Therapeutische Sprachgestaltung

Kann Sprache heilen? Viele Menschen reagieren erstaunt, wenn ihnen der behandelnde Arzt ein Rezept für die Therapeutische Sprachgestaltung ausstellt. Dabei bietet diese Therapieform viele Möglichkeiten:

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In der Therapeutischen Sprachgestaltung wird die Sprache nicht als bloßes Mittel für Information und Kommunikation verstanden, sondern als wesentlicher Ausdruck der Individualität und zugleich aufgrund ihres großen schöpferischen Potenzials als eine sehr ursprüngliche und menschliche Kunstform. Bezüglich unserer Sprechgewohnheiten ist eine ziemlich genaue Diagnostik möglich. Das Sprechen kann auf drei Grundelemente zurückgeführt werden: Artikulation, Stimme und Sprechatem. Die Artikulation gibt Aufschluss, ob die Sprachmuskulatur (Zunge und Lippen) zu stark oder zu schwach eingesetzt wird. So kann eine zu feste Artikulation auf der physischen Ebene zu Ablagerungen, Herzerkrankungen, Asthma oder auch Karzinomen führen, im psychischen Bereich zu Verkrampfungen, Ängsten und Zwängen. Ist die Gestaltung zu schwach, können sich entzündliche Erkrankungen, aber auch seelische Haltlosigkeit ausbreiten. Ebenfalls aufschlussreich ist, welche der Konsonanten-Gruppen und welche Sprechzonen besonders betroffen sind.

Sprechen: so individuell wie der Mensch

Die Stimme vermittelt eine Art psychosomatische Grundstimmung und ist in ihrer Frequenz so individuell wie ein Daumenabdruck. Sie kann plärren, rasseln, näseln, scheppern, sich heiser, dumpf oder schrill gebärden, stocken und ausfließen, je nach individueller Problemstellung oder Krankheitsdisposition. Die Arbeit an der Stimme hat immer eine befreiende und stärkende Wirkung auf die ganze Persönlichkeit (personare, lat. hindurchklingen). Wichtigster Gesichtspunkt für die Therapie ist, dass der Atem hörbar durch die Stimme fließt, der Mensch also beim Sprechen in der Lage ist, seine Gefühle, Gedanken oder Intentionen zu "veratmen", das heißt zu verarbeiten und loszulassen. Für Körper wie Seele bedeutet das Entgiftung. Ein gesunder Sprechatem richtet sich danach, wie und was gesprochen wird. Ein Ungleichgewicht zwischen Ein- und Ausatmung bedeutet immer eine Störung im Stoffwechselbereich, die sich in allen Systemen, also auch im Herz-Kreislauf-System und im Nerven-Sinnes-Bereich ausdrücken kann.

Im Rhythmus von Anspannen und Lösen

Die Therapeutische Sprachgestaltung geht davon aus, dass jeder Erkrankung eine Atemstörung zugrunde liegt. Da unser Sprechen aufs Engste mit unseren Atemgewohnheiten verbunden ist, liegt hier auch die Chance zur unterstützenden Behandlung oder Heilung. Im Grunde genommen handelt es sich also nicht um eine Sprachtherapie, sondern um eine sprachorientierte Atemtherapie, die durch Artikulations-, Stimm- und sprachliche Atemübungen die Urgesten von Anspannen und Lösen, die sich im gesunden Atemrhythmus ausdrücken, unterstützt und harmonisiert. Dafür werden die künstlerischen Gesetzmäßigkeiten der Sprache gezielt als Heilmittel für die Atmung eingesetzt.

Jeder einzelne Laut hat eine spezifische Wirkung auf die Ein- und Ausatmung: Die Nasale (m, n, ng und so weiter) führen zum Beispiel im Kopfbereich zu lösenden Vibrationen, die Blaselaute oder Frikative (h, ch, s, f, w und so weiter) wärmen und die Verschlusslaute oder Plosive (b, d, g, p, t, k und so weiter) stauen. Klare, strömende Vokale vertiefen die Atmung, schnelle, wendig artikulierte Konsonanten regen das Blut an. Im Silbenschreiten lernen die Patienten, mit sich selbst und ihrem Herzen Schritt zu halten. Durch das Steigen und Fallen der verschiedenen Sprachrhythmen werden unterschiedliche Prozesse angeregt oder beruhigt, da sich der Atemrhythmus unmittelbar auf den Puls überträgt. Die Rhythmen werden geschritten oder von Armbewegungen begleitet, sodass der ganze Mensch Ausdruck seines Sprechens wird, was je nach Krankheit und Therapieverlauf später bis hin zu gestischen Übungen führen kann. Das dichterische Bild schließlich verändert die Atmung durch das Mitempfinden von Freude, Schmerz, Mut oder Heiterkeit.

So führt die Therapeutische Sprachgestaltung auf sehr individuelle Weise zu Selbsterkenntnis und Selbstverantwortung. Der sprechende Mensch bildet mit seinen Worten die Welt nach und wird so schöpferisch tätig. Indem er sich durch tägliches Üben diesem kreativen Potenzial, das jeder von uns in sich trägt, nähert, beginnt er, sich und sein Schicksal selbst zu gestalten. Jede Wortbildung ist geformte Bewegung oder bewegte Form und so kann die Arbeit an der Sprache zu einem rhythmisch-lebendigen Gleichgewicht der Kräfte führen und tatsächlich Heilung bewirken.

Barbara Denjean-von Stryk

Barbara Denjean-von Stryk (Stuttgart) arbeitet als Sprach- und Atemtherapeutin in freier Praxis, ist Gastdozentin an verschiedenen pädagogischen Einrichtungen und als Buchautorin sowie Sprecherin und Schauspielerin tätig

Mehr Interesse?

  • Anthroposophische Sprachgestaltung wird von Ärzten verordnet und von qualifizierten und zertifizierten Therapeuten (BVAKT, Berufsverband für Anthroposophische Kunsttherapie) durchgeführt
  • Gesetzliche Krankenkassen können die Kosten übernehmen. Weitere Infos unter damid.de
  • Ausbildungsmöglichkeiten z. B. unter icaat-medsektion.net

Zum Weiterlesen

Barbara Denjean-von Stryk: "Sprich, dass ich dich sehe – Die Sprache als Schulungsweg in Kunst, Erziehung und Therapie" (2010), ISBN 978-3-77251-580-4, 19,90 Euro.
Barbara Denjean-von Stryk, Dietrich von Bonin: "Therapeutische Sprachgestaltung" (2003), ISBN 978-3-82517-338-8, 14,90 Euro.