Serie "Über den Tellerrand kochen"

Wir kochen das syrische Traditionsgericht Moussaka in Köln.

Was haben wir Menschen auf der Erde gemeinsam, egal welcher Religion, Kultur oder Nation wir angehören? Wir müssen essen und trinken. Was uns schmeckt und wie wir es zubereiten, unterscheidet uns, aber es kann uns auch verbinden, wenn wir miteinander teilen. Im Alnatura Magazin zeigen wir jeden Monat ein Rezept von geflüchteten Menschen, das sie gemeinsam mit ihren deutschen Freunden für uns kochen.

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Ich stehe erwartungsvoll vor dem Super Natur Markt in Köln-Bayenthal. Von Laura, einer der Initiatorinnen von "Über den Tellerrand" in Köln, habe ich bereits erfahren, dass sich heute Amer, ein Koch aus Syrien, das Gericht ausgesucht hat, welches wir gemeinsam kochen werden. Mit dabei ist sein Freund Mohamad, den Amer liebevoll als "Hilfskoch" bezeichnet. Obwohl auch er erst wenige Monate in Deutschland lebt, übersetzt er heute. Mit 20 bis 30 Kochbegeisterten aus Deutschland, Syrien und Afghanistan treffen sie sich etwa einmal wöchentlich zum Kochen, Beisammensein und Deutschlernen.

Beim gemeinsamen Einkauf der Zutaten in der Filiale wird schnell klar, dass wir für diese Personenzahl einiges an Zutaten brauchen. Noch weiß ich nicht, was es geben wird. Als erfahrener Koch entscheidet Amer das spontan. Mit den Gemüsegrößen mag er sich nicht so recht zufriedengeben: Die Auberginen sind zu groß, die Zwiebeln zu klein. In Syrien sieht das Gemüse anders aus. Doch Amer ist flexibel. Außerdem kaufen wir neben zahlreichen anderen Zutaten einige Kilogramm Tomaten. Das scheint eine wichtige Zutat zu sein.

Über den Tellerrand kochen in Köln

Im FamilienForum in der Südstadt angekommen, erklären Amer und Mohamad der Runde, was heute gekocht wird. Die Teilnehmer stürzen sich auf das Gemüse, um es im Nullkommanichts klein zu schneiden. Es ist eine Gruppe aus etwa zehn Deutschen und zehn Syrern. Heute gibt es "Msa’a", so sprechen es die Syrer aus. Es stellt sich heraus, dass es sich um Moussaka handelt, den traditionellen Auberginen-Kartoffel-Lamm-Auflauf. Wir bereiten ihn alternativ mit Rindfleisch zu. Mohamad erklärt: "Das kennt jeder in Syrien. Egal ob er aus Aleppo kommt oder aus Damaskus." In Syrien wird Moussaka typischerweise zu Mittag gegessen, wenn die ganze Familie zusammenkommt. Ein Gericht, das die Menschen zusammenführt – passt ja. Denn das wollten Laura Höller, Marie Jansen und ein paar Freunde erreichen, als sie "Über den Tellerrand" in Köln ins Leben riefen.

Über den Tellerrand kochen in Köln

Am Backblech geht es derweil heiß her. Frittierte Auberginen werden auf frittierte Kartoffeln gestapelt. Hinzu kommen Tomaten, Paprika, Zwiebeln und Rinderhack. Das Ganze wird in den Ofen geschoben. Es ist erstaunlich, wie schnell es mit dem Kochen vorangeht, wenn so viele Leute mithelfen. Doch das ­gemeinsame Zubereiten von Gerichten ist für die Geflüchteten nicht der einzige Grund, warum sie herkommen. Der Satz eines Syrers hallt nach: "Viele Leute, viele Worte!" Er bringt das Gefühl der Verbundenheit und die Freude am Austausch, die man hier spürt, auf den Punkt. Und was ist mit den beiden Meisterköchen? Mohamad bleibt bei seiner Hilfskoch-Tätigkeit. Er lässt sich lieber von Amer bekochen. Selber kochen mag er nicht. Das hat zu Hause seine Mutter gemacht. Und schmunzelnd sagt er: "Amer kocht so gut. Und weißt du was? Amer, das bedeutet ›der, der immer da ist‹."

Dann ist auch das Moussaka fertig und wird aus dem Ofen gezogen: Es duftet fantastisch – und so schmeckt es auch. Wir finden uns an zwei langen Tafeln ein, um das gemeinsam Gekochte zu genießen. Auch hier versiegen die Unterhaltungen nicht. Es herrscht ein Stimmengewirr aus Deutsch, Arabisch und Englisch.

Über den Tellerrand wurde im Oktober 2013 gegründet im Glauben an eine Welt, die bestimmt wird von sozialem Zusammenhalt, gegenseitigem Respekt und Offenheit gegenüber Vielfalt. Wir haben uns zum Ziel gesetzt, Miteinander zu ermöglichen. Wie wir das tun? In erster Linie mit gemeinsamem Kochen und Begegnungen auf Augenhöhe. Wir schärfen bei Menschen mit und ohne Fluchterfahrung das Bewusstsein für Gestaltungsmöglichkeiten in der Gesellschaft, greifen beim Aufbau interkultureller Communities unter die Arme und schaffen belastbare, nachhaltige Netzwerke zwischen Engagierten. Inzwischen umfasst unser Netzwerk ca. 1.500 engagierte Menschen in 25 Städten.

››› Lisa Rhein