und umweltschonend waren diese historischen Nutzungen durchaus nicht immer, teilweise führten sie zu gewaltiger Erosion: Schwer vorstellbar, dass viele heute mit Kiefern aufgeforstete Sandgebiete Norddeutschlands einmal großflächige Heideflächen waren, die keineswegs so idyllisch ausgesehen haben wie die heute noch durch Beweidung erhaltenen kleinen Reste. Nach Abstechen des Oberbodens und dessen Nutzung als Stalleinstreu, der angereichert zur Düngung der hofnahen Äcker diente, war vielerorts der Sandboden in Bewegung, bis hin zur Wanderdünenbildung fernab der Küste. Oder Hanglagen der Mittelgebirge, die so intensiv beweidet wurden, dass der Oberboden in die Täler erodierte und sich auf dem nackten Gestein Kalkmagerrasen mit vielen Orchideenarten bildeten. Zahlreiche Ackerwildkräuter wanderten mit dem Getreideanbau ein und bereicherten die Landschaft Mitteleuropas durch neue Blütenfarben, etwa des Klatschmohns.

Heute sind konventionell bewirtschaftete Getreidefelder Nektarwüsten.
Die Einsicht, dass das Weglassen von chemischen Spritzmitteln und Kunstdünger im Bio-Landbau eine größere Artenvielfalt zur Folge hat, ist im Grunde banal – und inzwischen durch eine Vielzahl wissenschaftlicher Vergleichsstudien belegt. Nicht mit Unkrautvernichtungsmitteln behandelte Getreidefelder weisen im Vergleich zu konventionellen Feldern das Drei- bis Vierfache, manchmal sogar das bis zu Zehnfache an Ackerwildkrautarten auf – "Un"kräuter, die vielen Blütenbesuchern und weiteren Tierarten als Nahrungsquelle dienen.

Andererseits können auch im Bio-Landbau Maßnahmen der "Beikrautregulierung", Untersaaten und dichte Bestände bei hoher Intensität zur Verarmung der Vielfalt beitragen. Besonders die Bewirtschaftung von Wiesen und Weiden ist auf vielen Bio-Betrieben kaum weniger intensiv als bei konventionellen Berufskollegen. Hier wie dort lassen frühe Schnittzeitpunkte kaum Pflanzen zur Blüte kommen, wenn statt Heu Silage geerntet wird. Dass Silage – Sauerkraut aus Gras – zwar energie- und eiweißreiches Futter, aber aufgrund des geringen Rohfaseranteils eigentlich für den Wiederkäuermagen gar nicht das Richtige ist, ist eines von vielen Beispielen der zunehmenden "Konventionalisierung" des Bio-Landbaus, bei der das in den Anbaurichtlinien Erlaubte voll ausgereizt wird. Eine Ursache solcher Fehlentwicklungen liegt im ökonomischen Druck, unter dem heute Landwirtschaft betrieben wird, ob konventionell oder ökologisch.

Der Käufer von Lebensmitteln hat es selbst in der Hand, solchen Landwirten zu helfen, deren Felder noch oder wieder bunt aussehen – und Bio-Bauern zu unterstützen. Sie verzichten auf synthetische Pflanzenbehandlungsmittel und ermöglichen durch ihren Anbau Artenvielfalt. So entwickeln erste Bio-Bauern gezielt ihre Äcker zu Refugien der Artenvielfalt, indem sie gefährdete Ackerwildkräuter wieder ansiedeln. Gefragt ist auch das Engagement der Anbauverbände, ihre einzelbetriebliche Naturschutzberatung auszubauen und damit der Erwartung der Käufer von Bio-Lebensmitteln gerecht zu werden, mit dem Kauf auch die Entwicklung einer artenreichen Kulturlandschaft zu fördern. Bio-Landbau erzeugt nicht nur gesunde Lebensmittel, sondern kann die Natur ernähren – und dabei brauchen Bio-Bauern Unterstützung!

››› Gastbeitrag von Dr. Thomas van Elsen

Dr. Thomas van Elsen arbeitet im Fachgebiet Ökologischer Land- und Pflanzenbau am Fachbereich Ökologische Agrarwissenschaften der Universität Kassel und ist Mitbegründer und Projektleiter der Europäischen Akademie für Landschaftskultur Petrarca e. V. Er beschäftigt sich unter anderem mit Themen der Kulturlandschaftsentwicklung auf Hofebene und mit sozialer Landwirtschaft.