Serie "Über den Tellerrand kochen"

Was haben wir Menschen auf der Erde gemeinsam, egal welcher Religion, Kultur oder Nation wir angehören? Wir müssen essen und trinken. Was uns schmeckt und wie wir es zubereiten, unterscheidet uns, aber es kann uns auch verbinden, wenn wir miteinander teilen. Im Alnatura Magazin zeigen wir jeden Monat ein Rezept von geflüchteten Menschen, das sie gemeinsam mit ihren deutschen Freunden für uns kochen.

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Wir treffen uns gleich morgens zum Einkaufen im Alnatura Super Natur Markt in Berlin-Kreuzberg. Spezielle arabische oder syrische Zutaten, die es bei Alnatura nicht gibt, sollen durch Alternativen ersetzt werden. Syrerin Alaa zeigt sich sehr zufrieden mit der Auswahl, nur das arabische Fladenbrot fehlt ihr. Wir einigen uns darauf, stattdessen die Weizentortilla und die Pita mitzunehmen und zu testen, ob es damit auch funktioniert.

Vorerst erfahre ich nur den mir unbekannten Namen des Gerichtes, das Alaa und ihre deutsche Freundin Lotta zubereiten wollen: Fatteh. Noch nie gehört. Als ich einen Blick auf die Zutatenliste werfe, bin ich doch ein wenig skeptisch: Kichererbsen (Hummus Hab) mit Kichererbsenmus (Hummus). Hm, klingt ungefähr so spannend wie Brot mit Mehl. Aber abwarten. Meine unersättliche kulinarische Neugier erwacht, als es nach frisch frittierten hauchdünnen Fladenbrot-Fetzen riecht und die Sauce aus Joghurt, Sesammus, Knoblauch, Cumin (Kreuzkümmel), Paprika und Zitronensaft cremig zusammengerührt wird. Ich frage erstaunt: "Ohne Salz?" Alaa antwortet, ja, Salz brauche man nicht. Weil so viele andere Geschmäcker das Salz ersetzten.

Wir unterhalten uns in einem deutsch-englischen Sprachenmischmasch. Alaa ist gemeinsam mit ihrem Bruder aus Aleppo geflohen und hat erst jetzt, ein Jahr nach ihrer Ankunft in Berlin, ihren Asylantrag bewilligt bekommen. Ab sofort darf sie die Sprachkurse des Integrationsprogramms besuchen. In Syrien hat sie Türkisch studiert, hier möchte sie gern nach der bestandenen Sprachprüfung eine Ausbildung zur Visagistin beginnen. Erst jetzt fällt mir auf, dass Alaa perfekt geschminkt ist. Auch ihre deutsche Freundin Lotta ist hübsch zurechtgemacht. Aber warum eigentlich nicht? Ich nehme mir vor, bei der nächsten Kochaktion mit Freunden meine alte Jogginghose durch ein schickes Koch-Outfit zu ersetzen und wenigstens Lippenstift aufzulegen.

Beim Einkaufen

Nun wieder zu den frittierten Brotchips und der geschmack­lich unfassbar ausgewogenen Joghurt-Tahin-Sauce. Ich ver­gesse meine Interviewfragen und nasche ausdauernd frittiertes Brot, eingetunkt in die Sauce, so lange, bis mir der Zugriff verwehrt wird und alles in der Auflaufform verschwindet. Ein gewisses Sättigungsgefühl lässt sich nicht leugnen bei den ­gehaltvollen Zutaten. "Zu welchem Anlass wird Fatteh eigentlich in Syrien zubereitet?", will ich zufrieden kauend wissen. "Zum Frühstück", antwortet Alaa ganz nebenbei. Was? Zum Frühstück? Mir ist die Verwirrung anzusehen. "So ein üppiger Start in den Tag? Und so viel Arbeit und Mühe für ein Frühstücksgericht?" – "Ein Frühstück für den Freitag", präzisiert Alaa. "Freitag ist wie bei euch der Sonntag. Da haben wir frei. Und nach Fatteh muss man sich erst mal ausruhen."

Recht hat sie. Nach zwei großen Löffeln des syrischen Frühstücks bin ich ziemlich satt und erschöpft. Den Jungs aus dem Fahrradladen gegenüber bringt Lotta auch Fatteh vorbei. "Wir versorgen sie mit Essen und sie reparieren dafür unsere Fahrräder", freut sich die Soziologin und Kulturwissenschaftlerin. Inzwischen ist noch Maher vorbeigekommen. Auch er ist Syrer, ein Agraringenieur, der seit einem Jahr in Deutschland lebt. Maher zeigt sich erfreut über das bekannte Essen: "Ah, Fatteh! Aber es ist doch schon Nachmittag."

››› Susanne Salzgeber

Über den Tellerrand wurde im Oktober 2013 gegründet im Glauben an eine Welt, die bestimmt wird von sozialem Zusammenhalt, gegenseitigem Respekt und Offenheit gegenüber Vielfalt. Wir haben uns zum Ziel gesetzt, Miteinander zu ermöglichen. Wie wir das tun? In erster Linie mit gemeinsamem Kochen und Begegnungen auf Augenhöhe. Wir schärfen bei Menschen mit und ohne Fluchterfahrung das Bewusstsein für Gestaltungsmöglichkeiten in der Gesellschaft, greifen beim Aufbau interkultureller Communities unter die Arme und schaffen belastbare, nachhaltige Netzwerke zwischen Engagierten. Inzwischen umfasst unser Netzwerk ca. 1.500 engagierte Menschen in 25 Städten.