Gastbeitrag: Das Menschenrecht auf Nahrung

Die Meldungen über Bodenverluste durch Erosion und das Vordringen der Wüsten weltweit sind erschreckend und werden zunehmend durch die Dramatik der veränderten Nutzungszwecke noch übertroffen.

Lanbau in Afrika

Im Begehren nach Land hat das sogenannte "Land Grabbing" durch multinationale Unternehmen Ausmaße angenommen, die für die traditionelle Landnutzung durch Kleinbauern ein schwerer Schlag sind. In Europa erleben wir dies seit dem Fall des sogenannten "Eisernen Vorhangs" hautnah. Es werden riesige landwirtschaftliche Nutzflächen von Unternehmen aus Westeuropa erworben, woraufhin eine Form der intensiven, mit hohem Einsatz von synthetischen Düngern und Pestiziden sowie enormem technischen Aufwand arbeitenden Landwirtschaft begründet wird, die der Bevölkerung vor Ort wenige Arbeitsplätze und eine geringe regionale Wertschöpfung beschert. In Deutschland geschieht dies indirekt, weil durch die hohen Subventionen im Bereich der erneuerbaren Energien Pachtpreise für Landwirtschaftsflächen bezahlt werden können, die mit einer Produktion von Nahrungsmitteln statt Energiepflanzen nicht zu realisieren sind.

In vielen Ländern des globalen Südens wurden die Landwirtschaft und die ländliche Entwicklung in den letzten drei Dekaden von der Entwicklungspolitik vernachlässigt. Mit dem dramatischen Anstieg der Lebensmittelpreise als Ergebnis der Nahrungsmittelknappheit in den Jahren 2007/2008 und den Protesten der Bevölkerung in vielen Ländern sind Landwirtschaft und Ernährungssicherung auf enormes Interesse in der nationalen und internationalen Entwicklungspolitik, aber auch bei multinationalen Unternehmen der Lebensmittelwirtschaft gestoßen. Ein Ergebnis war die 2009 ins Leben gerufene "L’Aquila-Initiative", mit der die G8-Länder 20 Milliarden US-Dollar für ein Programm der Ernährungssicherung in Afrika zur Verfügung stellen wollten. Die Mittel flossen aber spärlich (mit Deutschland als positiver Ausnahme) und schnell haben die Länder ihre Verpflichtungen an die 2012 gegründete "Neue Allianz für Ernährungssicherung" abgegeben, da hiermit Investitionen des "Privatsektors" mobilisiert werden sollten.
Genau das ist auch geschehen, und zwar in einer Form, welche die Bezeichnung "Land Grabbing" in vollem Maße verdient. Wenn man einen Blick auf das wirft, was in Afrika unter dem Etikett "Ernährungssicherung" von einigen multinationalen Unternehmen betrieben wird, dann kann man nur voller Furcht daran denken, was dies für die Bevölkerung in den ländlichen Regionen Afrikas bedeutet. Kooperative Übereinkommen mit Regierungen in Afrika haben Zugang zu Land und Erleichterungen beim Export landwirtschaftlicher Produkte zum Ziel, die notwendigen Gesetzesänderungen zugunsten der internationalen Unternehmen sind an der Tagesordnung. Hunderttausende von Hektar in Tansania, Mosambik, Nigeria und Malawi sind so schon verkauft worden und zum Teil werden diese Flächen noch nicht einmal zur Nahrungsmittelproduktion verwendet. Insbesondere der Anbau von Tabak auf 20.000 Hektar in Malawi ohne einen Arbeitsplatz für einen Bewohner dieses Landes ist ein trauriges Beispiel hierfür. Verschärfend kommt hinzu, dass durch Gesetzesänderungen der traditionelle Tausch von Saatgut, das die Bauern selbst erzeugt haben, erschwert wird mit dem Ziel, dass Saatgut von multinationalen Unternehmen zugekauft werden muss.

Im Jahre 2009 wurde der Weltagrarbericht veröffentlicht, der das Ergebnis intensiver Forschungen und Diskussionen von mehr als 400 Experten aus 110 Ländern darstellt. Für eine ökonomisch und ökologisch nachhaltige Entwicklung und eine sozial gerechte Landwirtschaft schlägt dieser Bericht eine Entwicklung vor, die sich agrarökologischer Methoden bedient und die von den betroffenen Menschen vor Ort selbst bestimmt wird, eine sogenannte "Bottom-up"-Entwicklung. Dazu muss die Landwirtschaftspolitik in den Händen von Kleinbauern liegen, die trotz ihrer Marginalisierung immer noch die größten Investoren für die Nahrungsmittelproduktion im globalen Süden sind. Anstelle des "Weiter so wie bisher" ist ein neuer Ansatz für die landwirtschaftliche Entwicklung notwendig, der nicht länger den Interessen multinationaler Unternehmen dient, sondern sich an den Bedürfnissen der betroffenen Menschen orientiert. Mit der heute als Zukunftsmodell propagierten intensiven, von synthetischen Dünge- und Spritzmitteln sowie schlussendlich sogar von gentechnisch veränderten Pflanzen und Tieren abhängigen Landwirtschaft lässt sich keine zukunftsorientierte, nachhaltige und gerechte Lebensmittelproduktion gestalten, so das Fazit des Weltagrarberichtes.

Und genau das Prinzip der Entwicklung einer Region "von unten", getragen von den Menschen vor Ort, will die Alnatura Bio-Bauern-Initiative mit dem DNR-Projekt "Mehr Agrarökologie" fördern. Damit soll Bäuerinnen und Bauern die Möglichkeit eröffnet werden, ihren Landwirtschaftsbetrieb auf den Bio-Landbau umzustellen und damit wieder unabhängig zu werden von den Hilfsstoffen und Hilfsmitteln, welche die Chemie- und Saatgutindustrie so gerne an sie verkauft. Mit dem Verkauf von Bio-Lebensmitteln aus Regionen in Deutschland trägt Alnatura den Konsumentenerwartungen Rechnung und leistet einen aktiven Beitrag zu einer nachhaltigen, zukunftsfähigen Regionalentwicklung.

››› Gastbeitrag Prof. Dr. Hartmut Vogtmann, Professor für Ökologischen Landbau an der Universität Kassel und Vorsitzender des DNR-Projektbeirats. Zuvor Präsident des Bundesamtes für Naturschutz und des Hessischen Landesamtes für Regionalentwicklung und Landwirtschaft sowie Gründungsdirektor des Forschungsinstituts für Biologischen Landbau in der Schweiz (FiBL).