Gastbeitrag: Öko-Landbau gegen den Hunger

Wann wird die Politik endlich verstehen, dass zur Ernährung der wachsenden Weltbevölkerung eine Landwirtschaft mit Agrochemie nicht zum Ziel führt?

Öko-Landbau gegen den Hunger

Anfang Juni 2015 haben sich die sieben großen Wirtschaftsnationen, die sogenannten G7 (Russland war aus bekannten Gründen nicht eingeladen), im herrlich gelegenen Schloss Elmau unter dem Vorsitz von Bundeskanzlerin Angela Merkel getroffen, um die wirtschaftliche und politische Lage in der Welt zu diskutieren. Nicht ohne Grund stehen die beunruhigenden Gewaltkonflikte in der Ukraine, im Nahen und Mittleren Osten sowie die Fragen nach einer Lösung des inzwischen weltweiten Flüchtlingsproblems auf der Tagesordnung. Ebenso beschäftigt der immer deutlicher werdende Klimawandel die Regierungschefs. Allerdings sollte man nicht verkennen, dass die immer dramatischer auseinanderklaffende Schere zwischen armen und reichen Nationen und die zunehmende Armut in den Ländern selbst Ursachen für diese Probleme sind. Dabei spielt vor allen Dingen die Frage der Ernährungssicherung der Menschen und deren Versorgung mit sauberem Trinkwasser eine zentrale Rolle. Diese Probleme stehen auf allen sogenannten Weltkonferenzen mit den unterschiedlichsten Themen auf der Tagesordnung, ohne dass hierzu eine tragfähige und faire Lösung gefunden worden ist. Das war 2007 in Heiligendamm so und auch zwei Jahre später im italienischen L’Aquila sowie im kanadischen Muskoka. So geht es von Gipfel zu Gipfel: große Worte und verschwindend kleine Fortschritte!

Und genau hier zeigt sich die verheerende Fehleinschätzung der Politik, die ihre Hoffnung auf die weltweit agierenden Unternehmen des Agro- und Foodbusiness setzt und diese Ent­wicklung noch mit jährlich 485 bis 677 Milliarden US-Dollar an ökologisch schädlichen Subventionen vorantreibt. Wann wird die Politik endlich verstehen, dass zur Sicherung der Ernährung einer wachsenden Weltbevölkerung ein "Weiter so" nicht zielführend ist? Wann wird sie endlich auf die Vorschläge eingehen, die schon 2008 im Weltagrarbericht (immerhin von 58 Staaten unterzeichnet) veröffentlicht worden sind? Dort wurde festgestellt, dass "die Ernährung der Weltbevölkerung nicht mit der Intensivproduktion und der Agrarpolitik der USA und der EU zu sichern ist". Agrarexporte und der Einsatz von Agrogentechnik verbunden mit einem hohen Einsatz an Chemie und Fremdenergie werden von den über 500 Wissenschaftlern, die an dem Bericht vier Jahre lang gearbeitet haben, als nicht zielführend verworfen. Sie fordern daher konkrete Maßnahmen wie eine wissensbasierte Fortentwicklung angepasster bäuerlicher Landnutzungsformen. Dazu gehören die Entwicklung regional angepasster Pflanzensorten und Tierrassen und der Aufbau regionaler Produktions- und Vermarktungsstrukturen. Den Öko-Landbau sehen sie hierfür als Zukunftsmodell.

Man muss ja nicht so weit gehen wie der in der Süddeutschen Zeitung vom 5. Juni zitierte Schweizer Soziologe und ehemalige UN-Diplomat Jean Ziegler: "Die G 7, das sind nur Befehlsempfänger, und ihre Befehle bekommen sie von den Konzernen." Aber es ist offensichtlich, dass in all diesen Bereichen politische Maßnahmen erforderlich sind, wie zum Beispiel sofort alle Fehlentwicklungen zu stoppen und Anreize für zukunftsfähige Entwicklungen zu bieten. Es wird sich nicht vermeiden lassen, auch ordnungsrechtliche Schritte einzuplanen. Dies wird gegen die Macht der multinationalen Konzerne nicht leicht umsetzbar sein, aber so wie der unternehmerische Mittelstand das Rückgrat nicht nur der deutschen Wirtschaft ist, so gilt dies analog auch für die Land- und die Lebensmittelwirtschaft, und zwar weltweit, wenn wir über die Grenzen des industriellen Agrobusiness hinaus sehen.

Der ökologische Landbau mit einer entsprechenden Lebensmittelverarbeitung und -vermarktung als Grundlage solidarischen Wirtschaftens bietet hier eine große Chance. Gute Beispiele sind vorhanden, die nur auf eine Nachahmung oder sogar Verbesserung warten. Dass die Welternährung auf Grundlage ökologischer Landbausysteme sichergestellt werden kann, wird von Vertretern der konventionellen Agrarwirtschaft häufig in Zweifel gezogen. Untersuchungen von Wissenschaftlern haben aber deutlich gezeigt, dass es nicht darum gehen kann, die Agrarerträge mittels industrieller Landwirtschaft noch weiter zu steigern, um dann Lebensmittel in Entwicklungsländer zu exportieren. Vielmehr muss es darum gehen, mit agrarökologischen Methoden, die der Tradition, dem indigenen Wissen und der Kultur in den jeweiligen Re­gionen angepasst sind, eine zukunftsfähige Sicherung der Ernährung zu entwickeln. Hier ist die Politik gefragt, die notwendigen günstigen Rahmenbedingungen zu schaffen, und Unternehmen, diese auszufüllen. Dazu ist die Alnatura Bio-Bauern-Initiative (ABBI – gemeinsam Boden gut machen), die inzwischen auch von anderen Unternehmen aus dem Bereich der ökologischen Lebensmittelwirtschaft finanziell unterstützt wird, ein leuchtendes Beispiel. Das Ziel: Mehr Öko-Landbau mit fairen Preisen für die Bauern und Verlässlichkeit für die Abnahme der Produkte führt zu weniger Abhängigkeit der Bauern von multinationalen Konzernen und gibt Hoffnung für die Aussage: weniger Hunger durch mehr Öko-Landbau.

››› Gastbeitrag Prof. Dr. Hartmut Vogtmann, Professor für Ökologischen Landbau an der Universität Kassel und Vorsitzender des DNR-Projektbeirats. Zuvor Präsident des Bundesamtes für Naturschutz und des Hessischen Landes­amtes für Regionalentwicklung und Landwirtschaft sowie Gründungsdirektor des Forschungs­instituts für biologischen Landbau in der Schweiz (FiBL).