Serie "Über den Tellerrand kochen"

Was haben wir Menschen auf der Erde gemeinsam, egal welcher Religion, Kultur oder Nation wir angehören? Wir müssen essen und trinken. Was uns schmeckt und wie wir es zubereiten, unterscheidet uns, aber es kann uns auch verbinden, wenn wir miteinander teilen. Im Alnatura Magazin zeigen wir jeden Monat ein Rezept von geflüchteten Menschen, das sie gemeinsam mit ihren deutschen Freunden für uns kochen.

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Heute Abend wollen wir zusammen ein typisch afghanisches Gericht kochen: Borani Banjan. Zum Einkaufen treffen wir uns mit der Familie Hashemi und Pia Dames-Willers in der Bremer Alnatura Filiale. Sayed, der neunjährige und jüngste Sohn der Familie Hashemi, schiebt unseren Einkaufswagen direkt zum Gemüse – denn hiervon brauchen wir ganz viel. Auberginen und Tomaten sind die Grundlage des Gerichts, dazu kommen noch Zwiebeln, Knoblauch, saure Sahne, Tomatenmark, Öl, Gewürze und Brötchen. Sayeds älterer Bruder Mojeeb, 17 Jahre alt, kennt das Rezept genau und im Nu ist der Wagen gefüllt. Währenddessen unterhalten sich Pia und Mojeeb darüber, wie es in der Schule läuft und wie es gemeinsamen Bekannten geht. Schnell merkt man, wie sehr sich die beiden mögen. Seit fünf Monaten kennen sie sich jetzt und haben schon mehrmals zusammen gekocht.

Tellerrand-Kochgruppe Bremen

Mojeeb und seine Familie sind vor einem Jahr nach Deutsch­land geflüchtet. Sie kamen aus der afghanischen Hauptstadt Kabul, sein Vater hatte dort eine Apotheke, die Familie ein Haus, ein Auto. Was sie nicht hatten, war Sicherheit in ihrer kriegsgeplagten Heimat. All das erzählt Mojeeb ruhig und sachlich. Richtig aufgeregt wird er hingegen, wenn er von seinen Berufsplänen spricht, Polizist will er werden. Mojeeb lernt seit acht Monaten Deutsch und ich bin tief beeindruckt. Nicht nur davon, wie rasend schnell er sich unsere Sprache angeeignet hat.

Mit unseren Einkäufen fahren wir zu Pias Agentur Bernstein und beginnen, in der großen Küche zu kochen. Nachdem die Auberginen geschält sind, reibt Mojeeb die Tomaten. Das habe ich so noch nie gesehen: Er halbiert sie und reibt sie mit der Schnittfläche an der Reibe. Eine viel schnellere Art des Passierens und Enthäutens, finde ich. Als er eine ganze Knoblauchknolle (richtig, nicht Zehen) durch die Knoblauchpresse drückt, kann ich die Ungläubigkeit in meinem Blick nicht ganz verbergen. "Manche Leute in Deutschland mögen ja keinen Knoblauch", stellt Mojeeb lächelnd fest. Wir gehören aber weder zu den Knoblauch- noch zu den Fettverächtern, sonst wäre Borani Banjan nicht ganz das Richtige für uns. Denn die Auberginen werden nicht nur mit Knoblauch gewürzt, sondern auch frittiert, bevor sie mit den anderen Zutaten eine halbe Stunde köcheln.

Pia erzählt, dass sie und ihre Familie schon vor der Tellerrand-Aktion erste Kontakte mit Geflüchteten hatten: "Wo ich arbeite und lebe, gibt es sehr viele Flüchtlingsstationen, auf meinem Arbeitsweg liegt ein Containerdorf. Meine Mutter hat einen Syrer angesprochen, wir haben ihn kennengelernt und privat mit ihm zusammen gekocht. Das hat uns so gut gefallen, einfach eine tolle Erfahrung. Wir haben den Kontakt gehalten und ich dachte: Das möchte ich gern häufiger machen."

Also hat sie den Berliner Verein "Über den Tellerrand kochen" angeschrieben und eine Gruppe in Bremen gegründet. Jetzt, da viele der Flüchtlinge nicht mehr hier in den Notunterkünften untergebracht sind, wo sie nicht selbst kochen durften, sondern in ihren eigenen Wohnungen leben, hat sich die Situation auch etwas verändert, es ist schwieriger geworden, Kontakt zu halten. Allerdings nicht zwischen Pia und Mojeebs Familie, der nächste Termin für ein gemeinsames Kochen steht schon. Und während wir das köstliche Borani Banjan zusammen essen, überlegen Pia und Mojeeb schon, was das nächste Mal auf den Tisch kommt. Vielleicht ein deutsches Gericht? Kartoffelsalat und Spätzle hat Mojeeb jedenfalls schon getestet und für sehr gut befunden. So wie wir Borani Banjan, ein Rezept, das einen Stammplatz in meiner Küche gefunden hat.

››› Gabriele Storm

Über den Tellerrand wurde im Oktober 2013 gegründet im Glauben an eine Welt, die bestimmt wird von sozialem Zusammenhalt, gegenseitigem Respekt und Offenheit gegenüber Vielfalt. Wir haben uns zum Ziel gesetzt, Miteinander zu ermöglichen. Wie wir das tun? In erster Linie mit gemeinsamem Kochen und Begegnungen auf Augenhöhe. Wir schärfen bei Menschen mit und ohne Fluchterfahrung das Bewusstsein für Gestaltungsmöglichkeiten in der Gesellschaft, greifen beim Aufbau interkultureller Communities unter die Arme und schaffen belastbare, nachhaltige Netzwerke zwischen Engagierten. Inzwischen umfasst unser Netzwerk ca. 1.500 engagierte Menschen in 25 Städten.