Heileurythmie

Vor rund 100 Jahren entwickelte Rudolf Steiner die Eurythmie, die damals schon therapeutische Hinweise enthielt. Wenige Jahre später entstand die Heileurythmie. Beides sind lebendige Äußerungen der Anthroposophie.

Heileurhythmie – der Patient wird zum Handelnden

Frau P. leidet an einer Depression. Die behandelnde Ärztin verordnet Heileurythmie und nimmt Kontakt mit einer Heileurythmistin auf, mit der sie die ­Dia­gnose und ein erstes Therapieziel für Frau P. bespricht. Die Patientin kommt mit ihrem Rezept zur ersten Therapiestunde. Dort erzählt Frau P., dass sie – inzwischen um die 50 Jahre alt – vor zehn Jahren eine biografische Krise hatte und seitdem nicht mehr weiß, wie ihr Leben weitergehen soll. Sie ist erschöpft und frustriert und hat den Eindruck, sich selbst nicht mehr zu spüren. Ihre Haltung ist etwas gebeugt. Ihr sehnlichster Wunsch ist es, ihren eigenen Weg (wieder) zu finden. Momentan fehlt ihr jedoch die innere Ausrichtung, um diesen Weg beherzt und mutig gehen zu können.

Leiblich, seelisch und geistig ansetzen

Vor rund 100 Jahren entwickelte Rudolf Steiner die Eurythmie, die damals schon therapeutische Hinweise enthielt. Wenige Jahre später entstand die Heileurythmie. Beides sind lebendige Äußerungen der Anthroposophie. Die Heileurythmie hat die Möglichkeit, den leiblichen, seelischen und geistigen Menschen anzusprechen, ihn gewissermaßen zu "wecken" und im Therapieverlauf wieder in ein gesundes Verhältnis zueinander zu bringen. Das tut sie mit den Lauten des Alphabets sowie mit Tönen, musikalischen Intervallen und verschiedenen Formen im Raum. Wie in der Sprache und in der Musik jeder Laut und Ton seine eigene Bildekraft hat, so lebt in der Heileurythmie eine ebenso klare Gesetzmäßigkeit in der Laut- und Tonbildung durch Arme, Beine und Gestalt. Je nach Erkrankung und Konstitution werden Laute und Töne ebenso spezifisch wie ein Medikament für den Patienten ausgewählt. Die Übungen sind so aufgebaut, dass sie das Bewusstsein, die Empfindung und das Handeln des Ausführenden so fordern, dass er wach und aufmerksam die ihn unterstützenden Lautbewegungen auszuführen lernt. Der Patient wird zum Handelnden.

Den inneren Dirigenten spüren

Im Gespräch zwischen der Heileurythmistin und Frau P. entwickelt sich das Bild eines Orchesters, das ohne Dirigent in bestimmten Takten verloren ist und Rhythmus und Harmonie nicht findet. Den Musikern fehlt die Ausrichtung. Frau P. spürt, dass der Dirigent in "ihrem" Orchester schon lange abwesend ist. Auch vermisst sie die tief klingenden, die erdenden, Gründung gebenden Instrumente. Frau P. ahnt, dass es einen Zusammenhang zwischen ihrer Leiblichkeit und ihrem Dirigenten geben könnte. Mit gespannter Erwartung lässt sie sich auf die erste Übung ein. Diese Übung hilft, die innere Ausrichtung zu aktivieren. Die Therapeutin bittet Frau P., dass sie sich aufrecht hinstellt und versucht, den Boden unter ihren Füßen als Festigkeit und haltenden Widerstand und ihren Kopf als wachen "Partner" wahrzunehmen. In dieser Übung soll Frau P. sich als Säule vom Fußballen bis zur Stirn wahrnehmen und lernen, diese aufrechte Haltung als "I" zu empfinden. Anschließend wird der Kopfpunkt der Säule hinter den Fußpunkt verlagert, die Säule ein ganz klein wenig nach hinten geneigt. Frau P. beginnt, diese Haltung als "A" zu empfinden. Dann tastet sie sich leise nach vorne und verlagert den Kopfpunkt vor den Fußpunkt, neigt also die Säule ein wenig nach vorne – und lernt diese Haltung als "O" kennen. Der Fuß bleibt dabei jeweils ganz mit der Erde verbunden.

Ganz innerlich aktiv und in der eigenen vorderen Gestalt präsent, reagiert Frau P. sehr berührt. Sie hat schon lange nicht mehr diese Geistesgegenwart, ein solches "Eins-Sein" mit sich selbst erlebt. Um die drei Orientierungen im Raum wahrnehmend vollziehen zu können, brauchen wir unseren inneren Dirigenten. Dieser bestimmt, mit welcher Intention die jeweiligen Gebärden gestaltet werden. Die Atmung kommt in Bewegung, der Flüssigkeitsorganismus wird leise rhythmisiert und die Wärme aktiviert.

Die Lebenssymphonie erklingen lassen

Um beim Bild des gemeinsamen Musizierens zu bleiben: Wenn wir die eigene Leiblichkeit als Orchester ansehen, fühlen wir uns sicherlich am wohlsten, wenn unser Dirigent anwesend ist, wenn Bläser, Streicher, Blech und Pauken an ihren Notenpulten sitzen und unter Führung des Dirigenten miteinander musizieren. Kurz, wenn unsere Lebenssymphonie lebendig erklingen kann. Dabei unterstützt uns die Heileurythmie. Frau P. spürt, dass sie durch die heileurythmischen Übungen wach und heiter wird, dass sie ihre Füße und sich selbst als Gestalt wahrnimmt. Sie merkt, dass sie handlungsfähig wird, und empfindet sich wieder als Gestalterin ihrer Bewegungen. Ihre Hände und Füße werden warm, sie fühlt sich entlastet und geborgen – und empfindet sich gleichzeitig an etwas Größeres angebunden.

››› Gastbeitrag Isabel Martin

Isabel Martin, Heileurythmistin

Isabel Martin, Heileurythmistin,
Gesundheits- und Krankenschwester,
Heilpraktikerin Psychotherapie.
Freie Praxis in Freiburg.

Mehr Interesse?

  • Adressen von Heileurythmisten/innen bekommen Sie beim Berufsverband Heileurythmie e. V.: bvhe.de
  • Kostenerstattung Die gesetzliche Krankenversicherung darf die Kosten für die Heileurythmie übernehmen. Einzelne Kassen wie z. B. die Securvita BKK oder die Barmer GEK erstatten die Kosten. Auch im Rahmen der "integrierten Versorgung" übernehmen einige gesetzliche Krankenkassen die Kosten. Weitere Infos beim Dachverband Anthroposophische Medizin: damid.de
  • Zum Weiterlesen:
    Petersen, Sabine: "Heil-Eurythmie" (2012), 6,90 €
    Wennerschou, Lasse: "Was ist Heil-Eurythmie?" (2010), 7 €