Gurke ♥ alle

Ach, die Gurke, dies unterschätzte Kürbisgewächs.

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Wie oft wird sie im viel zu kalten Kühlschrank gelagert und verliert an Geschmack. Zwölf Grad wären für ihr Wohlbefinden ideal. Oder man platziert sie nichts ahnend neben Äpfeln und Tomaten und die Ärmste verliert ihre Knackigkeit, wird überreif und verdirbt schneller. Schuld an diesem beschleunigten Alterungsprozess der Gurke ist das Reifegas Ethylen, welches Apfel und Tomate natürlicherweise abgeben. Sobald jedoch Tomaten und Äpfel klein geschnitten sind, verträgt sich die Gurke vortrefflich mit ihnen: im Tomatensalat mit Essig und Öl oder in einer Remoulade mit Äpfeln zu Matjes.

Das meist schlanke Gemüse hat gern viele Partner, am liebsten gleichzeitig. Ihr Fruchtfleisch besteht zu über 95 Prozent aus Wasser und ist daher geschmacklich sehr anpassungsfähig. Sie gefällt sich als der frische und saftige Teil einer Speisen-Partnerschaft, wie zum Beispiel im Sandwich zwischen zwei frischen Weißbrotscheiben oder fein gehobelt im Kartoffelsalat. Böse Zungen würden ihr Promiskuität oder Polygamie vorwerfen. Aber bitteschön, nur keinen Neid aufkommen lassen, sie kann eben mit jedem, auch aus den unterschiedlichsten Kulturen. In Indien paart sie sich mit Joghurt und Minze zu Raita. Manchmal gesellt sich noch Cumin hinzu. In der Türkei badet sie gerne mit Knoblauch im Joghurt. Petersilie und Minze sind meist auch dabei. Das Gericht heißt in der Türkei Cacık (gesprochen: Schaschik). Und siehe da, selbst politische Animositäten lassen die Gurke kalt. Die gleiche Joghurt-Knoblauch-Kombination nennen die Griechen Zaziki.

Auch den in Südostasien oder Südamerika präferierten Koriander verschmäht sie nicht. Gemeinsam mit diesem aromatischen Kraut, Ingwer, Limettensaft, Chili, Sesamöl und Erdnüssen fühlt sie sich in einem scharfen thailändischen Glasnudelsalat pudelwohl. Als Partner in einer Guacamole läuft sie vereint mit einer cremigen Avocado, Koriander, Zwiebeln, Tomaten und Chili zur Höchstform auf. Sie versteht sich einfach mit jedem. Dass der Doldenblütler Dill gut zur Gurke passt, ist kein Wunder, zumal er auch Gurkenkraut genannt wird. Schmorgurken mit Dill, ein klassisches Gericht eher aus Nordeuropa stammend, zeigt die vollkommene Symbiose dieser zwei grünen Gesellen. Aber auch um die Gurke haltbar zu machen, ist der Dill unerlässlich, mit diversen anderen Partnern wie Estragon, Piment und Essig, versteht sich. Und für alle Freunde der Leberwurststulle: Vergessen Sie auf keinen Fall die Cornichons dazu. Die in Essig eingelegten Gewürzgürklein wirken als Deko für viele vielleicht ein bisschen altmodisch, aber die kräftige Säure der zierlichen Gurke ergänzt die fette Leberwurst aufs Feinste. Ein Traumpaar!

Die bislang aufgeführten Techtelmechtel der Gurke sind Ihnen sicher alle bekannt und werden Sie nicht weiter schockieren. Im Gegenteil, Sie kennen bestimmt noch diverse andere pikante Affären. Aber haben Sie dieses flatterhafte Gemüse schon mal zu Speiseeis verarbeitet? Experimentieren Sie ruhig mit Textur und Aggregatzustand, die Gurke wird es Ihnen nicht übel nehmen. In der von ihr geschätzten Begleitung von Altbekanntem, wie Chili, Koriander, Limettensaft und ein bisschen Zucker, wird sie als Sorbet für Sie dahinschmelzen.

Beim Genuss des Gurken-Chili-Sorbets lässt sich Ihr Dahinschmelzen noch intensivieren, indem Sie einen feinherben, fruchtbetonten Riesling dazu trinken. Ihre Geschmacksknospen werden frohlocken und Sie werden darüber nachdenken, ob Monogamie wirklich der für Sie passende Lebensentwurf ist.